Der Fall Sürücü

Mord bleibt Mord

Trauer und Debatten - der Ehrenmord-Fall Sürücü

Trauer und Debatten - der Ehrenmord-Fall Sürücü

Die Familie Sürücü zeigt sich uneinsichtig: Ihrer Meinung nach hat der jüngste Sohn Ayhan, der nun zu neun Jahren und drei Monaten Jugendstrafe verurteilt wurde, recht gehandelt, als er seine Schwester Hatun „aus verlorener Ehre“ ermordete.

In der Türkei wäre er schwerer bestraft worden, wahrscheinlich hätten auch seine Brüder mit einer Verurteilung rechnen müssen. Sie kamen ungeschoren davon. Die Türkei hat das Strafmaß für solche Untaten vor einiger Zeit verschärft. Sie kommen dort noch immer in einem so relevanten Ausmaß vor, daß die Regierung eine Beauftragte für diese Fälle ernannt hat. Den Europa-Abgeordneten Cem Özdemir kann man verstehen, wenn er das Urteil als zu milde empfindet, denn die Familien suchen bewußt den jüngsten Sohn für solche Morde aus.

Archaischer Ehrbegriff

In Deutschland spricht man nun darüber, daß Migranten etwa aus Ostanatolien manche Sitten mitgebracht haben, die nicht der verordneten Leitkultur des multikulturellen Volksfestes entsprechen. Die „Ehrenmorde“ sind in islamischen Ländern in Traditionen eingebettet, die - wie auch die Blutrache - um einen archaisch ausgelegten Ehrbegriff kreisen. Darin integriert ist ein Frauenbild, das die Frau weniger als selbständiges Wesen, sondern vielmehr als „die Ehre des Mannes“ ansieht. Auch Zwangsheiraten gehören in einem weiteren Sinn in diesen Komplex.

Die Soziologin Necla Kelek hat die Gewaltkreisläufe beschrieben, die daraus resultieren können. Als ein vormodernes Phänomen kannte man solche Morde auch auf Sizilien, Sardinien und Kreta. Eine schon in der Antike bekannte mediterrane Frauenverachtung hat sich Tradition, Umfeld und Ideologie zurechtgemacht. In europäischen Ländern hielt sich unter Offizieren und Zivilisten eine Erscheinung wie das Duell um der „Ehre“ - häufig um (den Besitz) der Frauen willen - auch noch, als sie längst strafrechtlich geahndet wurde.

Dennoch: Durch abschreckende Strafen, aber auch durch Aufklärung muß man dieses spezielle Gewaltgeflecht, das heute hauptsächlich ein „islamisches“ Phänomen ist, allmählich auflösen und zerstören. Mord bleibt Mord, einen mildernden multikulturellen Bonus kann es da nicht geben. Gerade die dezidierten türkischen Stimmen zu solchen Fällen lassen hoffen, daß im Rahmen der Integrationsbemühungen auch unter manchen deutschen Politikern größerer Realismus um sich greift.

Text: wgl./ F.A.Z., 15.04.2006, Nr. 89 / Seite 1
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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