Naher Osten

Scheich Jassin wird zum Mythos

Im Zeichen von Scheich Jassin demonstrieren Palästinenser in  Jordanien

Im Zeichen von Scheich Jassin demonstrieren Palästinenser in Jordanien

23. März 2004 Mit Scheich Ahmad Jassin hat Israel jetzt einen Mann getötet, dessen Aktivität es, wenn auch vor vielen Jahren, nicht ungern gesehen hatte. Als der Scheich kurz nach Ausbruch der ersten Intifada, des ersten "Abschüttelns" der israelischen Besatzung, im Dezember 1987 die Organisation Hamas begründete, hoffte Israel, diese zunächst vornehmlich dem religiösen und sozialen Leben der Palästinenser zugewandte Gruppierung werde ein wirksames Gegengewicht zu Jassir Arafat und seiner Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) darstellen.

Diese Zeit ist lange vorbei, denn die "Bewegung des Islamischen Widerstandes" (Haraka al muqawama al islamija), wie die Hamas mit vollem Namen heißt, ist zum erbittertsten Feind Israels geworden. Dennoch hat Israel lange gezögert, Scheich Jassin zu liquidieren, während es zahlreiche andere palästinensische Führer in den vergangenen Jahren getötet hat. Ein Angriff auf Abdal Aziz al Rantisi, den politischen Sprecher von Hamas, im vorigen Jahr führte nicht zu dessen Tod, der wohl aber beabsichtigt gewesen war.

Alles überragende Autorität

Scheich Jassin war nicht allein der Gründer der Hamas, sondern auch die alles überragende Autorität dieser Gruppierung, in religiösen Fragen ebenso wie im Sozialen und in der Politik. Er wird ohne Zweifel zum Mythos werden. Daß er Terroranschläge ohne Wenn und Aber zum bewaffneten Kampf rechnete und damit rechtfertigte, hat er viele Male zum Ausdruck gebracht. Israel inhaftierte ihn zeitweise und stellte ihn unter Hausarrest. All dies ließ sein Ansehen in den Reihen seiner Anhänger anwachsen.

Der Sohn einer armen Fischerfamilie aus Ashkelon (heute in Israel gelegen) entfaltete seine Wirkung vom übervölkerten Gaza-Streifen aus, wo heute auch etwa sechzig Prozent der Bevölkerung mit der Hamas sympathisieren oder sie gar unterstützen dürften, mehr jedenfalls als im Westjordanland, wo die Hamas in den zurückliegenden Jahren allerdings auch immer mehr an Einfluß gewonnen hat, besonders unter den Jugendlichen. Er lebte dort, mit vielen Unterbrechungen, seit dem ersten arabisch-israelischen Krieg 1948.

Als Junge wurde er beim Tauchen nach Muscheln an der Küste des Gaza-Streifens das Opfer eines Unfalls, so daß er seither gelähmt war und im Rollstuhl saß. In Kairo studierte er Sprachen und islamische Theologie. Zunächst begeisterte er sich, wie so viele, für den damaligen ägyptischen Staatspräsidenten, Gamal Abd al Nasir ("Nasser"), und seinen arabischen Nationalismus und "islamischen Sozialismus", der zu jener Zeit die Massen im gesamten Nahen Osten in seinen Bann zog.

Kämpferische, integristische Version des Islams

Es waren jedoch die Muslimbrüder (ikhwan al muslimin), die dem jungen Jassin, als die Familie seine Studien nicht mehr bezahlen konnte, unter die Arme griffen. So kam er in Kontakt mit diesen religiösen Fundamentalisten, die seit ihrer Gründung durch den Lehrer Hassan al Banna im Jahre 1928 im ägyptischen Ismailia eine kämpferische, integristische Version des Islams entwickelten. Die Muslimbrüder wurden zur Keimzelle späterer islamischer und islamistischer Organisationen, die sich noch weitaus radikaler gebärdeten als sie selbst, nicht nur in Ägypten, sondern auch in anderen Ländern der Region zwischen Marokko und der Türkei. Scheich Jassin profitierte selbst vom sozialen Zusammenhalt und Engagement der "Brüder", die ihm auf diese Weise zum Vorbild wurden. I

n der stärker weltlich ausgerichteten Gesellschaft der Palästinenser hatten die Islamisten zunächst keinen besonders großen Zulauf. Erst durch Personen wie Scheich Abdal Aziz Audah und später den Arzt Fatih Shiqaqi aus Rafah an der ägyptischen Grenze änderte sich das. Dies hing offenkundig mit dem generellen Aufstieg zusammen, den religiöse Organisationen und Gruppen in den achtziger Jahren im ganzen Nahen Osten erlebten, je mehr die säkularen Bewegungen und der arabische Nationalismus versagten.

Anfängliche Fehleinschätzung

Bei der Gründung von Hamas - das arabische Wort "hamas" kann auch so viel wie "Eifer, Streben" bedeuten - standen neben den politischen Motiven des Kampfes gegen Israel und die "Ideologien des Westens" (so einstmals Hassan al Banna) auch soziale Beweggründe im Vordergrund. Eben dies mag zu der anfänglichen Fehleinschätzung der Hamas als einer mehr quietistischen, der Erbauung und dem Gebet hingegebenen Organisation durch Israel beigetragen haben. Tatsächlich war und ist die Hamas bis heute eine Anlaufstelle für all jene, die in der schwer bedrängten palästinensischen Gesellschaft ins Abseits geraten sind.

Auch dies erklärt einen Teil ihrer Popularität. Mehr und mehr wurde sie auch zum Sprachrohr jener, die mit dem alten palästinensischen Establishment, das sich viele Jahre lang nach seiner Vertreibung aus dem Libanon Anfang der achtziger Jahre im Exil in Tunis aufgehalten hatte, unzufrieden waren oder sind. Diesen "Tunesiern" wird oft Unfähigkeit, Bereicherung und Vetternwirtschaft vorgeworfen, während das Engagement der Hamas innerhalb der palästinensischen Gesellschaft oft größeren Respekt genießt.

Terror, religiös legitimiert

Hamas ist auch ein Sammelbecken für besonders fromme Muslime, für das traditionelle islamische Milieu der kleinen Leute, die in den religiös-säkularisierten, oft auch schon ziemlich verwestlichten Funktionären der PLO und anderer "klassischer Kampforganisationen" ihre Stimme und ihre Denkart nicht wiederfinden. Gerade auch wegen dieser engen Verwurzelung im Volk und besonders in den unteren sozialen Schichten vermag es die Hamas, Selbstmordattentäter zu rekrutieren, ebenso wie die im Libanon aktive schiitische Hizbullah, die ein ähnliches Milieu repräsentiert.

Mit Organisationen wie der Hamas ist der Terror wieder zu einer Taktik geworden, die sich religiös legitimieren will, während der frühere palästinensische Terrorismus in den seltensten Fällen auf Selbstmordattentäter zurückgriff und säkular-nationalistisch begründet war. Der militärische Arm der Hamas, die nach einem im Jahre 1936 von den Engländern getöteten Scheich benannte Gruppierung Izz al Din al Kassem, wird nun wohl noch größeren Zulauf erhalten als zuvor.

Text: AP, AFP, dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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