Von Volker Stollorz
30. Oktober 2005 Nach der Aufregung über die ersten Vogelgrippe-Fälle in Europa, nach Fehlalarmen um vergiftete Gänse, tote Reiher und verdächtige Enten und nachdem diese Woche besorgte Bundesbürger die Telefonleitungen bei den Seuchenhütern am Robert-Koch-Institut verstopften, weil sie fürchteten, sich selbst durch tote Spatzen auf der Straße mit H5N1 infizieren zu können: Hierzulande heißt es, erst mal wieder durchatmen zu lernen.
Fakt ist: Die Luft in Deutschland ist bisher frei von gefährlichen Vogelgrippe-Erregern. Für die allgemeine Bevölkerung ist derzeit kein Risiko einer Ansteckung erkennbar, beteuert das Robert- Koch-Institut zu Recht. Selbst ein durch Zugvögel nach Deutschland eingeschleppter Erreger der Geflügelpest würde in erster Linie die Geflügelwirtschaft bedrohen, die im November auf ein gutes Geschäft mit Martinsgänsen hofft.
Keiner will die Martinsgänse
Diese Gänse will nun angeblich kaum einer mehr essen. Bisher erweist sich damit weniger das Virus H5N1, sondern eher die Angst davor als äußerst ansteckend. Die derzeitige Alarmstimmung wirkt wie eine Art kultureller Infektion. Diese trägt selbst pandemische Züge, seit jeder Verdachtsfall im Minutentakt einmal um den Globus rast. Das Wissen um die Sache sei der Sache selbst voraus, hat der Seuchenhistoriker Philip Sarazin dieses Phänomen vor kurzem treffend auf den Punkt gebracht.
Dabei gehört zu einer Wissenschaft, die Menschen vor dem Eintreten einer potentiellen Seuche zu warnen und sie im besten Falle sogar davor zu schützen vermag, eine kulturelle Warnlogik. Diese allerdings müßte Warnstufen unterscheiden, Entwarnungen weitergeben und Panikstimmung vermeiden. Denn nicht erst seit den öffentlichen Diskussionen über unerwartete Arzneimittelrisiken ist deutlich geworden, wie eine Flut medialer Warnungen mitunter selbst zum Risiko nicht nur für Patienten werden kann. Es braucht wenig Phantasie, sich vorzustellen, wie all die schönen deutschen Pandemie-Pläne scheitern würden, wenn sie schon in diesem Winter auf die harte Probe im medialen Scheinwerferlicht gestellt würden. Sollten erste menschliche Verdachtsfälle nicht auf der Insel Réunion, sondern am Frankfurter Flughafen auftauchen und sich dann selbst viele Ärzte nicht mehr zur Arbeit trauen, wäre in Deutschland eine Tragödie sogar ohne reale Vogelgrippe-Fälle denkbar.
Welt begegnet einer globalen Bedrohung
Dabei hat die mediale Aufregung um die Vogelgrippe die Welt wirklich in Bewegung versetzt - im Handeln gegen die globale Bedrohung einer Pandemie. Sie hat in Deutschland der seit 2001 im stillen tagenden Expertengruppe Pandemieplanung bei Politikern mehr Gehör verschafft. Allerorts wird inzwischen für den Ernstfall geplant und geübt. Da wird totes Geflügel getestet, Kliniken bereiten sich mit Notfallplänen auf einen denkbaren Ansturm von Lungenkranken vor. Im Dezember werden erste Tamiflu-Vorräte in den Lagern der Länder eintreffen, von wo allein sie sinnvoll verteilt werden können. Auch ein mutiger Plan für einen Pandemieimpfstoff wird derzeit hinter den Kulissen zügig vorangetrieben und könnte sich im Ernstfall innerhalb von drei Monaten nach dem Ausbruch einer echten Pandemie als entscheidender Rettungsanker für alle Bundesbürger erweisen. Im Ergebnis ist Deutschland heute besser auf den Notfall vorbereitet, als die meisten anderen Länder es sind.
