11. September 2001

Der Schattenmann

Von Wolfgang Günter Lerch

05. September 2006 Den „Alten vom Berge“, der als Führer der radikal-schiitischen Assassinen-Sekte im Mittelalter galt, hatte keiner jemals gesehen. Man wußte nur, daß es ihn gab, den „Scheich al Dschabal“. Und man erzitterte vor ihm und seinen Kämpfern, die christlichen Kreuzfahrer im Heiligen Land nicht weniger als die türkischen Palastwachen in der Hauptstadt Bagdad, denen es oblag, den Kalifen zu beschützen, den lebenden „Schatten Gottes auf Erden“.

Gründer dieser Sekte eifernder Muslime, die das Abbasiden-Kalifat zu Bagdad zerstören wollten und dabei auch vor Terroranschlägen nicht zurückschreckten, war Hassan al Sabbah. Hassans Bild, wie das seiner Leute, ist uns freilich hauptsächlich aus den Schriften ihrer Gegner überliefert. Da ist Vorsicht geboten.

„Mann des Jahres“

Bin Ladin genießt auch zweifelhaften Ruhm

Bin Ladin genießt auch zweifelhaften Ruhm

Bis vor wenigen Jahren war der Muslim-Führer Usama Bin Ladin sogar den meisten Muslimen fast unbekannt, und gesehen hatten ihn von Angesicht zu Angesicht noch weniger. Doch der 11. September des Jahres 2001 machte ihn mit einem Schlag zum „Erzterroristen“ und einer Weltberühmtheit, buchstäblich zu einem „Mann des Jahres“, obschon in einem ganz anderen als dem sonst üblichen Kontext.

Nur in der Welt des Islams gab es viele (und gibt es sie noch oder wieder), die auf den Straßen Sympathie bekunden, T-Shirts mit seinem Konterfei kaufen, ihre Söhne nach ihm nennen und allerlei Rechtfertigungen für den Mann vorzubringen wissen, auf dessen Wunsch hin die New Yorker Twin Towers in die Luft gejagt worden waren.

Ob man das im Westen gerne hört oder nicht, aber im Islam kommt Bin Ladin vielerorts der Status gleich, den anderswo „Onkel Che“ eingenommen hatte und noch immer einnimmt: als Identifikationsfigur scheinbar oder wirklich Schwacher, bisweilen auch einfach politisch Unreifer, die ihre mangelnde Fähigkeit zur Analyse hinter einer Führerfigur verbergen wollen.

Bauingenieur und Architekt

In Usama Bin Ladin sah man, als die führende Figur und Gründer der Terrororganisation Al Qaida, alsbald den Haupturheber der Anschläge in Amerika; und das am 9. November 2001 aufgenommene, bei den Kämpfen in Dschalalabad in Afghanistan aufgefundene Videoband scheint an seiner Schuld keinen großen Zweifel zu lassen.

Zynisch enthüllte er darauf Einzelheiten über seine statischen Erwartungen und Berechnungen hinsichtlich der beiden New Yorker Türme (er war ja als Bauingenieur und Architekt Fachmann), die von der Wirklichkeit übertroffen worden seien, gab überdies Details an, die nur der Eingeweihte kennen konnte. Der Kampf gegen Bin Ladin mußte damals aber auch einer gegen das Taliban-Regime sein, mit dem er persönlich über dessen „Kalifen“ Mullah Omar und darüber hinaus auch ideologisch wie organisatorisch auf das engste verzahnt war.

Vom Wohlstandskind zum Dissidenten

Usama Bin Ladin, 1957 oder 1955 im saudiarabischen Dschidda am Roten Meer geboren, hat den Weg vom schwerreichen Bauunternehmer zum islamistischen Terroristen beschritten, ein Renegat mithin, der zuvor - einschlägige Veröffentlichungen aus dem familiären Umkreis sprechen eine beredte Sprache - den Genüssen des Lebens gar nicht so abhold gewesen war

Der erste Tummelplatz seiner islamistischen Leidenschaften war das eigene Land, wo er - nach Jahren einer im Wohlstand verbrachten Jugend, die er seinem vermögenden, wohl aus dem Jemen stammenden Vater zu verdanken hatte - schließlich zur wichtigsten Figur der saudischen Dissidenten-Szene aufstieg. Die besteht vornehmlich aus religiös inspirierten Feinden der seit mehr als hundert Jahren in Riad herrschenden Dynastie der Al Saud.

