Luftschlag in Kundus

Langer Bericht, knappe Stellungnahme

Von Stephan Löwenstein, Berlin

Generalinspekteur Schneiderhan: „In operativer Hinsicht militärisch angemessen gehandelt“

Generalinspekteur Schneiderhan: „In operativer Hinsicht militärisch angemessen gehandelt"

29. Oktober 2009 Der Bericht ist mehrere hundert Seiten stark und wird von den Militärs als großes Geheimnis gehütet. Fast zwei Monate ist es her, dass die Afghanistan-Schutztruppe Isaf einen Luftschlag auf zwei Tanklastwagen bei Kundus geführt hat, der von dem deutschen Oberst Klein, dem örtlichen Isaf-Kommandeur, befohlen worden war. Dabei kamen viele Menschen zu Tode, die tief in der Nacht in der Nähe der Tanklaster waren.

Am vergangenen Wochenende war die von der Nato angeordnete Untersuchung endlich fertiggestellt worden. Dann wurde der Bericht in Papierform auf die lange Reise geschickt, bis er pünktlich zum deutschen Ministerwechsel am Mittwochabend in Deutschland eintraf. Es gibt nur sehr wenige Exemplare: neben dem für Berlin eines für den Nato-Oberkommandierenden (Saceur) in Brüssel und eines für den Chef des Nato-Hauptquartiers im niederländischen Brunssum, den deutschen General Ramms, der derzeit in Kabul ist.

Nach afghanischen Angaben kamen bei dem Luftangriff 99 Menschen ums Leben
Nach afghanischen Angaben kamen bei dem Luftangriff 99 Menschen ums Leben

Offensichtlich war die Nato bestrebt, den Deutschen nicht wieder die Deutungshoheit über den Fall zu nehmen. Nach dem Luftschlag vom 4. September hatte der Isaf-Kommandeur, der amerikanische General McChrystal, das Vorgehen heftig kritisiert und einer amerikanischen Zeitung Zugang zu sensiblen Informationen dazu verschafft. Jetzt blieb es dem deutschen Generalinspekteur überlassen, sich als Erster über den Untersuchungsbericht zu äußern.

Auf den Inhalt ging General Schneiderhan nur allgemein ein. Der Bericht stelle fest, dass die Zahl der Toten nicht mehr feststellbar sei. Er zitierte unterschiedliche Quellen, wonach zwischen 17 und 142 Menschen getötet worden seien, unter ihnen nach einem Bericht lokaler Führer 30 bis 40 „Civilians“. Dabei machte der General eine Unterscheidung: Der Bericht „belegt nicht, dass Unbeteiligte getötet wurden“. Zivilisten, die von den Taliban zur Unterstützung herangezogen wurden oder die für sich Benzin abzapfen wollten, gelten demnach offenbar als Beteiligte.

Konkrete Pläne für Anschläge

Video in voller Größe

Schneiderhan skizzierte in einer Stellungnahme, die er im Bendler-Block ablas (Fragen waren nicht zugelassen), die Entwicklung der Sicherheitslage in Kundus. Diese Region bilde den Schwerpunkt der feindlichen Aktivitäten im Norden. Die Stärke der militanten Aufständischen werde auf mehrere hundert Mann geschätzt. Unter ihnen seien „Gelegenheitskämpfer“, die gegen Bezahlung zur Waffe griffen, aber auch gut geschulte ausländische Kämpfer: Usbeken, Araber, Tschetschenen.

Seit Oberst Klein das PRT Kundus übernommen habe, habe es 87 „sicherheitsrelevante Vorfälle“ gegeben: Anschläge mit improvisierten Bomben, aber zunehmend auch Feuergefechte. Dabei seien 19 afghanische Sicherheitskräfte und acht Isaf-Soldaten gefallen, darunter vier Deutsche. Im Süden Afghanistans seien zuvor dreimal Lastwagen für verheerende Anschläge verwendet worden. Weil bei Kundus zunehmend Angriffstechniken wie im Süden eingesetzt worden seien, habe man auch mit solchen Lastwagenbomben rechnen müssen, zumal es seit Ende Juli auch konkrete Hinweise auf derartige Pläne gegeben habe. Deswegen komme er zu der Beurteilung, dass der Luftangriff „zum damaligen Zeitpunkt“ angemessen gewesen sei.

Militärisches Ziel erreicht?