Sogar die entscheidenden internationalen Vorbereitungen laufen seit zwei Jahren - bei allen Defiziten im Detail - auf Hochtouren. In Vietnam werden neue Fälle prompt gemeldet. Selbst China kooperiert inzwischen besser mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dort richten die Fachleute seit der Ausbreitung der Vogelgrippe durch den Vogelzug ihre Aufmerksamkeit längst auch bang auf Afrika, wo schon heute Aids, Malaria und Tuberkulose fast unkontrolliert wüten.
Wie das Entfachen eines Streichholzes
Den potentiellen Ausbruch eines für Menschen neuen, ansteckenden Influenzavirus kann man sich plastisch wie das Entfachen eines Streichholzes in einem extrem trockenen Wald vorstellen. Nur wenn der Brandherd gleich zu Beginn bekämpft wird, ist ein Großfeuer zu verhindern. Gelingt dies nicht, breitet sich der Influenzaerreger wie ein Flächenbrand aus, solange er ungeschützte Opfer findet. Ein solcher Seuchenzug wäre durch moderne Medizin nur noch zu bremsen, nicht zu stoppen. Den Seuchenexperten der WHO bleiben im Ernstfall nur etwa 30 Tage, um einen gefährlichen Ausbruch einer für Menschen ansteckenden Vogelgrippe zu entdecken und lokal zu stoppen. Das zeigen Simulationen. Als in Indonesien im Juni ein Mann und seine Tochter in einem wohlhabenden Viertel Jakartas an der Vogelgrippe starben, dauerte es 20 Tage, bis die Welt wußte, daß dahinter H5N1 steckte. Das wäre im Ernstfall wohl zu spät gewesen, um rechtzeitig Medikamente und Impfstoffe in die Stadt zu schicken sowie Quarantänemaßnahmen zu ergreifen. Beim nächsten Testfall hoffen die WHO-Experten schneller reagieren zu können, knüpfen ihr Überwachungsnetz mittels mobiler Labors und Einsatztruppen dichter denn je.
Erst wenn ein Influenzavirus vom Typ H5N1 in diesem Winter durch Evolution den Trick lernte, schon durch ein Husten effektiv von Mensch zu Mensch zu springen, würde die Weltgesundheitsorganisation wirklich Alarm schlagen. Dann würde die derzeitige Warnstufe 3 (vereinzelte Erkrankungen beim Menschen) auf die Stufe 4 angehoben, bei der es zu lokalen Übertragungen eines Vogelgrippe-Erregers von Mensch zu Mensch kommt. Auch ein solcher Pandemiealarm mündet nicht automatisch in eine globale Katastrophe. Kein Virologe kann vorhersagen, mit welcher Wucht H5N1 um den Globus jagen würde. Im 20. Jahrhundert gab es milde, aber auch sehr schwere Seuchenzüge der menschlichen Influenza. Vergessen wird auch immer wieder, daß schon die normale Influenza in jedem Winter rund zehn Prozent der Weltbevölkerung infiziert und Menschen daran sterben. Im Pandemiefall wäre allerdings sicher ein Drittel der Weltbevölkerung Wirt für das Virus. Im schlimmsten Szenario eines ungebremsten und tödlichen Seuchenzuges könnten innerhalb eines Jahres weltweit mehr Menschen an der Influenza sterben als durch Aids in bisher 25 Jahren. Je mehr Zeit der Menschheit für ihre Vorbereitungen bleiben, desto nachhaltiger dürfte das Influenzavirus seinen Schrecken verlieren.
Nächste Woche wird die WHO in Genf auf einer internationalen Konferenz Bilanz ziehen, wo die Welt im Wettstreit mit H5N1 noch besser werden muß. Fatal wäre es, wenn durch Gewöhnung zuerst das Medieninteresse und später die Wachsamkeit erlahmten, weil Politiker die unter Mühen zugesagten Gelder doch lieber wieder anders verteilen. Eine solche Chance ließe sich das Influenzavirus sicher nicht entgehen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.10.2005, Nr. 43 / Seite 2
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz