Benedikt XVI. in Bayern

Papst warnt den Westen vor Scheitern im Dialog der Kulturen

„Glauben durch Gewalt zu verbreiten, ist widersinnig“

„Glauben durch Gewalt zu verbreiten, ist widersinnig"

13. September 2006 Papst Benedikt XVI. hat am Dienstag in Regensburg zum Dialog der Kulturen aufgerufen, den Westen aber zugleich davor gewarnt, in diesem Dialog zu versagen. Unfähig zum Dialog der Kulturen sei, wer einer Vernunft anhänge, die taub sei gegenüber dem Göttlichen und Religion in den Bereich der Subkulturen abdränge, sagte der Papst in einer Vorlesung in der Regensburger Universität.

Der Westen sei seit langem von einer Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft bedroht „und kann damit nur einen großen Schaden erleiden“, sagte der Papst. Umkehr verspreche nicht eine schlichte Absage an die Größe der Vernunft, sondern „der Mut zur Weite der Vernunft“, die das Göttliche und Religiöse einschließe. Papst Benedikt rief gleichzeitig zum Verzicht auf jede Gewalt im internationalen Zusammenleben auf. In der Predigt während eines festlichen Gottesdienstes mit mehr als 200 000 Gläubigen ermutigte er die Christen, die „Vernunft Gottes“ ohne Angst zu leben. In der Universität sagte er später: „Glaubensverbreitung durch Gewalt ist widersinnig; denn nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.“ (FAZ.NET dokumentiert die Rede des Papstes im Volltext: Dokumentation: Die umstrittene Rede des Papstes)

Ökumene: „Keine Trennung zwischen uns“

Am Abend während einer Ökumenischen Vesper im Dom forderte er zum gemeinsamen Zeugnis für Gott auf: „In der Zeit der multireligiösen Begegnungen sind wir leicht versucht, dieses zentrale Bekenntnis etwas abzuschwächen oder gar zu verstecken“, sagte der Papst. „In einer Welt voller Verwirrung müssen wir wieder Zeugnis geben von den Maßstäben, die Leben zu Leben machen.“

Dies sei gemeinsame Aufgabe aller Glaubenden. „In dieser gemeinsamen Aufgabe gibt es keine Trennung zwischen uns“, sagte Benedikt. Auf ein konkretes Zeichen vor allem an die evangelischen Christen zur Annäherung der Konfessionen verzichtete der Papst.

„Gott nicht überflüssig“

In seiner Predigt während der Messe auf dem Islinger Feld bei Regensburg sagte der Papst: „Wir glauben an Gott - an Gott, den Ursprung und das Ziel menschlichen Lebens. An den Gott, der sich auf uns Menschen einläßt, der uns Herkunft und Zukunft ist. So ist Glaube immer zugleich Hoffnung, Gewißheit, daß wir Zukunft haben und daß wir nicht ins Leere fallen.“

Die in der modernen Welt weit verbreiteten Einwände gegen den Glauben an Gott nahm der Papst auf, als er erklärte: „Seit der Aufklärung arbeitet wenigstens ein Teil der Wissenschaft emsig daran, eine Welterklärung zu finden, in der Gott überflüssig wird. Und so soll er auch für unser Leben überflüssig werden. Aber sooft man auch meinen konnte, man sei nahe daran, es geschafft zu haben - immer wieder zeigt sich: Das geht nicht auf.“

Es gehe um die Frage: „Was steht am Anfang: die schöpferische Vernunft, der Geist, der alles wirkt und sich entfalten läßt, oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervorbringt und auch den Menschen, seine Vernunft. Aber die wäre dann nur ein Zufall der Evolution und im letzten also doch auch etwas Unvernünftiges.“

„Schöpferische Vernunft“

Dagegen stellte Benedikt das christliche Bekenntnis: „Wir Christen glauben, daß das ewige Wort, die Vernunft am Anfang steht und nicht die Unvernunft.“ Weiter sagte der Papst, Gott sei „schöpferische Vernunft“, die Güte und Liebe sei. „Heute, wo wir die Pathologien und die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Haß und Fanatismus, ist es wichtig, klar zu sagen, welchem Gott wir glauben, und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen. Erst das erlöst uns von der Gottesangst, aus der letztlich der moderne Atheismus geboren wurde. Erst dieser Gott erlöst uns von der Weltangst und von der Furcht vor der Leere des eigenen Daseins.“

Deshalb seien die Christen aus ihrem Glauben an ein gutes Ende der Welt und der Geschichte zur Zukunft fähig. „Diese Herstellung des Rechts, diese Zusammenfügung der scheinbar sinnlosen Fragmentstücke der Geschichte in ein Ganzes hinein, in dem die Wahrheit und die Liebe regieren: Das ist mit dem Weltgericht gemeint. Der Glaube will uns nicht angst machen, wohl aber zur Verantwortung rufen. Wir dürfen unser Leben nicht verschleudern, nicht mißbrauchen, nicht für uns selber nehmen; Unrecht darf uns nicht gleichgültig lassen, wir dürfen nicht seine Mitläufer oder sogar Mittäter werden. Wir müssen unsere Sendung in der Geschichte wahrnehmen und versuchen, dieser unserer Sendung zu entsprechen. Nicht Angst, aber Verantwortung - Verantwortung und Sorge um unser Heil, um das Heil der ganzen Welt ist notwendig.“

In der Vorlesung vor Professoren und Studenten der Universität Regensburg, an der Joseph Ratzinger von 1969 bis 1977 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte war, sprach der Papst über das Thema „Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen“. Dabei ging es auch um das Verhältnis zwischen Religion und Gewalt. Der Papst nahm in diesem Zusammenhang den Begriff „Heiliger Krieg“ zum Anlaß, um den Unterschied zwischen Christentum und Islam zu markieren.

„Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig“

Das Oberhaupt der katholischen Kirche legte dar, „warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist“. Zu einer Begegnung mit orthodoxen Kirchenführern und den „Freunden aus den verschiedenen Traditionen der Reformation“ kam es bei der Ökumenischen Vesper im Regensburger Dom. Der Papst dankte für den „Rechtfertigungskonsens“, dem sich auch der „Weltrat der methodistischen Kirchen“ angeschlossen habe, die besiegelte Gemeinsamkeit zwischen Katholiken und Protestanten in der Rechtfertigungslehre, einem Herzstück der Reformation.

Er warnte jedoch: „Der Rechtfertigungskonsens bleibt eine große und noch nicht recht eingelöste Verpflichtung für uns: Rechtfertigung ist ein wesentliches Thema in der Theologie, aber im Leben der Gläubigen heute kaum anwesend, wie mir scheint.“ Es sei dem modernen Bewußtsein fremd geworden, „daß wir Gott gegenüber ernstlich in Schulden sind, daß Sünde eine Realität ist, die nur von Gott her überwunden werden kann“. Der Papst forderte deshalb alle Christen dazu auf, Zeugnis von Gott abzugeben, so, daß es die Menschen überzeugt. „In der Zeit der multireligiösen Begegnungen sind wir leicht versucht, dieses zentrale Bekenntnis etwas abzuschwächen oder gar zu verstecken. Aber damit dienen wir der Begegnung nicht und nicht dem Dialog. Damit machen wir Gott nur unzugänglicher, für die anderen und für uns selbst. Es ist wichtig, daß wir unser Gottesbild ganz und nicht nur fragmentiert zur Sprache bringen. In diesem gemeinsamen Bekenntnis und in dieser gemeinsamen Aufgabe gibt es keine Trennung zwischen uns“, schloß der Papst.

Text: hjf.; F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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