Kongo

Schießereien in Kinshasa

Von Thomas Scheen, Johannesburg

Verletzt bei Straßenkämpfen in Kinshasa

Verletzt bei Straßenkämpfen in Kinshasa

12. November 2006 Nach der Schießerei im Stadtzentrum von Kinshasa am Samstag vormittag hat Innenminister Denis Kalume Numbi mit dem Einsatz der Armee gedroht, sollte sich die Lage wenige Tage vor Verkündigung der Endresultate der Präsidentschaftswahl weiter zuspitzen. Bei der Auseinandersetzung zwischen Polizisten und der Leibwache des Präsidentschaftskandidaten Jean-Pierre Bemba waren vier Menschen ums Leben gekommen, drei Zivilisten und ein Soldat der regulären Armee.

Die Schießerei hatte begonnen, als Polizisten eine Demonstration von Straßenkindern aufzulösen versuchten, die in unmittelbarer Nähe der offiziellen Bemba-Residenz an Kinshasas Hauptstraße „Boulevard du 30. Juin“ Reifen angezündet und Autos mit Steinen beworfen hatten. Die Polizisten hatten dabei in die Luft geschossen, woraufhin die vor der Residenz stationierte Leibwache Bembas unter anderem mit Panzerfäusten und Mörsergranaten das Feuer eröffnet hatte. Nach Angaben der Polizei waren die Straßenkinder zudem in Begleitung „bewaffneter Zivilisten“, was eine mittlerweile gängige Umschreibung für die trotz Waffenverbot durch die Stadt spazierenden Bemba-Soldaten ist und auf eine gezielte Provokation des Bemba-Lagers schließen läßt. Weder Eufor- noch Monuc-Soldaten hatten in die drei Stunden dauernden Schießereien eingegriffen.

Nur Bemba kann seine Leute in Schach halten

Die Behauptung der Bemba-Leibwache indes, sie seien in der Nähe der Residenz in Gefechte mit der Garde der Übergangspräsidenten von Joseph Kabila verwickelt worden, waren umgehend sowohl vom Präsidentenamt als auch von kongolesischen Sicherheitskreisen und der UN-Mission in Kongo, Monuc, dementiert worden. Im August hatten sich die Präsidentengarde und der Sicherheitsdienst Bembas rund um die nur unweit der offiziellen Residenz Bembas gelegenen privaten Residenz zwei Tage lang schwere Gefechte geliefert, bei den mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen waren.

Der Chef der Monuc, William Swing, war noch am Samstag nachmittag zu einem persönlichen Gespräch mit Bemba zusammengekommen, um ihn aufzufordern, seine Anhänger zur Ruhe anzuhalten. Der kongolesische General Kalume, der nach den Gefechten vom August zum neuen Innenminister ernannt worden war, hatte die Initiative Swings ausdrücklich begrüßt. „Wenn Bemba zur Ruhe aufruft und seine Leute auf ihn hören, kann sich die Lage beruhigen. Wenn nicht, wird wohl die Armee eingreifen müssen“, so Kalume.

Kinshasa hat mehrheitlich für Bemba gestimmt

Die Lage in Kinshasa ist auch deshalb so angespannt, weil die Stadt bei der Wahl mehrheitlich für Bemba gestimmt hatte. Seit einigen Tagen kursieren zudem Flugblätter, in denen Bemba bereits als Sieger präsentiert wird und gezielt Firmen und Institutionen genannt werden, die an Kabilas angeblichem „Ausverkauf des Kongo“ beteiligt seien, was angesichts der aufgeheizten Stimmung in der Hauptstadt einem Aufruf zum Plündern gleichkommt.

Unterdessen hat die Unabhängige Wahlkommission (CEI) Vorwürfe des Bemba-Lagers zurückgewiesen, bei der Auszählung der Stimmen sei es zu eindeutigen Fälschungen zugunsten Kabilas gekommen. Man habe alles überprüft und nichts gefunden, hieß es dazu bei der CEI. Eine Sprecherin der Bemba-Wahlallianz „Union pour la Nation“ hatte zuvor von „systematischen Betrug“ gesprochen. Nach Auszählung von rund 80 Prozent aller Wahlbezirke liegt Kabila mit knapp 60 Prozent nach wie vor in Führung. Zwar sollen die vorläufigen Endergebnisse erst am 19. November verkündet werden, gleichwohl wird spätestens am kommenden Dienstag klar sein, wer die Wahl gewonnen hat.

Text: tos. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2006
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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