Auf viele Aspekte ging Schneiderhan mithin nicht ein. Da ist die Frage, ob die Isaf-Soldaten auch am Boden die beiden Tanklaster, die in einem Flussbett feststeckten, hätten bekämpfen können. Militärs kommen hier zu dem Urteil, dass das zu einem nächtlichen Chaos geführt hätte: Das Gelände hätte eine Annäherung nur auf zwei Wegen erlaubt, die an Dörfern vorbeigeführt hätten. In der mondhellen Nacht wäre die Annäherung nach diesen Einschätzungen durch Beobachter gemeldet worden. Zudem war ein großer Teil der verfügbaren Kampftruppen in einer anderen Operation gebunden oder wurde als Reserve gebraucht.

Eine andere Frage ist, ob die Menschen um die Lastwagen durch die beiden amerikanischen Kampfflugzeuge nicht hätten gewarnt werden können. Das wäre allerdings nicht sinnvoll gewesen, wenn die Soldaten in der Einsatzzentrale in Kundus vermutet hätten, dass einige der gefährlichsten Gegner mit diesem Luftschlag ausgeschaltet werden könnten. Auf diese Lesart - und darauf, dass dieses militärische Ziel erreicht worden sein könnte - deutet der Umstand hin, dass seither nur wenige, zudem nicht sehr gut koordinierte Angriffe auf Isaf-Kräfte bei Kundus ausgeführt wurden.

Schließlich ließ Schneiderhan offen, inwieweit der Kommandeur in Kundus die Einsatzregeln und Meldewege der Isaf missachtet hat. Ohne Rücksprache hätte er, wie es von Seiten der Nato hieß, den Luftschlag nur befehlen können, wenn eigene Kräfte unter Feuer lagen. Tatsächlich gibt es Berichte, wonach zunächst fälschlich Feindkontakt (Troups in contact) gemeldet wurde. Zielte der Schlag darauf, gefährliche Feinde auszuschalten, so wären die Lastzüge ein gewähltes Ziel gewesen - der Befehl hierfür hätte aus dem Nato-Hauptquartier kommen müssen. Der Untersuchungsbericht enthält, wie der General sagte, „eine ganze Reihe von Empfehlungen“, wie Verfahren und Vorschriften zu verbessern seien, einschließlich der Fachausbildung. Wie das Vorgehen Oberst Kleins dort bewertet wird, sagte Schneiderhan nicht. Auch Auslassungen können vielsagend sein.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Medikamente günstig einkaufen Preisvergleich für Medikamente und Apotheken-Produkte. Mehr als 90 Apotheken im Vergleich.

Luftangriff nahe Kundus

Bundeswehr sieht sich durch Nato-Bericht entlastet

Spezial Der Nato-Untersuchungsbericht zum umstrittenen Luftangriff auf zwei Tanklaster nahe Kundus entlastet die Bundeswehr. Diesen Schluss zieht Generalinspekteur Schneiderhan. In schwieriger Lage habe Oberst Georg Klein militärisch angemessen reagiert. Die genaue Opferzahl sei nicht mehr zu ermitteln.

Nato-Bericht zu Luftangriff

An der Front

Nach dem Bombardement nahe Kundus Anfang September 2009

Die Bundeswehr befindet sich am Hindukusch nicht in einer Computersimulation, sondern in einem unerklärten Krieg, den der Gegner so schmutzig wie möglich zu machen versucht. Der deutsche Kommandeur in Kundus musste eine schwierige Entscheidung treffen. Von Berthold Kohler

Hitzige Afghanistan-Debatte

Obama salutiert Gefallenen, McCain drängt zur Eile

Obama und General Wright erweisen den in Afghanistan getöteten amerikanischen Soldaten die letzte Ehre

Der amerikanische Präsident Obama hat an einer Zeremonie zur Überführung der sterblichen Überreste von 18 in Afghanistan getöteten Amerikanern teilgenommen - ein symbolisch bedeutsamer Akt in einer Zeit erhitzter Debatten über die künftige Strategie am Hindukusch.

Afghanistan

Geheimer Nato-Bericht über Luftangriff liegt vor

Nach afghanischen Angaben kamen bei dem Luftangriff 99 Menschen ums Leben

Der Nato-Bericht über den von Deutschen angeordneten Luftangriff in Afghanistan liegt dem Verteidigungsministerium vor. Für die Bundeswehr und Verteidigungsminister Guttenberg ist von höchstem Interesse, wie die Umstände des Angriffs mit fast 100 Toten bewertet werden.

Afghanistan-Einsatz

General Schneiderhan verteidigt Angriff in Kundus

Die Bomben auf die beiden Tanklastzüge am Kundus-Fluss haben zu einer politischen Debatte geführt

Der ranghöchste deutsche Soldat hat sich erstmals zur Bombardierung zweier Tanklastwagen in Afghanistan geäußert, bei der Dutzende Menschen getötet wurden. Eine vom afghanischen Präsidenten eingesetzte Untersuchungskommission will dazu am Samstag ihren Bericht in Kabul übergeben.

