Von Eckart Lohse und Markus Wehner, Berlin
13. November 2005 Es ist Montagabend, und ein seltener Gast beehrt die Grünen-Fraktion: Joseph Fischer kommt, um die Abgeordneten gemeinsam mit Verteidigungsminister Peter Struck über den Afghanistan-Einsatz Enduring Freedom zu informieren. Den soll der Bundestag am nächsten Tag verlängern.
Eigentlich hatte Fischers Staatssekretär die Fraktion unterrichten sollen. Der mußte aber nach Brüssel reisen. Deswegen kommt der Minister noch einmal selbst, in Vertretung des Beamten. Weniger als eine Stunde dauert die Zusammenkunft. Am Dienstag bei der Parlamentssitzung spricht der grüne Verteidigungsfachmann Winfried Nachtwei zum Thema, nicht Fischer. Das ist neu.
Seitenhieb auf Fischers Selbstgefälligkeit
Gewohnt hingegen ist das Bild, das prägend war für die zurückliegenden sieben Jahre: Fischer sitzt in der ersten Reihe der Regierungsbank und verdreht die Augen. Es spricht der Abgeordnete Friedbert Pflüger von der CDU, der außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion und bald Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium ist. Fischer verdreht gern die Augen, wenn andere über Außenpolitik sprechen. Pflüger ist das über die Jahre nicht entgangen. Ein paar Tage später blickt er auf Fischers Leistungen als Minister zurück, anerkennend.
Nicht einmal der politische Gegner kommt zum Schluß, Fischer sei im so ereignisreichen Jahr 2005 seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Nur einen Seitenhieb auf Fischers Selbstgefälligkeit kann Pflüger sich nicht verkneifen: Trotz vieler Ablenkungen in diesem Jahr - Visa-Affäre, der Streit über die Vergangenheitsbewältigung im Auswärtigen Amt, der Wahlkampf - war Fischer voll präsent. Das gilt auch für seine Zusammenarbeit mit dem Bundestag und den Ausschüssen, auch wenn seine Arroganz oft schwer erträglich war.
Niemand hat ihn vermißt
Ertragen müssen ihn nun viele nicht mehr, auch in der eigenen Partei. Bei der Sitzung seiner Fraktion am Dienstag fehlt der Abgeordnete Fischer. Auch die Fraktionsklausur einen Tag später, bei der über die weitere Marschrichtung debattiert wird, schwänzt er, und als die Fraktion am Donnerstag noch einmal zusammenkommt, bleibt jener Mann ihr wiederum fern, der noch vor kurzem als gar nicht so heimlicher Vorsitzender galt.
Niemand hat ihn vermißt, und niemand hat nach ihm gefragt, sagt eine grüne Veteranin - ganz ohne Häme. Wer sieben Jahre durch die Welt gejettet sei, habe das Recht auf Urlaub. Und wer sich so wenig zurückhalten könne, in Wort, Gestik und Mimik seine Meinung kundzutun, wolle vielleicht die Debatte um die Neuausrichtung der Partei nicht durch seine Anwesenheit beeinflussen.
Fünfte Eheschließung vor kurzem in Rom
Fischer hat getan, was viele ihm nie zugetraut haben: Er hat sich von der Politik radikal verabschiedet. Mit einem glatten Quatsch antwortet derjenige, der Fischer als Freund wohl am besten kennt, auf die Frage, ob diesem das Loslassen schwerfalle. Nach dem 18. September, jenem Tag, da die Wahl verlorenging für Rot-Grün, sei ihm dieser Schritt nicht schwergefallen, beteuert Daniel Cohn-Bendit. Der Knochenjob des Außenministers sei ihm zuletzt schwergefallen, habe an seinen intellektuellen und physischen Kräften gezehrt, sagt der Freund.
Nur ein klarer Wahlsieg hätte nach Cohn-Bendits Einschätzung diese Gemütslage Fischers noch einmal verändern können. Jetzt fühle er sich dennoch sehr wohl, genieße jenen Teil des Lebens, den er als Minister nicht habe genießen können. Mancher, der ihn kennt, mahnt, den Stellenwert des Privaten nicht gering zu schätzen. Vermutlich ist seine fünfte Eheschließung, die vor kurzem in Rom stattfand, äußeres Zeichen des neuen Gewichts, das Fischer auf das Private legt.
Despektierliche Bemerkungen aus dem Hintergrund
Auch in seiner Partei sorgt nur noch der Privatmann Fischer für Gesprächsstoff. Mancher stellt fest, daß es ihm offenbar gutgehe, denn sein Leibesumfang sei durch das Kochen für die Familie wieder etwas gewachsen. Was Joschka aber zu politischen Fragen meint, interessiert nicht mehr. Daß er sein Bundestagsmandat in absehbarer Zeit niederlegen wird, das nimmt derzeit niemand an.
