Obama in Berlin

„Lasst uns die Welt neu gestalten“

Von Stephan Löwenstein, Berlin

Obama vor der Siegessäule: „Ja, wir können es”

Obama vor der Siegessäule: „Ja, wir können es”

24. Juli 2008 Einen langen Weg nimmt Barack Obama dort oben auf der Bühne, um zum Rednerpult unter der Siegessäule im Herzen von Berlin zu kommen. Jubelrufe ertönen, auch rhythmisches „Yes We Can“, „Ja, wir können es“, der Wahlspruch des Senators, der in den Vereinigten Staaten als Kandidat der Demokratischen Partei Präsident werden will.

In Teilen der Bundesregierung war in den vergangenen Tagen mit etwa 10.000 Zuhörern bei Obamas Rede gerechnet worden. Nach Polizeiangaben sind es nun mehr als 200 000. Es sind einige Amerikaner unter den Zuhörern; doch dass der Jubel die ganze Menge erfasst, kann man nicht sagen. Dabei spricht er die Berliner direkt an - und die Deutschen.

„Flamme der Hoffnung“

Er zieht in seiner Rede vielfältige Vergleiche mit der Luftbrücke 1948, die das Überleben Berlins und damit den Sieg der Freiheit in der Welt garantiert habe. „Die größte und unwahrscheinlichste Rettungsaktion brachte den Menschen Hoffnung und Essen.“ Obama sagt: „Die Menschen von Berlin haben die Flamme der Hoffnung am Brennen gehalten - sie gaben nicht auf.“

Er zitiert den Satz des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin Reuter: „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt.“ Obama ruft dazu auf, „eine neue friedliche Welt ohne Nuklearwaffen zu schaffen“. Hierfür wolle er auch mit Russland partnerschaftlich zusammenarbeiten. Das 21. Jahrhundert zeige, „dass wir stärker denn je in der Geschichte miteinander verknüpft und verbunden sind.“

Und von den Gefahren der neuen Welt seit dem Fall der Mauer spricht Obama, vom 11. September 2001, von der pakistanischen Atombombe, vom afghanischen Schlafmohn, der als Heroin nach Berlin komme, von der Anarchie in Somalia und den Menschenrechtsverbrechen in Darfur.

„Die Afghanen brauchen auch eure Truppen“

Ein Wechsel in der amerikanischen Führung werde diese Last nicht nehmen, sagt er voraus. Und später spricht er es, noch deutlicher, aus: Die Menschen in Afghanistan bräuchten „unsere Truppen, aber auch eure Truppen“, um die Taliban zu besiegen.

Dafür bietet Obama seinen Zuhörern die Vision an, dass die Mauern zwischen den Völkern, zwischen Christen, Muslimen und Juden fallen könnten, so wie die Berliner Mauer gefallen sei oder auch die in Nordirland, in Südafrika oder die auf dem Balkan.

Er spricht von einer Welt, in der die Nöte vom hungernden Kind in Bangladesch bis zum betrogenen Wähler in Simbabwe behoben werden, von einer Welt ohne Nuklearwaffen, von einer Welt, die vor der Klimakatastrophe gerettet werde. Viel Rettung bringt der amerikanische Gast unter in einer halben Stunde Redezeit.

„Gemeinsamer Kampf gegen Terror“

Er fordert Europäer und Amerikaner auf, nicht weniger, sondern mehr für den Kampf gegen den Terrorismus, für den Frieden und die Sicherheit in der Welt zu tun. „Amerikaner und Europäer werden mehr tun müssen.“ Die Lasten müssten gemeinsam getragen werden. „Keine einzige Nation, auch nicht die stärkste, kann allein gegen diese Herausforderung bestehen.“

Obama war zuvor von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Steinmeier empfangen worden. Auf Pressekonferenzen wurde verzichtet. In seiner Rede erinnert er an die gemeinsamen Interessen und Werte der Europäer und der Amerikaner. Obama würdigt den europäischen Einigungsprozess, den Friedensprozess in Irland und auf dem Balkan und auch die Beseitigung der Apartheid in Südafrika.

Er nennt die Klimapolitik, den Kampf gegen Aids, das Eintreten gegen Folter und für die Menschenrechte als weitere Herausforderungen. Es habe Differenzen zwischen Europa und Amerika gegeben, sein Land habe auch Fehler gemacht. Doch sagt Obama auch: „Amerika hat keinen besseren Partner als Europa.“ Es sei an der Zeit, „neue Brücken über den Globus zu bauen“.

Weitere konkrete Forderungen an Deutschland und Europa vermeidet Obama. Weder die Amerikaner noch die Europäer dürften sich einigeln. Obama beendete seine etwa 30 Minuten lange Rede mit dem Satz: „Lassen Sie uns die Welt neu gestalten.“

„Offenes Gespräch mit der Kanzlerin“

Obama war am Donnerstagmorgen unmittelbar nach seiner Landung in Berlin von Frau Merkel im Bundeskanzleramt empfangen worden. Nach einem Fototermin sprachen sie etwa 60 Minuten miteinander. Sie hätten die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Freundschaft hervorgehoben, hieß es. „Es war ein sehr offenes und in die Tiefe gehendes Gespräch mit Senator Obama“, sagte Regierungssprecher Wilhelm.

„Im Mittelpunkt stand die Erörterung außenpolitischer Themen von Iran, Afghanistan, Pakistan, dem Nahost-Friedensprozess bis hin zum Nato-Gipfel 2009“, sagte Wilhelm. Es sei auch um die transatlantische Wirtschaftspartnerschaft, Klimaschutz und Energiepolitik gegangen sowie um die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit bei der Lösung globaler Fragen.

Obama war auf die Äußerung Frau Merkels eingestellt, die Bundesregierung habe kürzlich beschlossen, das Bundeswehrkontingent in Afghanistan um 1000 Soldaten zu erhöhen. Frau Merkel hatte angekündigt, mit solchen Hinweisen auf mögliche Forderungen Obamas zu reagieren, die europäischen Staaten und Deutschland müssten mehr als bisher zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus tun.

Es war die erste Begegnung Frau Merkels mit Obama. Steinmeier äußerte nach seinem Gespräch mit Obama, er sehe keine grundlegenden Differenzen über den deutschen Einsatz in Krisengebieten wie Afghanistan. Er sei sehr zufrieden, „weil wir eine Übereinstimmung über unser Engagement in den wichtigen Krisenregionen haben“.

Es hieß, der Minister habe das deutsche Engagement in Afghanistan erläutert und den Zusammenhang zwischen zivilem Wiederaufbau und militärischer Absicherung. Steinmeier flog nach seinem Gespräch mit Obama nach Afghanistan.

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Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, AP , ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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