Jüdische Gemeinde Frankfurt

Die Russen sind da

Von Hans Riebsamen

Möglicher Nachfolger Paul Spiegels - Salomon Korn

Möglicher Nachfolger Paul Spiegels - Salomon Korn

07. Mai 2006 „Jirushalajim.“ Klingt noch etwas dünn, das „Jerusalem“ aus den Kehlen der fast tausend Frankfurter Juden, die sich an diesem Abend wie jedes Jahr vor dem Gründungstag des Staates Israel zur Geburtstagsfeier versammelt haben. Also noch einmal alle zusammen: „Erez Zion v'Jirushalajim“, der letzte Vers der „Hatikvah“, der israelischen Nationalhymne. Besonders textsicher sind die Männer und Frauen nicht, die im Frankfurt Zoopalais an langen, mit blauweißen Israel-Fähnchen geschmückten Tischen Kaffee trinken und Kuchen essen.

Früher, da konnte faktisch jeder in der Gemeinde die „Hatikvah“ im Schlaf singen. Doch jetzt, da „die Russen“ mehr als ein Drittel der Gemeindemitglieder stellen, ist es nicht mehr so weit her mit den Hymnenkenntnissen. Für die jüdischen Männer und Frauen, die seit Beginn der neunziger Jahre aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks nach Frankfurt, Berlin, Düsseldorf und in andere deutsche Städte gekommen sind, war nicht Israel das ersehnte Land, sondern Deutschland.

Korn hat die „russische“ Einwanderung gutgeheißen

Gewiß, Israel ist und bleibt auch weiterhin für alle Juden hierzulande eine Art Rückversicherung, ein Land, wohin man sich im Notfall flüchten kann, sollte es wieder losgehen mit Verfolgung und Rassenfanatismus. Doch die Neuen, die Einwanderer aus Rußland, der Ukraine, dem Baltikum, plagt diese Angst viel weniger als die Alten, die Holocaust-Verfolgten: Juden aus Osteuropa zumeist, die nach dem Krieg aus irgendwelchen Gründen in Frankfurt, München und anderswo gestrandet waren, sich hier Existenzen aufbauten und neue jüdische Gemeinden gründeten. Sie und ihre Kinder haben - im Gegensatz zu den Einwanderern - fast alle ein leicht schlechtes Gewissen, daß sie nicht nach Israel gegangen sind. Sie kompensieren das häufig mit einer besonderen Loyalität zum Judenstaat im Nahen Osten.

Jetzt, da Israel mehr denn je bedroht sei, bedürfe es der vollen Solidarität aller Juden, mahnt Salomon Korn auf der „Jom Haatzmaut“-Feier im Zoopalais seine Zuhörer. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt gehört zu den Alteingesessenen. Geboren 1943 in Lublin in Polen, aufgewachsen in Frankfurt, zählt er zur sogenannten Zwischengeneration, die den Holocaust nicht mehr bewußt erlebt hat, aber doch direkt von ihm betroffen war. Mit seiner Intellektualität und seiner profunden Bildung knüpft Korn in gewisser Weise an die Tradition des stolzen Frankfurter Judentums der vergangenen Jahrhunderte an. Der Nachfolger von Ignatz Bubis als Gemeindevorsitzender hat sich freilich nie gegen die „russische“ Einwanderung gestellt, im Gegenteil: Er hat sie gutgeheißen, weil er wußte, daß ohne „die Russen“ die überalterten jüdischen Gemeinden in Deutschland ausgeblutet wären: „Wir wären nicht von 30.000 auf 110.000 gewachsen, sondern auf 15.000 geschrumpft.“

Ausreisewillige können wieder Anträge stellen

Sollte Korn - wofür einiges spricht - Nachfolger des verstorbenen Paul Spiegel als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland werden, würde er gewiß wie dieser dafür kämpfen, daß weiterhin Juden einwandern dürfen. Als es im vergangenen Jahr galt, den von den Innenministern geplanten Einwanderungsstopp zu verhindern, war sich der gesamte Zentralrat einig in seiner Forderung, daß die Tür offenbleiben müsse. Dieter Graumann, Vorstandsmitglied der Frankfurter Gemeinde, hat als Verhandlungsführer des Zentralrats „das Schlimmste“ verhindern können. Zwar gilt die 1989 von Bundeskanzler Helmut Kohl durchgesetzte großzügige Kontingentregelung seit Januar 2005 nicht mehr. Doch von Juli dieses Jahres an können Ausreisewillige wieder Anträge stellen. Allerdings müssen sie jetzt deutsche Sprachkenntnisse nachweisen, müssen vom Bundesamt für Migration eine positive Integrationsprognose ausgestellt bekommen und aufnahmefähig sein in einer der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Letzteres beurteilt die Zentrale Wohlfahrtsstelle in Frankfurt.

Ob Inna Milutina wohl noch einmal eine Einreiseerlaubnis bekommen würde? Im Februar 1991 hat sich die Englischlehrerin mit ihrem Mann und ihrer Tochter ins Auto gesetzt und hat ihre Heimatstadt Vilnius in Litauen Hals über Kopf verlassen. Angst vor den Russen, sagt sie. In einem Hotelzimmer im Frankfurter Bahnhofsviertel sind sie anfangs untergekommen. Mittlerweile arbeitet die lustige Frau mit den langen blonden Haaren bei einem amerikanischen Unternehmen am Flughafen. Auch der Mann hat Arbeit, die Tochter studiert inzwischen.