Solange Fischer keine Aufgabe gefunden hat, die ihn ganz beansprucht, kann er Vorträge und Bücherschreiben gut damit verbinden, ab und an im Bundestag aufzutauchen. Ich gehe davon aus, daß er politisch nicht mehr eingreifen wird, sagt eine grüne Abgeordnete. Doch rechnet sie mit despektierlichen Bemerkungen aus dem Hintergrund.
Arbeitet Liste der Abschiedsreisen ab
Der Minister Fischer läßt seine letzten Wochen im Auswärtigen Amt ruhig ausgleiten. Er ist zwar fast täglich im Haus, aber nur halbe Tage. Und er reist noch einmal an die Orte, an denen er so oft war, besucht diejenigen, die er so oft traf: Am Sonntag, wenn Gerhard Schröder nach Karlsruhe aufbrechen muß, um auf dem SPD-Parteitag den Koalitionsvertrag mit zu beschließen, wird Fischer nach Israel fahren, bis Dienstag bleiben.
Paris und London stehen auf der Liste der Abschiedsreisen. In Washington war er schon, bei Außenministerin Rice und Madeleine Albright, an deren Seite er die ersten Gehversuche auf der außenpolitischen Weltbühne machte. Er macht, was ein geschäftsführender Außenminister machen muß, aber nichts darüber hinaus. Keine neuen Initiativen, wie er sie bisweilen anstieß.
Der politische Zug fehlt schon seit Monaten
Allerdings hatte diese Neigung schon lange vor der Neuwahlentscheidung Schröders merklich nachgelassen. Am Ende wäre eine Rede wie die vor der Humboldt-Universität natürlich noch mal willkommen gewesen, sagt Cohn-Bendit, wissend, daß im Abgang so etwas nicht kommt. Damals, im Mai 2000, hatte Fischer begonnen, die deutsche Europapolitik zu prägen. Das ist lange her.
Das Routinegeschäft der deutschen Außenpolitik läuft weiter, doch der politische Zug fehle seit Monaten, klagen die Diplomaten. Der Abschied von Fischer ist durch dessen wochenlangen Wahlkampfeinsatz und die längsten Koalitionsverhandlungen in der Geschichte der Bundesrepublik quälend zäh geworden, wie in einer faktisch beendeten Ehe, wo die Scheidung auf sich warten läßt.
Sechs Jahre lang beliebtester Politiker
Wir sind ja schon ein Lebensabschnittspartner für Fischer gewesen, sagt einer. Trauert man im Amt dem scheidenden Chef nach, der fast sechs Jahre lang der beliebteste Politiker des Landes war? Wir glauben natürlich, daß der Außenminister ex officio der populärste Politiker ist und daß das weniger an seiner Person hängt, ist man gewohnt selbstbewußt.
Im verflixten siebten Jahr ist mancher des Lebensabschnittspartners Fischer müde geworden. Doch schlecht fällt die Bilanz für ihn nicht aus. Seine Schlagfertigkeit und Kreativität bei Gesprächen wird gelobt, sein breiter Rücken, der es ihm erlaubte, Kritik nur selten auf die Beamten abzuschieben. Das sagen auch solche, die es Fischer ankreiden, daß er das Verhältnis zu Amerika beschädigt und damit den Einfluß Deutschlands gemindert habe.
Jetzt kocht er, heiratet und schreibt seine Memoiren
Vorlagen für Fischer schreibt man seit Wochen nicht mehr. Eher versucht man die Bedürfnisse des Nachfolgers zu erahnen, erstellt Logbücher, die meist nicht angefordert werden dürften. Es ist so, als ob man Briefe abschickt, ohne daß man weiß, ob sie jemals ankommen, heißt es. Daß mit Frank-Walter Steinmeier ein Fachbeamter nachrückt, der bisher keinen großen Profilhunger entwickelt hat und der sich weniger als Fischer von seinen eigenen Vorlieben leiten lassen wird, sehen viele im Amt als Chance für die deutsche Außenpolitik.
Und wie bringt Fischer künftig seine Tage rum, wenn er nicht gerade kocht, heiratet oder seine Memoiren schreibt? Er sucht kein neues Amt, sagt Cohn-Bendit. Ob sich irgendwann eine neue Herausforderung stelle, wisse man noch nicht, in Deutschland werde das aber nicht sein. Ein gelegentlich zu vernehmendes Gerücht entkräftet der langjährige Freund: Generalsekretär der Vereinten Nationen wird er nicht, das ist Quatsch. Dafür braucht man schließlich eine Regierung, die einen unterstützt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.11.2005, Nr. 45 / Seite 4
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