Sie werfen der Dynastie, die zusammen mit der Familie der Al Scheich das Land dominiert, eine unislamische Lebensweise, korrupte Herrschaft sowie das enge politische und militärische Bündnis mit den Amerikanern, dem Westen überhaupt vor. Die Al Scheich sind die Nachkommen jenes Muhammad Ibn Abdal Wahhab, der im 18. Jahrhundert die streng-puritanische Lehre begründete, die man nach ihm benannte: Wahhabismus.

Herrschaft über die heiligen Stätten

Usama Bin Ladin forderte immer wieder, die nach dem Golfkrieg 1991 im Lande verbliebenen amerikanischen Soldaten, die den „heiligen Boden“ des Islams „entweihten“, müßten Saudi-Arabien verlassen. (Das, übrigens, hat er inzwischen auch beinahe erreicht.) Auch stellt er immer wieder ein Junktim mit dem Palästina-Konflikt her, das ihm auch friedliche Muslime abnehmen: Der Islam müsse die Herrschaft über die heiligen islamischen Stätten in Jerusalem erringen und die Souveränität Israels dort beenden.

Eingebettet sind diese Forderungen allerdings in eine antiwestliche Haltung, wie sie die islamistische Ideologie insgesamt kennzeichnet, verbunden mit gegen die „Ungläubigen“ gerichteten Weltherrschafts-Phantasien - die Globalisierung des „heiligen Terrors“.

„Basis, Grundlage, Militärbasis“

Der wichtigste Ort seiner Betätigung wurde das zwischen 1979 und 1989 russisch besetzte Afghanistan, wo er sich mit Geld und Personal am Dschihad gegen die verhaßten „Schurawi“, die Kommunisten, beteiligte. Bin Ladin baute von Pakistan aus unter dem Einfluß seines Mentors Abdullah Azzam, eines Palästinensers und Mitbegründers von Al Qaida, eine Truppe von Kämpfern auf, die aus anderen muslimischen Ländern kamen, wobei besonders viele Ägypter dazugehörten, aber auch Tschetschenen, Jemeniten, Algerier, Marokkaner und andere.

In Afghanistan wurden Trainingslager eingerichtet. Saudiarabische und ägyptische Staatsbürger bildeten bald, seit 1988, den Kernbestand der Al Qaida (ein Wort, das mit „Basis, Grundlage, Militärbasis“ zu übersetzen ist), die sich zum schlagkräftigsten Instrument des islamistischen Terrorismus entwickelte. Auf dem Höhepunkt seines Einflusses standen in Afghanistan etwa 40.000 Fremde unter Waffen, die bei den Afghanen nie sehr beliebt, am Ende sogar verhaßt waren. Schon 1994 hatte sein Heimatland Saudi-Arabien Usama Bin Ladin die Staatsbürgerschaft entzogen.

Ziel World Trade Center

1993 hatten islamische Extremisten unter Scheich Umar Ibn Abdal Rahman erstmals versucht, die Doppeltürme des World Trade Center in New York zu sprengen, einigen der Attentäter wurden Beziehungen zu Al Qaida nachgewiesen. Daraufhin begab sich Bin Ladin nach Sudan, wo Islamisten seit dem Ende der achtziger Jahre unter dem General Omar al Baschir am Ruder sind.

Bombenanschläge in Riad und Dhahran gegen Amerikaner wurden der Al Qaida zugeschrieben. Amerikanischer Druck auf die Regierung in Khartum bewirkte schließlich, daß diese Bin Ladin auswies. Der Islamisten-Führer begab sich wieder nach Afghanistan, wo seit 1994 die Taliban, rekrutiert unter den Paschtunen aus einfachen Koranschulen in Pakistan, immer mehr an Macht gewannen und schließlich, seit der Eroberung Kabuls im Jahre 1996, bis zu neunzig Prozent des Landes am Hindukusch unter Kontrolle hatten.

Radikale Wende der Weltgeschichte

Sie überzogen das Land mit ihrer archaischen Interpretation des Islams, finanziert von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die zusammen mit Pakistan als einzige Regierungen das Regime in Kabul diplomatisch anerkannten. Inzwischen waren Kämpfer der Al Qaida auch in Tschetschenien aktiv. Islamisten bedrohten die Regime in Usbekistan und Kirgistan durch gelegentliche Einfälle bewaffneter Banden oder Anschläge.

