Gazastreifen

Überall weht die Fahne des Propheten

Von Jörg Bremer, Jerusalem

23. Juni 2007 Einhundert Tage ist der BBC-Korrespondent Johnston schon in der Hand seiner Entführer im Gazastreifen. Das letzte Ultimatum der seit einer Woche herrschenden Hamas läuft am Montag ab. Die Islamisten verlangen seine Freilassung, für die sich Hamas-Politiker schon zuvor eingesetzt hatten. Nun drohen sie dem Dogmush-Clan mit Gewalt. Diese Familie, die einst zur Fatah gehörte und nun offenbar auch in der Hamas vertreten ist, hält Johnston gefangen. Sie will ihn nur gehen lassen, wenn alle an der Entführung beteiligten Familienmitglieder unbehelligt bleiben.

Wenn Johnston auf freien Fuß kommt, wird er den Gazastreifen kaum wiedererkennen. Alle Spuren der viele Jahre dort dominierenden Fatah sollen mittlerweile beseitigt worden sein. Selbst die Statue des „Unbekannten Soldaten“ im Zentrum von Gaza wurde abgerissen. Die meisten Bilder von Präsident Abbas seien abgenommen worden, heißt es. Stattdessen weht überall die grüne Flagge des Propheten. Familien führen ihre Kinder in die bisherige Zentrale der Sicherheitsbehörden und zeigen dort die Zellen, in denen Verwandte von der Hamas oder von Fatah-Schergen gefoltert worden sein sollen.

„Bald weiß niemand mehr, was sich hier ereignet“

Wer sich bisher noch keinen Bart wachsen ließ, tut nun gut daran, auf den Rasierapparat zu verzichten. Statt über Politik reden viele heute selbst am Mobiltelefon lieber über das Wetter. Zwar gibt es weiter Internet und alle Sender aus Israel, Ägypten oder anderswo im Gaza sind zu hören. Aber die Hamas hat Zeitungen, Rundfunkstationen und Fernsehsender der Fatah verboten oder zerstört. Sind sie noch in Betrieb, senden sie Koransuren und fromme Lieder. Es gibt nur noch die Tageszeitung „Filastin“ und die zweimal in der Woche erscheinende Zeitschrift „Al Risala“ - zwei Hamas-Publikationen. In einem Hilferuf wandten sich Journalisten an Abbas.

Am Telefon sagt jetzt ein Journalist: „Gaza ist schon jetzt ohne Medien, und innerhalb kurzer Zeit wird niemand mehr wissen, was sich in der Stadt ereignet.“ Man habe Angst, dass die Telefone abgehört werden. „Niemand kann sich in dieser Situation leisten, die Hamas zu verärgern.“ Ihrerseits droht die Hamas damit, Dokumente zu veröffentlichen, die sie in den letzten Tagen der Kämpfe in den Büros der Fatah fand und die deren Untaten dokumentieren sollen.

„Hier läuft nun die große Säuberungswelle an“

Dabei werden vor allem die Präventivpolizei der Fatah und der frühere starke Mann in Gaza, Mohammed Dahlan, beschuldigt. „Informationen sind nicht mehr gefragt. Die alte Regierung soll verunglimpft und die neuen Herren sollen reingewaschen werden“, sagt der Journalist am Telefon. „Und da wir auf keine Hilfe aus dem Westen rechnen können, werden wir entweder schweigen oder mitmachen müssen.“

An den Universitäten im Gazastreifen versucht die Hamas nach einer Meldung der palästinensischen Agentur Maan, die gerade kürzlich von der Fatah übernommenen Fachschaften zu „säubern“ und die Studentenräte mit Hamas-Anhängern zu besetzen. Der Fatah-Politiker Ischtajeh wird mit dem Satz zitiert: „Hier läuft nun die große Säuberungswelle an, was selbst unbeliebte Hamas-Mitglieder nicht ausschließt.“ Die Hamas habe zudem Computer der Fatah nahestehenden Al-Quds-Universität gestohlen, meldet die Nachrichtenagentur.

„Ich bin jetzt mundtot und arbeitslos - wie die Nation“

Immerhin herrscht offenbar Ruhe auf den Straßen. Man sehe kaum noch bewaffnete oder vermummte Männer. „Das ist wahrscheinlich die einzige Errungenschaft der Hamas: kein Chaos“, berichtet der Journalist. Es gibt angeblich schon eine große Zahl iranischer Militärfachleute. „Gezeigt haben die sich allerdings noch nicht.“ Sicherlich werde Iran versuchen, Gaza zu einer Hochburg des Islamismus werden zu lassen, erwartet der Journalist: „Ich bin jetzt mundtot und arbeitslos - wie hier fast die ganze Nation.“

Betroffen von der Machtübernahme der Islamisten ist offenbar auch die kleine christliche Gemeinschaft in Gaza. Die katholische Kirche und ihre Schule nebenan wurden in Brand gesteckt. Die Türen zeigen nach Agenturberichten Einschusslöcher. Hamas-Kämpfer hätten in der Kirche Kreuze zerstört und Bibeln zerrissen.



Text: F.A.Z., 23.06.2007, Nr. 143 / Seite 6
Bildmaterial: AP

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