Demographie

Erst fehlen die Kinder, dann die Eltern

Von Frank Pergande

Verwaister Spielplatz in Ueckermünde

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20. Oktober 2006 Die Abwanderung aus den neuen Bundesländern in den Westen ist nach wie vor hoch. In absoluten Zahlen ist Sachsen der Spitzenreiter. Der Freistaat hat im vergangenen Jahr 22.500 Einwohner verloren. Seit 1990 sind es insgesamt schon knapp 640.000 - bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 4,3 Millionen. Auf die Bevölkerungszahl bezogen, verlieren Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern jedoch deutlich mehr Einwohner.

Vergleicht man Weg- und Zuzüge in Sachsen-Anhalt, so verlor das Bundesland im vergangenen Jahr 12.600 Einwohner bei knapp 2,5 Millionen Einwohnern insgesamt. In Mecklenburg-Vorpommern waren es etwas mehr als 7000 Einwohner bei einer Gesamtzahl von 1,7 Millionen.

Nur Brandenburg hat Zugewinn

Auch Thüringen verliert Jahr für Jahr Einwohner, im vergangenen Jahr knapp 12.000. Nur Brandenburg hat einen winzigen Zugewinn: 808 Einwohner im vergangenen Jahr - bei insgesamt 2,5 Millionen Bürgern. Das hat mit dem Berliner Umland zu tun, dem sogenannten Speckgürtel, wo noch immer viele neue Wohnviertel entstehen und vor allem Berliner hinziehen.

1990 hatte allein Sachsen mehr als 130.000 Einwohner verloren. Und um die Jahrtausendwende gab es in allen neuen Bundesländern abermals eine große Abwanderungswelle. Seitdem sind die Zahlen in den einzelnen Jahren mal höher, mal niedriger. Thüringen verlor im vergangenen Jahr sogar noch mehr Einwohner als im Krisenjahr 2000.

Kindermangel verstärkt Abwanderung

Eigentlich sollte Abwanderung kein großes Problem sein. Mecklenburg und Vorpommern hatten vor dem Kriegsende und dem dann einsetzenden Flüchtlingsstrom zusammen 1,5 Millionen Einwohner. Heute sind es noch immer deutlich mehr. Die künstlichen Industriezentren aus der DDR-Zeit sind verschwunden. Daher kann man sogar sagen: Die Einwohnerzahl hat sich normalisiert, auch wenn es dramatisch klingt, daß schon mehr als 1,5 Millionen Menschen seit 1990 den Osten verlassen haben.

Die Abwanderung im Osten wird durch zwei Umstände verstärkt: den Kindermangel und die sogenannte selektive Abwanderung. In Sachsen wurden im vergangenen Jahr fast 18.000 Kinder weniger geboren als noch 1990. In den Kindergärten und Grundschulen sind die Folgen längst zu merken. Demnächst werden der Lehrstellenmarkt und die Universitäten davon erfaßt. Die Diskussionen über Bildungs- und Betreuungsstandards, aber auch der Streit über Regional- und Gemeinschaftsschulen haben in allen neuen Ländern zwar immer noch einen ideologischen Unterton, sie sind jedoch in erster Linie eine Reaktion auf die demographische Entwicklung. Eine Gemeinschaftsschule ist schon aus dem Grund leichter zu erhalten, weil dort mehr Schüler zusammenkommen.

2015 „zweiter Wendeschock“

Im Jahre 2015 werde es einen „zweiten Wendeschock“ geben, sagt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Denn dann fehlen nicht mehr nur die Kinder, sondern auch die Eltern. Die selektive Abwanderung, von der die Bevölkerungswissenschaftler sprechen, ist das eigentliche Problem Ostdeutschlands. Gemeint ist damit: Die gutausgebildeten jungen Leute gehen weg - und unter ihnen vor allem die jungen Frauen. 60 Prozent derer, die Mecklenburg-Vorpommern verlassen, haben einen Hochschulabschluß. Nur 12 bis 14 Prozent der aus dem Osten Abgewanderten waren arbeitslos. So fehlen den neuen Ländern nicht nur die gutausgebildeten Arbeitskräfte, sondern eben auch die Frauen.

