23. August 2006 Nach dem versuchten Mord an dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Pierre Bemba durch Amtsinhaber Joseph Kabila ist der Traum, Kongo-Kinshasa könnte zu einer Demokratie werden, wohl ausgeträumt. Was bleibt, ist Konsternation über soviel Haß, der mit politischer Dummheit einherging. Aus heiterem Himmel hatte die Kabila ergebene Präsidentengarde am Montag nachmittag die Residenz Bembas im Stadtteil Gombe angegriffen. Sie hatte offenbar den Auftrag, Bemba zu töten, und sie hatte bis hin zu Kampfpanzern das entsprechende Gerät mitgebracht.
Im Innern des angegriffenen Gebäudes spielten sich derweil dramatische Szenen ab. 14 Botschafter einschließlich des Chefs der Blauhelmmission in Kongo, William Swing, saßen dort auf der Couch. Sie waren gekommen, um mäßigend auf Bemba einzuwirken, nachdem am Sonntag unmittelbar vor Verkündigung der Wahlresultate bei einer Schießerei zwischen seinen Sicherheitskräften und der Präsidentengarde fünf Menschen getötet worden waren.
Weder Versehen noch einsame Entscheidung
Doch die Botschafter hatten sich den Falschen ausgesucht, denn der Spielverderber bei dieser Wahl ist Präsident Kabila, der es offensichtlich darauf abgesehen hat, seinen Widersacher Bemba umzubringen, der auf 20 Prozent der Stimmen gekommen war. Vier Stunden lang schoß es am Montag abend im Stadtteil Gombe aus allen Rohren. Mit Panzerkanonen, Panzerfäusten, Flakgeschützen und schweren Maschinengewehren versuchte die Präsidentengarde, Bembas Residenz einzuäschern. Dessen Leibwache, die auf rund 600 Mann geschätzt wird, wehrte sich nach Kräften und trotz unterlegener Feuerkraft mit einigem Erfolg, während die Diplomaten im Keller von Bembas Residenz Schutz suchen mußten. Nach Worten eines der Botschafter war der Angriff der Präsidentengarde weder ein Versehen noch eine einsame Entscheidung eines untergeordneten Offiziers. Die haben mit allem angegriffen, was sie haben, sagte der Diplomat, das geht nur, wenn von ganz oben das Einverständnis dazu kommt.
Bisher galt Bemba als der eigentliche Risikofaktor der kongolesischen Wahlen. Verbal hatte er diesem Ruf in den vergangenen Wochen immer wieder alle Ehre gemacht. Der Diplomat zeigte sich indes überzeugt, daß Bemba heute tot wäre, wenn sich in seinem Haus zur Zeit des Angriffs nicht nahezu das gesamte diplomatische Corps Kinshasas befunden hätte und das Kabila-Lager schließlich einen Rückzieher machen mußte, indem die fünf Kampfpanzer der Präsidentengarde abgezogen wurden.
Diplomaten in Sicherheit gebracht
Die Kämpfe waren so heftig, daß es mehrere Stunden dauerte, bis die ersten Panzer der UN-Mission für Kongo, Monuc, bis zu der zerstörten Residenz vordringen konnten. 150 spanische Legionäre der europäischen Streitmacht Eufor unterstützten sie dabei mit insgesamt zehn gepanzerten Fahrzeugen, zogen sich aber noch im Verlauf der Nacht in ihr Lager in N'Dolo zurück. Erst gegen 22 Uhr waren alle Diplomaten in das Hauptquartier der Monuc in Sicherheit gebracht worden. Über den Verbleib von Bemba aber ist nichts bekannt. Ein Monuc-Sprecher jedenfalls bestritt, der ehemalige Rebellenführer sei ebenfalls in das UN-Hauptquartier gebracht worden. Zusammen mit Bemba hielt sich seine gesamte Familie zum Zeitpunkt des Angriffs in der Residenz auf.
Nach einer mehr oder weniger ruhigen Nacht flammten am frühen Dienstag morgen die Kämpfe in Gombe wieder auf, wenn auch mit geringerer Intensität als am Montag abend. In unregelmäßigen Abständen wurde die Bemba-Residenz sowie ein kleines Militärlager, das er in Gombe unterhält, mit Panzerkanonen beschossen, während seine Leibgarde aus schweren Maschinengewehren das Feuer erwiderte. Auf den Hauptstraßen waren zwar vereinzelt UN-Panzer zu sehen, gleichwohl war es für unabhängige Beobachter unmöglich, sich ein Bild von den Zerstörungen und möglichen Opferzahlen zu machen.
Panzerlieferung wird zum Problem
Erst am Nachmittag kehrte ein wenig Ruhe ein, nachdem die Konfliktparteien einen mündlichen Waffenstillstand vereinbart hatten. Die französische Botschaft warnte über Rundfunk davor, aus dem Haus zu gehen. Wenngleich sich die Kämpfe auf den kleinen und noblen Stadtteil Gombe konzentrieren, ist die gesamte Stadt nach Berichten aus verschiedenen Vierteln wie ausgestorben.
Vor dem Hintergrund des Mordanschlages auf Bemba bekommt auch die Panzerlieferung für die Kabila-Truppe, die kurz vor den Wahlen im Seehafen Matadi angelandet worden war, neue Bedeutung. Bislang hatte es bei Eufor geheißen, das sei kein Grund zur Sorge, schließlich sei dieses Gerät nicht gegen die Europäer gerichtet. Dabei sind diese Panzer für die Präsidentengarde bestimmt. Nach den Vorfällen von Montag muß jedoch damit gerechnet werden, daß sie gegen Bemba eingesetzt werden, und damit werden die Panzer von General François Olenga zu einem Problem für Eufor. Kabila scheint derweil darauf zu spekulieren, daß Eufor nichts gegen seine 15.000 Mann starke Präsidentengarde unternehmen wird. Eufor in Kinshasa ist nicht dafür ausgerüstet, gegen Panzer vorzugehen.
Motiv bleibt rätselhaft
Ein Sprecher Kabilas versuchte noch am Dienstag abend, die Schuld für den Angriff den Bemba-Leuten in die Schuhe zu schieben. Wie abwegig diese Behauptung ist, war am Montag abend von den 14 Botschaftern unterstrichen worden, die von einem eindeutigen Angriff der Präsidentengarde sprachen. Nüchtern betrachtet hat der mit 45 Prozent siegreich aus der Wahl hervorgegangene Kabila einen Mordanschlag auf seinen Rivalen angeordnet und bei gleicher Gelegenheit die zurückliegenden, 450 Millionen Dollar teuren Wahlen zur Makulatur gemacht. Kabila und Bemba sollen bei einer Stichwahl am 29. Oktober gegeneinander antreten. Ob es dazu überhaupt noch kommen wird, ist nach den Vorgängen von Dienstag äußerst fraglich.
Was Kabila zu dieser Tat getrieben haben mag, bleibt rätselhaft, zumal seine Ausgangsposition für die Stichwahl denkbar günstig war. Wir müssen jetzt versuchen, den Demokratisierungsprozeß irgendwie zu retten, sagte ein europäischer Diplomat, allerdings weiß ich nicht, ob der Patient überhaupt noch lebt.
Text: F.A.Z., 23.08.2006, Nr. 195 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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