08. Juli 2003 Nach der Beerdigung von Ignatz Bubis diskutierten im Flugzeug von Tel Aviv nach Frankfurt zwei Männer miteinander. "Du bist der Richtige", sagte der eine. "Nein, du bist besser geeignet." Es ging um die Nachfolge von Bubis als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Am Ende kamen Paul Spiegel, damals Vizepräsident, und Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, überein, daß Paul Spiegel das Amt übernehmen sollte. Und so ist es auch geschehen.
Schon damals war in der Nachfolgediskussion immer wieder der Name Michel Friedman gefallen. Seine Zeit, so glaubten bis jetzt viele, werde erst noch kommen. Er, der Vertreter der jungen Generation des deutschen Judentums, galt bisher neben Korn als einer der chancenreichsten Anwärter auf das Präsidentenamt nach der Ära Spiegel. Seit Dienstag, seit Friedmans Eingeständnis, Fehler gemacht und viele vor allem auch in den Jüdischen Gemeinden enttäuscht zu haben, dürfte dieser Traum vorbei sein - falls Friedman ihn tatsächlich geträumt hat.
Internationale Rolle
Viele, die Friedman nahestehen, haben sich in den vergangenen Woche große Sorgen um ihn gemacht. Sie wußten, wie hart ihn, der so sehr die großen Auftritte schätzt, die öffentliche Bloßstellung treffen mußte. Friedmans Verzicht auf alle Ämter bedeutet denn auch für ihn einen Sturz ins Bodenlose, denn gerade seine Ämter - das des stellvertretenden Zentralratspräsidenten, des stellvertretenden Gemeindevorsitzenden in Frankfurt und das des Präsidenten des European Jewish Congress - waren die Basis dafür, daß er zu einer öffentlichen Figur wurde.
Dem deutschen Publikum ist Friedman vor allem als unerbittlich nachfragender Fernsehmoderator bekannt, auch als scharfzüngiger Streiter - die Auseinandersetzung mit Möllemann steht dafür - gegen jede Form von tatsächlichem oder vermeintlichem Antisemitismus, als Mann des moralischen Zeigefingers. Weniger wahrgenommen wurde hierzulande Friedmans internationale Rolle.
In New York oder Paris gilt er als gewichtige Stimme des deutschen, ja des europäischen Judentums, denn als Präsident des European Jewish Congress vertrat er unter anderem die stolzen und traditionsreichen jüdischen Gemeinschaften in Frankreich und Großbritannien in der Welt. Es ist erst wenige Wochen her, daß Papst Johannes Paul II. Friedman zusammen mit dem Präsidenten des World Jewish Congress, Bronfman, und dessen Vorsitzenden Singer eine Audienz im Vatikan gewährte, bei der der Heilige Vater mit seinen Besuchern über weitere Schritte zur Versöhnung von Christentum und Judentum sprach.
Mutiger Mahner
An Friedman, dem Polarisierer, haben sich, seit er öffentlich in Erscheinung getreten ist, die Geister geschieden. Er hat viele Freunde und nicht wenige Feinde - auch und gerade in seiner Heimatgemeinde in Frankfurt. "Michel" ist vor allem für die älteren Gemeindemitglieder ein Idol, ein mutiger Held, der selbstbewußt und fordernd die deutsche Gesellschaft an ihre Verpflichtung erinnert, den nationalsozialistischen Judenmord nicht zu vergessen und die nach dem Zweiten Weltkrieg neuentstandenen Gemeinden vor Angriffen zu schützen.
Die Gründerväter dieser Gemeinden, jene jüdischen Flüchtlinge aus Osteuropa, die nach Kriegsende als "Displaced Persons" in Lagern in Frankfurt oder München gestrandet waren, weil irgendein Zufall die geplante Auswanderung nach Amerika oder Palästina verhindert hatte, diese traumatisierten Überlebenden verhielten sich häufig ein Leben lang still. Nicht auffallen, keine Angriffsflächen bieten, lautete ihr Grundsatz.
Friedman war ihre Stimme, bisher jedenfalls. Was sie zu tun und zu äußern sich untersagten, das wagte Friedman. Als einst beim Streit um das Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" unter den Frankfurter Juden die Furcht grassierte, der Antisemitismus werde wieder hoffähig in Deutschland, war er es, der mit Bubis und anderen Persönlichkeiten der Gemeinde die Bühne im Frankfurter Schauspiel besetzte und die Aufführung verhinderte. Und als sich im Frühjahr vergangenen Jahres nach antiisraelischen Demonstrationen in Berlin und Frankfurt verängstigte Gemeindemitglieder im Frankfurter Palmengarten zusammenfanden, richtete Friedman sie mit einer bewegenden Rede wieder auf.
Erleichterung nach Rücktritt
Dieses kämpferische, zuweilen aggressive Auftreten Friedmans, verbunden mit seinem Drang, immer in der ersten Reihe stehen zu müssen, hat aber auch bei manchem in seiner Heimatgemeinde Mißfallen erregt. Friedman schade mit seiner Rechthaberei und seiner Eitelkeit den Juden, lautet der Vorwurf - der allerdings fast immer nur hinter vorgehaltener Hand erhoben wird. Er tanze auf zu vielen Hochzeiten, bringe allzu häufig seine diversen Rollen als jüdischer Funktionär, Moderator, CDU-Mann und Boulevard-Größe durcheinander.
Offenen Streit haben seine Gegner indes vermieden. Den könne sich die jüdische Gemeinschaft mit ihren gerade einmal 100.000 Mitgliedern nicht erlauben, lautet das Argument. Nicht in einer Situation, da Anzeichen eines wiederaufkeimenden Antisemitismus zu erkennen seien und die Jüdischen Gemeinden alle Hände voll zu tun hätten, die vielen Einwanderer aus der früheren Sowjetunion zu integrieren und ihre schlechte Finanzlage zu meistern.
Sie waren schwierig, die vergangenen Wochen, als immer wieder neue Details aus den Ermittlungen gegen Friedman bekannt wurden - nicht nur für seine Kollegen im Zentralrat und im Frankfurter Gemeindevorstand, sondern für fast alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinden. Der Fall Friedman hat sie alle aufgewühlt, bedrückt, deprimiert. Einige, wie Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Münchner Gemeinde, glaubten in den vielen Berichten über Friedman ein antijüdisches Ressentiment erkennen zu können, andere, wie Salomon Korn, fanden, Friedman werde fair behandelt. Allen gemeinsam war jedoch die Befürchtung, die jüdische Gemeinschaft könne durch den Fall Friedman - je länger er sich hinziehe - Schaden nehmen. Friedmans Verzicht auf seine Wahlämter hat ihnen eine Last von der Seele genommen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2003, Nr. 156
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