Nobelpreise

Deutsche Forschung leidet unter schlechter Lobbyarbeit

Erfolgsverwöhnt: Wieder einmal Nobelpreisjubel in Stanford

Erfolgsverwöhnt: Wieder einmal Nobelpreisjubel in Stanford

06. Oktober 2006 Daß in diesem Jahr alle naturwissenschaftlichen Nobelpreise an amerikanische Forscher vergeben wurden, ist nach Ansicht des Vizepräsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Helmut Schwarz, das Ergebnis geschickter Lobbyarbeit. Zwar hätten die aktuellen Laureaten für Medizin, Physik und Chemie die Anerkennung verdient, aber in Europa oder Asien hätte man ebenso würdige Preisträger finden können, sagte Schwarz. Mit den fünf neuen Ausgezeichneten hat sich die Zahl der Nobelpreisträger aus den Vereinigten Staaten auf insgesamt 228 seit 1901 erhöht. Damit liegt Amerika mit weitem Abstand vor Großbritannien (75) und Deutschland (65) an der Spitze.

Die großen amerikanischen Universitäten und Forschungsorganisationen legen sich nach Schwarz' Worten schon ein Jahr vor der Wahl auf wenige Kandidaten aus dem eigenen Land fest. Wenn das schwedische Nobelpreiskomitee dann weltweit um Kandidatenvorschläge bitte, würden die Amerikaner ihre vereinbarten Favoriten nennen. „Zum Schluß kommen so viele Stimmen zusammen, daß die Nobelversammlung um diese Vorschläge nicht mehr herumkommt“, sagte Schwarz, der an der Technischen Universität Berlin Chemie lehrt.

Japan hat Nobelpreis-Lobbyarbeit verstärkt

In keinem anderen Land sei dieses System so perfekt wie in den Vereinigten Staaten. Allerdings hätten auch die Japaner schon erkannt, wie das Spiel funktioniere. Sie hätten eine Agentur in Stockholm eingerichtet, die japanische Forscher als Nobelpreiskandidaten ins Gespräch bringe. Schwarz: „Das hat sich in den vergangenen Jahren auch schon in Form von Physik- und Chemiepreisen ausgezahlt.“

In Deutschland hingegen schlage jeder, der gefragt werde, eigene Kandidaten vor. Weil man sich nicht abstimme, gebe es auch vergleichsweise wenige deutsche Nobelpreisträger. Weiter sagte Schwarz: „Wir Deutschen haben offenbar ein Problem damit, uns selbst zu loben.“ Verbesserungen erwartet der DFG-Vizepräsident von dem Exzellenzwettbewerb der Universitäten. „Die künftigen Elite-Unis werden stark zusammenhalten“, hofft Schwarz.

Nobelpreis-Schmiede Medical School Stanford

Der deutsche Chemie-Nobelpreisträger von 1988, Robert Huber vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München, ergänzt: „Die Amerikaner verstehen es gut, ausgezeichnete Leute aus dem Ausland zu holen, die gute Arbeit machen.“ Paradebeispiel erfolgreicher amerikanischer Forschung ist die Medical School der Stanford University in Kalifornien: Zwei von fünf der neuen Nobelpreisträger arbeiten dort. Die kleine, aber elitäre Mediziner-Hochburg liegt im Silicon Valley. Sie führt ihren Erfolg teils auf die Nähe zu industriellen Partnern, teils aber auch auf die enge Zusammenarbeit mit der benachbarten Technischen Universität von Stanford zurück.

Seit ihrer Gründung 1958 gelangen an der Medical School zahlreiche medizinische Durchbrüche. Hier wurde 1981 die erste erfolgreiche Herz- und Lungentransplantation durchgeführt, 2000 das erste vererbte Arthritis-Gen und 2001 eine neue Gruppe von Asthma-Genen entdeckt. Stanfords Medical School beschäftigt 736 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter, erhielt im vergangenen Jahr 245 Millionen Dollar aus der öffentlichen Hand und bittet ihre Studenten mit einer jährlichen Studiengebühr von rund 50.000 Dollar zur Kasse. Dennoch erscheint diese Zukunftsinvestition sehr vielen lohnend: Von 5548 Studienplatz-Bewerbern wurden 2005 nur 86 angenommen - Auslese auch in dieser Hinsicht.

Kornberg: „Beispiellose öffentliche Unterstützung“

Der frischgekürte Chemie-Nobelpreisträger Roger D. Kornberg erklärte den Erfolg der amerikanischen Forscher kurz nach seiner Ernennung so: „Das liegt an der beispiellosen öffentlichen Unterstützung für die Wissenschaft in den Vereinigten Staaten. Und an der Größe des Wissenschaftsbetriebs.“ Der Chefredakteur des renommierten amerikanischen Fachjournals „Science“, Donald Kennedy, sieht die Europäer und Asiaten jedoch in der Aufholjagd: „Einige Leute in den Vereinigten Staaten machen sich darüber inzwischen ernsthafte Sorgen - aber ich glaube, daß dies der Wissenschaft sehr gut tun wird“, sagte er in einem „Spiegel“-Interview.

In den Vereinigten Staaten lag der Anteil für Forschungsausgaben zuletzt bei etwa 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Deutschland sanken die Gesamtausgaben von Staat und Wirtschaft für Forschung und Entwicklung von 2,52 Prozent (2003) auf 2,48 Prozent (2004) des BIP. Während der Bund zusätzliche sechs Milliarden Euro bis 2009 in ein Wachstumspaket von insgesamt 14,9 Milliarden Euro investiert, müssen Länder und Wirtschaft noch nachziehen. Nur so kann das EU-Ziel, bis zum Jahr 2010 drei Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung auszugeben, erreicht werden. Von der Investition in die Forschung bis hin zum „Pflücken der Früchte“, etwa als hohe Wissenschaftspreise, können leicht bis zu 15 Jahre vergehen.

Text: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
Bildmaterial: AP, dpa

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