Griechenland

Wahlkampf in Aschewüsten

Von Christoph Ehrhardt, Olympia

Die Flammen werden schwächer, doch der Rauch ist immer noch beißend

Die Flammen werden schwächer, doch der Rauch ist immer noch beißend

29. August 2007 Die alten Herren von Koutsochera kommen schnell zur Sache. Männer mit Dreitagebart, ausgebeulten Hosen, gefurchten Gesichtern und von der Sonne gegerbter Haut. Sie schieben mit dem Daumen ihre Kombológia, ihre Perlenketten, durch die geschlossene Hand und fragen aufgebracht: „Wann bekommen wir endlich das Geld?“ Es herrscht ein wort- und gestenreiches Durcheinander. Sie hätten Glück, dass Wahlkampf sei, antwortet Vassilis Kontogiannopoulos. Das erhöhe ihre Chance, dass der Bürgermeister die von der griechischen Regierung für die Opfer der Feuerkatastrophe versprochene Soforthilfe schnell verteilen könne.

Kontogiannopoulos ist unterwegs auf einer Tour in die von den Großfeuern zerstörten Dörfer. Er war von 1989 bis Januar 1991 in zwei Kabinetten griechischer Erziehungs- und Religionsminister und entstammt der Katastrophenregion. Er bezeichnet sich selbst als „Sozialliberalen“ und als „Mitglied der ersten Stunde“ der derzeitigen griechischen Regierungspartei Nea Demokratia. Er wechselte jedoch zur linken Oppositionspartei Pasok, für die er bei der anstehenden Wahl antritt. „Ich mache hier keine Wahlkampftour“, behauptet er. „Es geht mir darum herauszufinden, was jetzt die größten Sorgen der Menschen sind.“

„Unternimm etwas!“

Das Gespräch in dem kleinen Bergdorf, in dem 14 Häuser von den Flammen vernichtet wurden, dreht sich schnell um Politik. Die alten Männer von Koutsochera schimpfen über „die unfähigen Regierungspolitiker“. Ein alter Automechaniker ruft unwirsch aus dem Fenster seines klapprigen Kastenwagens: „Unternimm etwas! Es muss etwas passieren!“ Einer dreht sich weg und raunt: „Geld macht die Toten auch nicht wieder lebendig.“ Kontogiannopoulos versichert, er werde sich mit aller Kraft für die Opfer einsetzen: „Lasst euch nicht entmutigen und bleibt hier!“

Es sieht doch sehr nach Wahlkampf aus. Kontogiannopoulos schreitet zielstrebig von Menschenansammlung zu Menschenansammlung durch den Ort, schüttelt Hände, klopft auf Schultern, spricht zu den Leuten. Auch Ministerpräsident Karamanlis ist inzwischen in einige vom Feuer betroffene Gebiete gereist, hat den Opfern Hilfe zugesagt und den Gemeinschaftssinn der Griechen beschworen: „Wie in der Vergangenheit müssen wir zeigen, dass wir eine gemeinsame Seele haben, dass wir eine Faust zeigen im Angesicht einer landesweiten Krise.“

Graue Aschewüsten

In Koutsochera wird der Kontogiannopoulos-Tross noch schnell auf einen Kaffee eingeladen, bevor es ins nächste Dorf geht. Kaltgetränke gibt es nur noch warm, weil es keinen Strom gibt. Auch ein Teil der Holzmasten, an denen die Leitungen durch die wilde Berglandschaft geführt werden, ist den Flammen zum Opfer gefallen. Hunderte Bauernhöfe haben die Flammen vernichtet. Mancherorts liegen verkohlte Tierkadaver noch auf dem heißen Boden. Die einst anmutigen Hänge mutierten vielerorts zu grauen Aschewüsten, aus denen verkohlte Baumstümpfe ragen. An einigen Stellen fressen sich kleinere Flammen noch durch dicke Stämme. Es wirkt, als wären die bewaldeten Berge von einer geheimnisvollen Krankheit befallen, die sie mit hässlichen, pechschwarzen Malen übersät hat.

„Das liegt an den Richtungswechseln des Windes“, erklärt ein Feuerwehrmann. Der starke Wind hat ihm und seinen Kameraden die Arbeit so schwer gemacht und das Flammenmeer immer weiter getrieben. Inzwischen ist er abgeflaut. In der Gegend von Olympia ist das Feuer weitgehend unter Kontrolle gebracht worden. Die Nachhut hat die Brände, die noch vor Tagen die antiken Sportstätten bedrohten, löschen können. Einige Männer ruhen sich im Schatten aus, rauchen und dösen. Der abgebrannte Hain, in dem traditionell das olympische Feuer entzündet wird, liegt wie ein Mahnmal gegenüber.

