Von Stefan Aust
24. Mai 2009 Kein Zweifel: der tödliche Schuss aus der Waffe des Polizisten Kurras hat den Terrorismus in Deutschland gefördert wie kaum ein anderes Ereignis davor und danach. Die Militanz der studentischen Protestbewegung, die später in Gewalt und Terror umschlug, nahm an diesem Tag ihren Ausgang. Der 2. Juni war ein Meilenstein auf dem Weg in den Terror.
Jetzt, mehr als vierzig Jahre danach, ist die Enthüllung, dass der Westberliner Polizeibeamte Kurras Mitglied der Ostberliner SED und Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit war, ein Wendepunkt historischer Betrachtung - nicht nur des 2. Juni und der Studentenbewegung, sondern auch der des Terrorismus und des MfS. Auch wenn bisher kein Hinweis darauf gefunden wurde, dass Kurras quasi im dienstlichen Auftrag der Stasi handelte, als er auf den harmlosen Studenten schoss.
Kurras war offenbar ein überzeugter Anhänger des DDR-Sozialismus, aus seinen Berichten wird deutlich, dass er eifrig, gehorsam und skrupellos seinen Spitzeldiensten im Auftrag Ost-Berlins nachging. Er war Waffenfreak, bekam von seinen Dienstherrn sogar das Geld für eine zusätzliche Pistole. Er vertrieb seine Zeit auf Schießplätzen, war also offenbar ein versierter Pistolenschütze.
Einem solchen Mann soll die Pistole aus Versehen losgegangen sein? Das ist nicht wahrscheinlicher als es damals war, als Kurras vor Gericht stand. Im Gegenteil. Die Tatsache, dass er in der Masse rebellierender vorwiegend linker Studenten gleichsam unter Freunden und Genossen war, lässt seine Aussagen vor Gericht, er habe sich bedroht gefühlt noch unwahrscheinlicher erscheinen.
Was also war sonst sein Motiv? Man wagt sich kaum, es auszusprechen. Aber die Frage muss notwendigerweise gestellt werden: Gab es in Ost-Berlin ein Interesse daran, die Auseinandersetzungen in Westberlin anzufachen und die Studenten durch spektakuläre Aktionen richtig auf die Barrikaden zu treiben? Ihnen zu helfen, einen weiteren Anlass für die Gegengewalt zu geben?
Hat man sehenden Augen in Kauf genommen oder sogar befördert, dass sich in der Bundesrepublik der Terrorismus ausbreitete? War das Ziel der Destabilisierung der Bundesrepublik Deutschland in diesen Zeiten des Kalten Krieges so weit im Focus des MfS, dass man Mord, Totschlag und Entführung direkt oder indirekt förderte? Es würde ins Bild der bisherigen Erkenntnisse zur Kumpanei zwischen RAF und Stasi passen, aber über das bekannte weit, weit, hinaus gehen.
Karl Heinz Kurras war der klassische Agent Provokateur, auch wenn er nur fahrlässig gehandelt haben sollte. Öl ins Feuer zu gießen war schon immer die Taktik geheimdienstlicher Operationen in Ost und West. Es wäre nicht das erste und einzige Mal bei der Entwicklung politischer Gewalt und Deutschland und anderswo.
Natürlich werden sich die Apologeten der untoten DDR und ihrer Staatssicherheit melden und sich entschieden dagegen verwahren, dass dem sozialistische Staat nun auch noch die Schuld am Tod Benno Ohnesorgs und am gesamten Terrorismus in die Schuhe geschoben werden soll.
Man wird achselzuckend zur Kenntnis nehmen, dass Kurras als Stasi-Agent gearbeitet hat und wird - ganz im Gegensatz zu damals - den Beteuerungen glauben, die Waffe sei ganz aus Versehen losgegangen.
Die Akte Kurras zeigt allerdings ein paar Merkwürdigkeiten, die mit einer bloßen Spitzeltätigkeit nicht ganz abgedeckt sind. Er hat ungewöhnlich viel Geld von der Stasi bekommen. Er war Mitglied der SED, er bekam das Geld für eine weitere Pistole von seinem Führungsoffizier.