Auch im tadschikischen Bürgerkrieg spielte das Afghanistan der Taliban eine wenig rühmliche Rolle. 1998 flogen die amerikanischen Botschaften in Daressalam und Nairobi in die Luft, fast dreihundert Menschen, Afrikaner zumeist, wurden getötet. Elf Tote gab es beim Angriff auf ein amerikanisches Schiff im Hafen von Aden. Als schließlich am 11. September die beiden New Yorker Türme angegriffen wurden und einstürzten, hatte Usama Bin Ladin, ohne es wirklich zu wissen, der Weltgeschichte eine radikale Wende beschert.

Im Habitus der einfache Prophet

Zu den Widersprüchlichkeiten seiner „Karriere“ wie der Weltpolitik gehört, daß es Zeiten gab, in denen die Amerikaner aus politischen Erwägungen heraus - es herrschte noch der Kalte Krieg - in Bin Ladin keineswegs den Erzfeind erblickten und auch später mit den Taliban Arrangements zu erreichen versuchten. Das währte etwa bis zum Sommer des Jahres 2001. Dann waren alle Versuche gescheitert, die Taliban auch mit saudischer Hilfe auf friedlichem Wege zu einer Herausgabe des abtrünnigen Saudi-Arabers zu bewegen.

Der bisweilen eher zerbrechlich als martialisch wirkende Mann, der sich mit der Aura des einfach gewandeten Propheten umgibt und gerne - neben seinen Haßtiraden - arabische Gedichte in klassischer Manier vor der Videokamera zum besten gibt, befiehlt heute, fast unsichtbar geworden wie seinerzeit der „Alte vom Berge“, sein Schattenreich, mit Hilfe von Ayman al Zawahiri, der in letzter Zeit seine Botschaften verkündet. Taucht Usama Bin Ladin selbst auf Videobändern auf, gilt die erste Frage immer der Authentizität.

Archaik natürlicher Unschuld

Eindrücklich im Gedächtnis blieb ein Video, das Bin Ladin zusammen mit einem Gesinnungsgenossen in fast bukolischer Atmosphäre zeigte: beim Wandern durch die Berge irgendwo im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, in einfacher arabischer Kleidung und gestützt auf einen knorzigen Stock. Beim Anblick dieser Szenerie fühlte sich mancher in jene Zeiten zurückversetzt, da Abraham aus Ur in Chaldäa aufbrach. Bin Ladin setzte in solchen Bildern mit ihrer sanft daherkommenden Archaik natürlicher Unschuld ein bewußtes Gegenbild zur sündigen Welt, die natürlich eine westliche ist, aber längst auch den Islam zerfrißt, wie er das sieht.

Ohne Bin Ladin gäbe es keinen „war on terrorism“ in seiner jetzigen Form, ohne ihn keine Aversionen zwischen Europäern und Amerikanern - jedenfalls gegenüber denen, die Bush gewählt haben. Wie stark Usama Bin Ladins Einfluß auf das sogenannte Terrornetzwerk, das immer loser zu werden scheint, noch ist, kann nur schwer eingeschätzt werden.

Amerika, der Zionismus und der Westen

Al Qaida ist anscheinend stark regionalisiert, auch gibt es Trittbrettfahrer und solche, die mit Bin Ladin keinerlei Beziehungen haben, ihn aber als Ikone des „Widerstandes“ gegen die Satane dieser Welt akzeptieren, ja verehren. Diese Satane sind Amerika, der Zionismus und der Westen, nicht allein wegen deren Politik (über die man tatsächlich streiten kann), sondern vor allem wegen des Lebensstils. Bin Ladin und die Seinen stilisieren sich erfolgreich zu visionären, obzwar kaum faßbaren Gestalten des unverstellt Guten.

Gelegentlich tauchen Zweifel auf, ob Bin Ladin denn überhaupt noch lebe. Hätten ihn die Amerikaner denn im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet nicht längst fangen können, wenn sie es wirklich wollten? Verdächte kommen auf. Schon wieder eine Verschwörungstheorie. Wer den Orient besser verstehen will, muß lernen, zwei Welten anzuerkennen: eine, in der real agiert wird, auch blutig; und eine zweite, in der Wirklichkeit und Phantasmagorie, reine Erfindung und Fakten, für Außenstehende nicht entwirrbar, miteinander vermischt sind. Es ist schon eine Weile her, daß man Usama Bin Ladin auf einem laufenden Band gesehen hat; immer mehr erinnert er an den „Alten vom Berge“, der als leibhaftiger Mensch da war und doch für die Öffentlichkeit seltsam entrückt.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, F.A.Z., F.A.Z.-Kat Menschik

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