Interview

„Moratorium für Biosprit“

11. April 2008 Der Leiter des International Food Policy Research Institutes in Washington, Joachim von Braun, über die Konsequenzen der weltweiten Preissteigerungen bei Lebensmitteln. Das Gespräch führte Reinhard Veser.

Welche Auswirkungen haben die Preissteigerungen für den Kampf gegen den Hunger? Heißt das, dass er zunächst einmal nicht gewonnen werden kann?

Der Kampf gegen den Hunger kann durchaus noch gewonnen werden, es hat dabei auch erhebliche Fortschritte gegeben. Die jetzigen Preissteigerungen sind aber so extrem, dass Hunger oder wenigstens die Mangelernährung in den armen Bevölkerungsgruppen zunehmen werden. Für den Kampf gegen den Hunger sind zwei Maßnahmenbündel nötig: eine drastische Ausweitung der direkten Hungerbekämpfung durch Ernährungsprogramme, die sich auf Kinder konzentrieren; zum anderen ist eine Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft nötig, etwa durch Forschung oder Verbesserung des Marktanschlusses der vielen Kleinbauern, die über erhebliche Produktivitätsreserven verfügen. Dazu ist auch eine Ausweitung der Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit in Landwirtschaft und Ernährung nötig. Diese beiden sind in den vergangenen 15 Jahren vernachlässigt worden.

Welches Konfliktpotential steckt in diesem Anstieg der Lebensmittelpreise?

In schon annähernd 30 Ländern hat es Unruhen gegeben, Streiks und Auseinandersetzungen auf der Straße, unter anderem ausgelöst durch Lebensmittelpreissteigerungen. Die Preiskrise ist somit schon, insbesondere in einigen labilen Staaten, zum Sicherheitsrisiko geworden.

Welche Konsequenzen sollten aus der derzeitigen Krise gezogen werden?

Das Ausmaß, in dem Grundnahrungsmittel inzwischen in die Ethanol- und Biodieselproduktion gehen, kann in dieser krisenhaften Situation nicht weiter verantwortet werden. Daher muss zur Stabilisierung der Weltlebensmittelpreise über ein Moratorium für die Bioenergieproduktion nachgedacht werden. Außerdem brauchen wir ein international koordiniertes Vorgehen, um die Agrarhandelspolitik, die zurzeit in die Irre geht, wieder auf Kurs zu bringen. In dieser Krisensituation schottet sich ein Land nach dem anderen ab, und dadurch werden die Chancen unterminiert, der Knappheit durch Handel Herr zu werden. Korrigiert werden kann das nur durch internationales Vorgehen. Einzelne Länder müssen sich aus innenpolitischen Gründen so verhalten. Hier sind also die WTO und auch die Industrieländer gefordert, die in den vergangenen Jahrzehnten durch ihren Agrarprotektionismus der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern Wachstumschancen genommen haben. Auch deswegen kommt die Reaktion auf die gesteigerte Nachfrage so verzögert.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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