Von Johannes Leithäuser, London
23. November 2009Die britischen Konservativen wollen nach einem Wahlsieg im kommenden Jahr die Truppen der britischen Rheinarmee aus Deutschland abziehen. Liam Fox, der verteidigungspolitische Sprecher der Partei, der im Falle eines Wahlerfolges Verteidigungsminister im Kabinett des jetzigen Oppositionsführers Cameron werden könnte, kündigte in einem Zeitungsgespräch weitreichende Veränderungen für die britischen Streitkräfte an. Die Aufwendungen für Verwaltung und Truppenstäbe sollten in den ersten zwei Jahren nach dem Machtwechsel um ein Viertel sinken.
Fox zog im Gespräch mit dem Daily Telegraph am Wochenende die weitere Präsenz der Briten in Deutschland mit den Worten in Zweifel, es sei nicht länger möglich, die Erwartung zu rechtfertigen, dass ein Fünftel der britischen Armee auf Dauer in Deutschland gebunden bleibe in einer Zeit, in der der Afghanistan-Einsatz und zahlreiche Sparzwänge auf dem Verteidigungsbudget lasteten.
Die sogenannte Britische Rheinarmee entstand aus den Besatzungstruppen im britischen Sektor. Ihr erster Kommandant war Feldmarschall Montgomery. Die Zahl der Soldaten, die im I. Armeekorps der britischen Armee in Deutschland stationiert waren, fiel in den fünfziger und sechziger Jahren nach der Abschaffung der Wehrpflicht in Großbritannien von mehr als 70.000 auf rund 50.000 und dann nach dem Ende des Kalten Krieges Anfang der neunziger Jahre nochmals auf weniger als 25.000. Gegenwärtig bestehen die britischen Streitkräfte vor allem aus den drei Brigaden der 1. Panzerdivision und diversen Unterstützungseinheiten. Das Hauptquartier der britischen Truppen liegt in Herford, überdies unterhält die Rheinarmee noch Garnisonen in Gütersloh, Hohne und Paderborn. Der Standort Osnabrück wurde in diesem Jahr aufgegeben (Abschied von den Briten).
Bislang gibt das britische Verteidigungsministerium an, es wolle langfristig an der Stationierung der Panzertruppen in Deutschland festhalten, nicht zuletzt wegen der Weite der Übungsplätze, die Bedingungen für Manöver mit Panzerfahrzeugen böten, die in Großbritannien fehlten. Nach bisherigen Schätzungen könnte die Verlegung der Streitkräfte der Rheinarmee bis zu 5,5 Milliarden Euro kosten.
Die Erwägungen des Schattenverteidigungsministers der Konservativen sind, abgesehen von der Kostenfrage, von weiteren Voraussetzungen abhängig. Fox selbst sagte, die Verlegung sei nur möglich, wenn darüber im Nato-Bündnis ein Konsens erzielt werden könne. Die britische Panzerdivision bildet einen Teil der Nato-Defensivstreitkräfte in Europa. Fox regte an, die Rolle der Briten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen könne möglicherweise von osteuropäischen Nato-Ländern, etwa Polen, übernommen werden. Wenn andere Länder sich bereit fänden, eine stärkere Rolle in der Kontinental-Verteidigung zu übernehmen, dann hätten Briten und Franzosen die Hände frei für Expeditions-Aufgaben, sagte Fox. Er wollte dies auch als Möglichkeit verstanden wissen, die Arbeitsteilung im Bündnis umzugestalten: Es ergebe keinen Sinn, von einigen Partnern eine stärkere Teilhabe etwa in Afghanistan zu verlangen, wenn diese durch Verfassungsbeschränkungen und andere Einschränkungen daran gehindert seien. Vielmehr sollten sie auf Gebieten eine stärkere Rolle spielen, auf denen ihnen dies gestattet sei. Fox gestand auch ein, dass ein Abzug der Briten aus Deutschland von der Fähigkeit der Armeeverwaltung abhängen werde, 25 000 Soldaten, ihre Familien und Tausende Zivilangestellte in Großbritannien unterzubringen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Stepmap, picture-alliance/ dpa