So wird es kommen: Prognose des Berlin-Instituts

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In Ostdeutschland kommen heute nur noch 82 Frauen auf hundert Männer. Im vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow sind es bei den 18 bis 29 Jahre alten Einwohnern 74 Frauen auf hundert Männer. Die Abwanderung ist keineswegs gleichmäßig über den Osten hinweg verbreitet. Schwerpunkt sind die besonders armen Gebiete. Vorpommern etwa wird bis 2020 ungefähr 17 Prozent seiner Bevölkerung verloren haben.

In Westmecklenburg hingegen sollen es nach den Schätzungen nur drei Prozent sein - und das auch nur, weil dieser Landstrich aus Hamburg schnell zu erreichen ist, zur Not als Weg zur Arbeit auch jeden Tag. Der vorpommersche Landkreis Uecker-Randow rechnet damit, daß in den nächsten fünfzehn Jahren die Bevölkerungszahl um ein Drittel sinkt. Die Uckermark oder die Prignitz in Brandenburg gelten schon heute gleichsam als menschenleer - und dadurch allerdings auch wieder als attraktiv.

Urbane Lebendigkeit fehlt

So weit ist es gekommen: Entwicklung bis 2004

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Leere und Landschaft seien der einzige Trumpf, so das Berlin-Institut. Durch die Städtebauförderung sind mit Mitteln des Bund-Länderprogramms Stadtumbau Ost seit 2002 insgesamt 131.596 Wohnungen vor allem in Plattenbausiedlungen abgerissen worden. Rückgebaut, sagt beschönigend das Bundesbauministerium, das auch zuständig ist für den „Aufbau Ost“ - ein kaum minder beschönigender Begriff.

Sachsen will eine Viertelmillion solcher Wohnungen abreißen. Gleichzeitig wurden die Stadtzentren vieler kleinerer Städte restauriert. Das sieht zwar hübsch aus, aber es fehlt an Geschäften, an urbaner Lebendigkeit und damit an Lebensqualität. Mit der Abwanderung geht ein kultureller Verfall einher. Sachsen und neuerdings auch Mecklenburg-Vorpommern haben die politischen Folgen davon zu spüren bekommen, als die NPD in beide Landtage einzog.

„Sachse, komm zurück“

Die alltäglichen Folgen sind gleichfalls abzusehen. Die ohnehin von Anfang an zu groß geratenen Klärwerke kommen in Schwierigkeiten. Anschlüsse für Energie, Wärme und Wasser werden immer teurer. Ohne Schülerverkehr ist auch kein öffentlicher Nahverkehr aufrechtzuerhalten. Zugleich aber werden für viele Schüler die Schulwege immer länger. Der Trend wird sich nicht mehr umkehren lassen. Ein Wissenschaftler der Humboldt-Universität sprach vom langsamen Tod Ostdeutschlands. Ostdeutschland könnte bestenfalls eine Art Nationalpark werden. Ökonomen haben dafür einen Begriff: „passive Sanierung“.

Die Bemühungen der Politik, dagegen anzugehen, wirken ungewollt komisch. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Rückholagentur „mv4you“, die Rückkehrwilligen helfen will und in ein paar Dutzend Fällen Leuten auch tatsächlich geholfen hat, die vielleicht auch ohne Agentur den Weg zurück in die Heimat geschafft hätten. Sachsen-Anhalt hat vor zehn Jahren 1,5 Millionen „Ostpakete“ verschickt mit „Ostprodukten“, um das Heimweh zu fördern. In Sachsen gibt es einen Verbund „Sachse, komm zurück“, der darauf setzt, daß der absehbare Fachkräftemangel Leute aus der Fremde zurücklocken könnte. Daß die jungen Leute im Alter zurückkommen würden in ihre Heimat und auf diese Weise etwas zum Aufschwung beitragen könnten - auch von dieser Hoffnung muß man sich verabschieden. Sie fühlen sich viel zu wohl in Hamburg, im Rhein-Main-Gebiet oder in München.

Text: F.A.Z., 19.10.2006
Bildmaterial: Berlin-Institut/dtv 2006, dpa, REUTERS

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