Einsatz in Afghanistan

„Entweder die oder ich!“

Kampf gegen einen unsichtbaren Feind - Nachtpatrouille der Bundeswehr bei Faisabad

Ständige Lebensgefahr und die Angst, im Kampf zu versagen: Die Scharmützel und Gefechte, die sie sich mit den Taliban liefern, haben die wenigen Kampfverbände der Bundeswehr in Kundus an die physische und psychische Belastungsgrenze gebracht. Von Marco Seliger; Kundus

Afghanistan

Sicherheit gibt es nicht mehr

Angespannte Lage: Das Gästehaus der Vereinten Nationen wird von bewaffneten Sicherheitskräften bewacht

In Kabul kann nichts und niemand Schutz garantieren. Amerika zeigt sich zerstritten - auch wegen der Enthüllung, die CIA unterstütze seit langem Karzais berüchtigten Bruder. Die Taliban demonstrieren vor der zweiten Wahlrunde dagegen Stärke. Von Jochen Buchsteiner

Bundeswehr in Kundus

Fassungslosigkeit über die Heimatfront

Deutsche Soldaten im Kundus: „Wir stehen als Kompanie voll und ganz hinter dem Oberst”

Von einem „Einschnitt“ sprach der Außenminister, von einem „Brennglas“ die Kanzlerin: Für die deutschen Soldaten in Kundus hat sich nach dem verheerenden Luftangriff auf den Tanklastzug die Lage verschärft. Entsetzt verfolgen sie die Debatte über Oberst Klein. Von Stephan Löwenstein, Kundus/Kabul

Auslandseinsätze

Kriegsdienst für eine gute Sache

Es ist fast tragisch, aber wer sich weigert, den Kampfeinsatz in Afghanistan beim Namen zu nennen, schützt die Soldaten nicht, sondern bringt sie zusätzlich in Bedrängnis. Viel spricht für die Schaffung einer besonderen Staatsanwaltschaft. Von Reinhard Müller

Afghanistan

Aber den Abzug haben die anderen betätigt

Überreste der von Taliban-Kämpfern gekaperten Tanklaster

Der amerikanische Viersternegeneral McChrystal hat sich in der afghanischen Öffentlichkeit entschuldigt für die Opfer des Luftangriffs. Der deutsche Verteidigungsminister spricht indes von einem erfolgreichen Angriff gegen Aufständische. Die Aussagen scheinen aus verschiedenen Welten zu stammen. Von Stephan Löwenstein, Berlin

Bundeswehrverband

Deutsche Soldaten sind in Kundus „im Krieg“

Bundeswehrverbandschef Kirsch verteidigt den “Bombadierungsbefehl“

Der Deutsche Bundeswehrverband stellt sich nach dem Luftangriff auf zwei von Taliban gekaperte Tanklastzüge in Afghanistan unmissverständlich hinter den umstrittenen Angriffsbefehl. Die Soldaten im Raum Kundus seien „nicht mehr auf einer Friedensmission“, sondern „im Krieg“, sagte Oberst Ulrich Kirsch.

Afghanistan

Die Rückkehr der Taliban

Verwundeter des Nato-Angriffs auf dem Weg ins Krankenhaus in Kundus

Die Lage in Kundus hat sich in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert. Der freundlich winkende deutsche Soldat auf dem Marktplatz wurde spätestens seit Mai 2007 zu einem Bild der Vergangenheit. Von Jochen Buchsteiner

Regierungserklärung

Berlin verwahrt sich gegen „Vorverurteilungen“

Merkel: “Wir werden nichts beschönigen“

Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier haben im Bundestag ihr Bedauern über mögliche unschuldige Opfer durch den von der Bundeswehr in Afghanistan angeforderten Luftschlag ausgedrückt, aber „Vorverurteilungen“ durch das In- und Ausland zurückgewiesen. Der amerikanische Isaf-General McChrystal kritisiert indes abermals den Einsatz der Deutschen.

Afghanistan

2500 Polizisten für Kundus gefordert

Weitere 2500 Polizisten sollen am Hindukusch aus deutschen Mitteln eingestellt und weitergebildet werden

Die deutsche Isaf-Führung im Norden Afghanistans macht sich bei der Regierung in Kabul für die Einstellung und Ausbildung von 2500 afghanischen Polizisten stark. Das Vorhaben soll aus deutschen Mitteln finanziert werden. Von Stephan Löwenstein, Kundus