Libanon

„Al Qaida findet hier einen fruchtbaren Boden vor“

Von Markus Bickel, Beirut

15. Mai 2008 Bestimmt zwei Dutzend schwarzer Geländewagen versperren den Innenhof des Grand Serail an diesem Donnerstagmittag. Einen Tag nach der Ankunft der Delegation der Arabischen Liga gehen die Vermittlungsversuche ihres Generalsekretärs, Amr Moussa, in der libanesischen Krise weiter.

Nach Gesprächen mit Oppositionsvertretern sind die Gesandten des Ägypters jetzt wieder im Sitz der libanesischen Regierung angelangt, eine Fahne der Liga hängt am Eingang neben dem rot-weißen libanesischen Tuch mit der grünen Zeder.

„Der Putschversuch der Hizbullah wurde vereitelt“

Für Ministerpräsident Fuad Siniora und seine wichtigsten Minister ist der Serail im Zentrum Beiruts seit fast anderthalb Jahren nicht nur Arbeits-, sondern auch Schlafstätte. Der Mord an ihrem Kollegen, dem jungen Industrieminster Pierre Gemayel, zwang sie im Dezember 2006 aus Sicherheitsgründen zum Rückzug in den von den Osmanen gebauten Palast.

Auch Jugend- und Sportminister Ahmed Fatfat übernachtet seitdem in den kühlen Gemäuern im Zentrum Beiruts. Immer wieder unterbricht er das Gespräch im zweiten Geschoss, um über sein Handy Textmitteilungen an Siniora zu schicken, wie er sagt.

Keine zwölf Stunden, nachdem das Kabinett seinen vergangene Woche getroffenen Beschluss zur Entmachtung des Hizbullah-nahen Sicherheitschefs am Flughafen zurücknahm, verteidigt der sunnitische Minister aus dem nordlibanesischen Tripoli die Entscheidung. Ein Bürgerkrieg sei so verhindert worden, „der Putschversuch der Hizbullah wurde vereitelt“.

Hizbullah politisch geschwächt

Auch dass die schiitische „Partei Gottes“ ihr illegales Telefonnetzwerk weiter betreiben könne, bedeute keine Niederlage für die Regierung. „Schwäche haben wir am Wochenende in den Straßen von Beirut gezeigt, weil die Hizbullah der zivilen Bevölkerung eine rauchende Pistole an die Schläfe gehalten hat und wir selbst über keine Milizen verfügen“, sagt der nach dem Sturm der diplomatischen Vertretung Dänemarks in Beirut im Februar 2006 vorübergehend zum Innenminister ernannte Fatfat.

Für das Mitglied der wichtigsten sunnitischen Partei des Libanon, Mustaqbal, der auch Siniora und der Mehrheitsführer im Parlament, Saad Hariri angehören, geht die Regierung gerade deshalb aus dem heftigsten militärischen Konflikt hervor, den der Libanon seit Ende des Bürgerkrieges 1990 erlebt hat. „Zum ersten Mal sind die Waffen der Hizbullah infrage gestellt“, sagt Fatfat, der neben Siniora wichtigste sunnitische Politiker im Kabinett.

„Militärisch, als Miliz, mögen sie gestärkt sein, politisch aber werden sie es schwer haben, wieder aufzustehen.“ Die Behauptung, die Organisation richte ihre Waffen nur gegen Israel, nicht aber gegen Libanesen, werde Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah künftig keiner mehr abnehmen. „Die Hizbullah ist keine Widerstandskraft mehr.“

Wachsende Gefahr durch sunnitische Extremisten

Trotz der Eindämmung der Krise und der bevorstehenden Wiedereröffnung von Flughafen und gesperrter Straßen in Beirut und dem Umland der Hauptstadt hält Fatfat die Gefahr neuer Kämpfe noch nicht für gebannt. „Wir befinden uns in einer extrem gefährlichen Situation“, sagt er. Sollte die Hizbullah die sunnitische Gemeinde erneut angreifen wie beim Sturm des Kerngebiets der im Libanon kleineren der beiden muslimischen Hauptströmungen in Westbeirut, „werden sich die Tore zur Hölle im ganzen Libanon öffnen“.

Schon am Donnerstagmorgen hatte die nach Fatfats Angaben vom syrischen Geheimdienst aufgebaute Extremistenorganisation Fatah al Islam den libanesischen Sunniten angeboten, ihnen im nächsten Konfliktfall militärisch zur Seite zu stehen. „Auch wenn ich diese Sprache normalerweise nicht benutze: Diese Leute sind meine Feinde, ich bekämpfe sie“, sagt Fatfat.

Im Sommer vergangenen Jahres focht die Armee einen Hundertagekrieg gegen die anderen Quellen zufolge von al Qaida unterwanderte Islamistenmiliz, auch zu Anschlägen in Beirut und Umgebung bekannte sich die Truppe.

Eine Krise nach der nächsten

Die Gefahr eines Anwachsen des sunnitischen Extremismus hält Fatfat für die vielleicht bedrohlichste in der angespannten Lage im Libanon, der seit dem Mord an dem langjährigen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri im Februar 2005 nicht zur Ruhe kommt. Ein Jahr später stürmten militante Sunniten das Gebäude der dänischen Vertretung in Beirut und griffen Kirchen an.

Im Juli 2006 folgte der Krieg zwischen Hizbullah und Israel, von Mai bis September 2007 der zwischen Fatah al Islam und der Armee im nordlibanesischen Palästinenserlager Nahr al Bared.

„Wenn es uns gemäßigten Sunniten nicht gelingt, unserer Gemeinde überzeugende Angebote zu machen, kann die Situation sehr schnell kippen“, sagt Fatfat Gerade in seiner Heimatstadt Tripoli, neben dem südlibanesischen Sidon die Hochburg der libanesischen Sunniten, sei die Gefahr besonders groß. „Al Qaida findet dort einen sehr fruchtbaren Boden vor.“

„Die Verfassung hat gesiegt“

Berichte, seine Mustaqbal-Partei habe im vergangenen Jahr begonnen, private Sicherheitsdienste zu Milizen umzubilden, weist Fatfat zurück. „Mustaqbal wird die Sunniten auch in Zukunft nicht ausrüsten, das entspricht nicht unseren Prinzipien, aber es werden sich andere Kräfte finden, die das tun, das ist das Gefährliche an der Entwicklung.“ Um die Bewaffnung der sunnitischen Seite zu verhindern, müsse die Armee erheblich gestärkt werden, fordert Fatfat.

Die Tatsache, dass die Hizbullah zugestimmt habe, ihr Telefonnetzwerk durch die Armee begutachten zu lassen, zeige, dass der bewaffnete Konflikt der vergangenen Tage auch bei Nasrallah und seinen Kadern zu einem Umdenken geführt habe. Insofern könne man von einem „Sieg der Verfassung“ sprechen, sagt Fatfat, während sein Handy wieder einmal summt. „Jetzt muss ich leider los, Amr Moussa trifft gleich mit Siniora zusammen.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

 
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