Fragen zur Einbürgerung

Hätte ich diesen Test bestanden? Ganz sicher bin ich mir nicht

„Ich war nur schwach informiert über die politische Struktur der Bundesrepublik”

„Ich war nur schwach informiert über die politische Struktur der Bundesrepublik”

18. März 2006 Der Frankfurter Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki kritisiert den hessischen Einwanderungstest als zu anspruchsvoll. Er sei sich nicht sicher, ob er ihn selbst bestehen würde, sagte Reich-Ranicki der F.A.Z.

Herr Reich-Ranicki, mußten Sie, als Sie 1958 aus Polen nach Deutschland kamen, den deutschen Behörden beweisen, daß Sie in der deutschen Kultur und Geschichte bewandert sind?

Das hessische Innenministerium schickte damals einige Juristen von Wiesbaden nach Frankfurt, die prüfen sollten, ob mir die deutsche Staatsbürgerschaft gebühre. Da ich ein deutsches Abitur hatte, wurde ich mit primitiven Fragen nicht gequält. Allerdings erwartete ich irgendwelche Fragen, vielleicht zu Schiller oder Kleist, doch waren die Prüfer sehr intensiv an einem ganz anderen Autor interessiert: Sie wollten wissen, was ich von Boris Pasternak halte, denn alle redeten damals von seinem Roman "Dr. Schiwago".

Sie haben sich den aktuellen Fragebogen des hessischen Innenministeriums für Einwanderungswillige angesehen. Was glauben Sie, würden Sie den Test bestehen?

Wohl nur teilweise, ganz sicher bin ich mir da nicht.

Verstehe ich das richtig? Deutschlands Literaturpapst würde also heute an Deutschlands Grenzen abgewiesen, wenn er sie nicht schon vor fünfzig Jahren überwunden hätte?

Ja, das ist wohl nicht ganz auszuschließen. Die politischen Fragen, Fragen, die die Verfassung und die Struktur des deutschen Staates betreffen, hätte ich, aus der Welt jenseits des "Eisernen Vorhangs" kommend, wohl nur zum Teil beantworten können. Ich war hinreichend informiert über die deutsche Kultur, aber ich war nur schwach informiert über die politische und gesellschaftliche Struktur der Bundesrepublik.

An welchen Fragen wären Sie gescheitert?

Na ja, Fragen, die den Sport betreffen, hätte ich mit Sicherheit nicht beantworten können. Heute wird nach dem "Wunder von Bern" gefragt, und heute weiß ich, was damit gemeint ist: Die deutsche Mannschaft wurde 1954 Fußballweltmeister, und niemand hatte damit gerechnet. Damals wußte ich es nicht. Dabei lag die Sache erst Jahre zurück. Ein anderes Beispiel. Nehmen wir die Frage 67: "Wie heißt die Vertretung der deutschen Länder auf Bundesebene?" Ich weiß es nicht. Ist das vielleicht der Bundesrat? Schon möglich, aber sicher bin ich mir nicht.

Ist nur der Anspruch zu hoch, sind vielleicht nur die Fragen falsch ausgewählt und zusammengestellt, oder lehnen Sie das ganze Verfahren ab?

Wenn man bedenkt - und das muß man bedenken -, daß diese Fragen ja auch von Putzfrauen und Pförtnern beantwortet werden sollen, dann sind sie freilich falsch ausgewählt, dann ist der Anspruch zu hoch. Es wird zum Beispiel gefragt, welches Motiv eines der bekanntesten Bilder von Caspar David Friedrich zeigt. Gemeint sind vermutlich die Kreidefelsen, denn es wird ausdrücklich gesagt, daß dieses Gemälde auf Rügen entstanden sei. Ein schönes Bild, ja. Aber muß man das wissen?

Und was halten Sie von dem Verfahren?

Ist im Prinzip nicht falsch. Das ganze Verfahren ist wohl genauso sinnvoll wie der Fragebogen, den man ausfüllen muß, wenn man den Führerschein haben will. Niemand beherrscht alle Verkehrsregeln, aber die meisten Menschen bestehen die Prüfung, weil sie vom Fahrerlehrer entsprechend vorbereitet wurden.

Wer soll die Einwanderungswilligen vorbereiten?

Da müßte man wohl einen neuen Beruf schaffen.

Die Fragen stellte Hubert Spiegel



Text: F.A.Z., 18.03.2006, Nr. 66 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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