Die ältere Generation hatte kaum eine Chance

Bei der Israel-Feier im Zoopalais treffen sie sich wieder: Inna Milutina und Dalia Moneta, die Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde. Moneta hat damals der neuangekommenen Familie geholfen, so gut es ging: Aufenthaltserlaubnis, Sprachkurs, Zahnarzt. Die Sozialabteilung hat unzählige Einwanderer betreut während der vergangenen fünfzehn Jahre. Einmal kamen 400 Menschen auf einen Schlag. Moneta erinnert sich noch gut, wie sie seinerzeit in ihrer Not Ministerpräsident Walter Wallmann angerufen hat und diesen dazu bewegen konnte, das Aufnahmekontingent hochzusetzen.

Nicht alle Einwanderer waren so erfolgreich wie Inna Milutina. Wiewohl die meisten eine gute Ausbildung hatten - viele waren Ärzte oder Ingenieure -, fiel es den meisten schwer, eine Arbeit zu finden. Die ältere Generation hatte kaum eine Chance, die mittlere, sagt Dalia Moneta, kämpfte hart und biß sich in der Regel irgendwie durch. Die Kinder dagegen sind fast alle erfolgreich: leistungsstarke, bildungshungrige Schüler. Die große Hoffnung. Der ganze Stolz der Frankfurter Gemeinde.

In Frankfurt gelingt die Integration am besten

Etwa 7.200 Mitglieder zählt sie, ein gutes Drittel ist durch die Einwanderung hinzugekommen. Andernorts liegt der Anteil der Neuen meistens höher, bis zu achtzig Prozent manchmal. Mit einem gewissen Neidgefühl blicken andere Gemeinden nach Frankfurt: Hier gelingt die Integration der „Russen“ anerkanntermaßen am besten. Nicht zuletzt deshalb, weil es hier eine jüdische Schule gibt, die Lichtigfeld-Schule im Westend.

„Baruch ata adonai ...“, „Gelobt seist Du, Ewiger ...“: Andächtig sprechen die Vorschulkinder das Tischgebet, dann öffnen sie ihre Frühstücksdosen, packen ihre Pausenbrote aus. Die Jungen tragen beim Essen allesamt die schöne blaue Schulkippa. Schon in der Eingangsstufe lernen die Lichtigfeld-Schüler Ivrit. Damit sie die religiösen Schriften verstehen könnten und weil das Neuhebräische die jüdische Weltsprache sei, erklärt Alexa Brum, die Rektorin.

Eine der besten Schulen ganz Hessens

Im Herbst wird die Schule umziehen, ins Philanthropin im Nordend, die berühmte jüdische Schule, in der vor dem Holocaust ganze Generationen jüdischer Schüler ihr Abitur machten. Zur bisherigen Grundschule mit Förderstufe kommt dann eine Sekundarstufe II hinzu - doch auch unter dem Namen Philanthropin dürfte die Lichtigfeld-Schule eine der besten Schulen der Stadt, ja ganz Hessens bleiben. Eine vergleichbare jüdische Erziehungsanstalt gibt es nur noch in Berlin.

Ein gutes Drittel der Lichtigfeld-Schüler sind Söhne und Töchter von Einwanderern. Mit einem beispielhaften Fördersystem gelingt es der Schule, ihnen die nötigen Deutschkenntnisse beizubringen. Im Durchschnitt nach anderthalb Jahren seien die „Russenkinder“ voll in den normalen Unterricht integriert, berichtet die Rektorin, Sitzenbleiber gebe es praktisch keine, zwischen siebzig und achtzig Prozent der Kinder gingen anschließend auf ein Gymnasium, wo sie in der Regel sehr gut abschnitten.

Nur das Beste für die Kinder

Vom Baltikum über Rußland bis nach Georgien spannt sich der Bogen der Einwanderungsländer. Jede Einwanderergruppe hat ihre eigene Kultur. Die baltischen Eltern sind nach aller Erfahrung hochgebildete Europäer, ihre Kinder zielstrebig und integrationsbewußt. Die „Russenkinder“ zeigen meist ebenfalls eine hohe Integrationsbereitschaft und besitzen großen Ehrgeiz. Ihre Eltern versuchen mit nicht geringem Erfolg, die alten russischen Werte - Liebe zur Literatur, zur Musik, zum Sport - in ihnen wachzuhalten. Für die eher asiatisch geprägten georgischen Eltern wiederum stellt die religiöse Erziehung den höchsten Wert dar. Was die jüdischen Einwanderer, aus welchem sowjetischen Land sie auch stammen mögen, allesamt verbindet, ist die Haltung der Eltern und Großeltern: nur das Beste für die Kinder. Nie würden sie ihre Söhne und Töchter auf eine Gesamtschule schicken, es muß schon ein Gymnasium mit Ruf sein. So wächst eine gut ausgebildete Generation heran, die leistungsbereit ist und zielstrebig beruflichen Erfolg sucht.

Manchmal, wenn Rektorin Brum durch die Stadt geht, trifft sie ehemalige Schüler, die jetzt bei einer Bank, in einer Kanzlei oder im eigenen Geschäft arbeiten. Dann spürt sie wieder, daß die Jüdische Gemeinde Frankfurt auf dem richtigen Weg ist.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, Nr. 18 / Seite 9
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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