Man wusste um die Gefahr des Sommers

„Es gibt noch Problemzonen“, warnt ein erschöpfter Feuerwehrmann aus der örtlichen Wache, in der noch reger Funkverkehr herrscht. Noch immer ziehen gelbe Löschflugzeuge ihre Kreise über der Gegend, noch immer weht den Menschen ständig der Geruch von Feuer in die Nase. Die Bundeswehrpiloten, die am Dienstag südwestlich von Olympia ihren ersten Einsatz hatten, berichten von meterhohen Flammen. Zwei Brandherde konnten sie löschen. Ein Pilot hatte zufällig ein Dorf entdeckt, das noch in Flammen stand. Er leerte spontan einen Wassertank, ließ 5000 Liter auf den Ort regnen und verhalf den Einwohnern so zum Sieg über die Feuersbrunst.

Lob für das Krisenmanagement kommt Vassilis Kontogiannopoulos nicht über die Lippen - genausowenig wie seinen Parteigenossen, die die Regierung Karamanlis als „unfähig“ kritisieren und Protestdemonstrationen organisieren. Der Wahlkreiskandidat lässt seinen Arm aus dem offenen Autofenster baumeln, während sich die Kolonne die gewundenen Straßen entlang schiebt: „Die Vorbereitung auf einen solchen Fall war ungenügend, und als die Katastrophe dann eingetreten ist, fehlte eine klare Kommandostruktur, es fehlte Führung.“ Es sei doch schon lange bekannt, dass das ein gefährlicher Sommer werden könne.

„Kein Geld“

Im Juni habe er eine Wahlkampftour durch die Dörfer gemacht. Da seien noch keine zusätzlichen Maßnamen ergriffen worden. Bei den Feuerwachen der Region sei von dem versprochenen zusätzlichen Gerät noch nichts zu sehen gewesen. „Kein Geld“, hätten die Bürgermeister ihm gesagt. „Wo die Menschen sich geordnet gegen die Flammen zur Wehr gesetzt haben, ist vergleichsweise wenig passiert. Die meisten Menschen sind auf der Flucht und in Panik umgekommen“, sagt Kontogiannopoulos.

Die Wucht und die Geschwindigkeit des Feuers hätten natürlich zum Ausmaß der Katastrophe beigetragen. So seien in dem Dorf Artemida die Flammen zu schnell gewesen für die in Panik fliehenden Einwohner. Mindestens dreizehn Menschen verbrannten in dem verwüsteten Ort. Ausgebrannte Autowracks am Straßenrand zeugen von den gescheiterten Fluchtversuchen.

Lähmende Rivalitäten

Dafür, dass es so weit kommen konnte, hat Kontogiannopoulos dann noch eine weitere Erklärung, die er als „griechisches Phänomen“ bezeichnet. Dass es nämlich Tradition sei, Posten mit loyalen Parteianhängern zu besetzen, und dass es daher lähmende Rivalitäten innerhalb der Ordnungs- und Sicherheitskräfte gebe. So haben nach den Worten des früheren Kabinettsmitglieds etwa der regierungstreue Leiter des Katastrophenzentrums und der griechische Feuerwehrchef, der wiederum der Pasok nahesteht, „nicht wirklich miteinander geredet“.

Viele solcher Geschichten kursieren, und sie alle - wahr oder unwahr - verstärken die Politikverdrossenheit, die auch der Opposition gilt. Von Panagios Papaioannou hat die Politikverdrossenheit längst vollständig Besitz genommen. Die Schaufenster seiner Galerie in Olympia hat er mit zwei Transparenten zugehängt. „Schande über Euch“, prangt in großen schwarzen Lettern auf weißen Laken in griechischer, englischer und deutscher Sprache. Papaioannou sitzt im Café nebenan und trinkt Bier: „Ich hätte nie gedacht, dass Olympia niederbrennen würde.“

Warme Worte und Wangenküsse

Er sei hier geboren, sei nie weggegangen - auch nicht, als die Flammen kamen. Er sei als Junge Fackelläufer gewesen. „Hier ist mehr verbrannt als nur Holz und Stein“, sagt er wütend. Die Behörden sollten sich schämen. „Sie haben nichts organisiert, darum sind so viele getötet worden.“ Dass eine Pasok-Regierung es besser gemacht hätte, bezweifelt der Geschäftsinhaber jedoch nicht minder aufgebracht.

Es ist schon dunkel, als Kontogiannopoulos in Agia Anna ankommt. In dem kleinen Lebensmittelladen, der gegenüber einer Soldatenunterkunft liegt, brennt noch Licht. Der Politiker tätschelt einem jungen Uniformierten, der das Geschäft mit seinem Einkauf verlässt, aufmunternd das Gesicht. Ein kleiner Fernseher läuft im Hintergrund, inzwischen dominieren die Aufnahmen aschgrauer Landstriche und zerstörter Dörfer die Berichterstattung. Eine Kundin zetert über die ausbleibende Hilfe. Auch ihr spricht der frühere Minister Mut zu. Er wird mit warmen Worten und zwei Wangenküssen verabschiedet. Es gibt noch viele Dörfer.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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