All dies deutet darauf hin, dass man ihn nicht nur als Quelle, sondern als Aktivisten, wann und wofür auch immer, einzusetzen gedachte oder auch eingesetzt hat. Das MfS war eben allzeit bereit für den Mob-Fall, den Mobilisierungsfall, für den es fertige Pläne von Internierungslagern nebst Insassenliste gab.
Es spricht nicht für die Westberliner Polizei und schon gar nicht für den Verfassungsschutz, dass ein Agent wie Kurras so viele Jahre unentdeckt bleiben konnte und nicht einmal der Prozess mit all seinen Merkwürdigkeiten Anlass zur Untersuchung gab.
Dass die Stasi auf dem Weg in die politische Gewalt Handlangerdienste leistete, ist nicht neu. Schon unmittelbar nach der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders aus der Haft im Mai 1970 ließ die DDR die Truppe um ihn unbehelligt zum Ostberliner Flughafen Schönefeld reisen, um von dort aus in den Nahen Osten zu fliegen.
Bei der Rückkehr aus einem Palästinenserlager, wo die Kerntruppe der RAF ein militärisches Training absolviert hatte, wurden Gruppenmitglieder von MfS-Mitarbeitern in Ostberlin abgefangen und verhört. Nachdem sie brav zu Protokoll gegeben hatten, wie ihre richtigen Namen lauteten, wer zur Gruppe gehörte und was die künftigen Pläne waren, gab man ihnen ihre Pistolen wieder und ließ sie nach Westberlin ausreisen.
Die Unterlagen sind heute bei der Gauck-Behörde einzusehen. Daraus geht auch hervor, dass die Gruppe die alliierten Stadtkommandanten entführen wollte und Anschläge auf das Berliner Springer-Haus plante. Die Stasi ließ sie gewähren.
Später beherbergte das MfS sogar RAF-Aussteiger in der DDR, gab ihnen neue Namen und Identitäten und schützte sie so vor der Verfolgung durch bundesdeutsche Ermittler. Diese Aktion kann man immerhin noch als einen gewissen Beitrag zur Austrocknung des Terrorismus betrachten. Schließlich gab es jetzt einen Zufluchtsort für kampfesmüde Gruppenmitglieder, der es ihnen schmackhaft machte, den Untergrundkampf zu beenden ohne dafür lebenslang in einem bundesdeutschen Gefängnis zu verschwinden.
Allerdings erlaubte das MfS auch aktiven RAF-Mitgliedern aus der Bundesrepublik, in der DDR Urlaub vom Terror zu machen, nebenbei auf Truppenübungsplätzen der Nationalen Volksarmee Schießübungen zu veranstalten und sich anschließend wieder zur Fortsetzung des Kampfes in den Westen zu begeben.
Interessant in diesem Zusammenhang ist die Rolle von Inge Viett. Sie gehörte zur terroristischen Bewegung 2. Juni, benannt eben nach dem Todestag von Benno Ohnesorg. Später schloss sie sich RAF an und stellte noch später den Kontakt zur Stasi her, um für sich selbst und andere die Möglichkeit zum Untertauchen in der DDR zu eruieren.
Als sie selbst unter neuem Namen in der DDR lebte, spitzelte sie nebenbei als IM für das MfS. So schloss sich der Kreis. Es wäre interessant zu erfahren, welche Entschuldigungen sie heute für den Stasi-Kollegen Kurras finden würde, dessen Tat sie vor 42 Jahren mit auf den Weg in den terroristischen Untergrund gebracht hat.
Das wichtigste an dieser epochalen Enthüllung aber ist, ob und wenn ja welche Hintergründe es für den unbeabsichtigten Todesschuss auf Benno Ohnesorg gegeben haben könnte. Immerhin stellt sich der Fall im Lichte der neuen Aktenerkenntnisse anders das als 1967. Da wäre sicher zu überprüfen, ob es nicht eine Neuauflage des Prozesses geben müsste.
Im Gegensatz zu damals geht es heute nicht mehr nur um Kurras sondern auch um jene, die ihn geführt haben - wohin auch immer.
Stefan Aust war bis 2008 Chefredakteur des Spiegel. Sein Buch Der Baader-Meinhof-Komplex wurde zur Grundlage des gleichnamigen Films, den Bernd Eichinger produzierte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP