Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
17. April 2005 Als Johannes Paul II. vor zwei Wochen starb, da meinten manche Kardinäle, sie seien nun Waisen. Denn die Kardinäle sind die Geschöpfe des Papstes, allein durch seinen Willen mit der Berufung in das oberste Leitungsgremium der katholischen Kirche ausgezeichnet.
Das Gefühl des Verlassenseins dürfte noch dadurch verstärkt worden sein, daß fast alle zur Papstwahl berechtigten Kardinäle wegen des 26 Jahre langen Pontifikats von Johannes Paul II. berufen wurden. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Deutsche Joseph Ratzinger, der Dekan des Kollegiums, der schon im Juni 1977 von Paul VI. ernannt worden war.
Nicht älter als 80 Jahre
Wenn die Kardinäle an diesem Montag vormittag ein feierliches Pontifikalamt auf dem Petersplatz feiern, zelebriert von Ratzinger, dann wird ihnen der Verlust noch einmal schmerzlich vor Augen geführt. Auch am Nachmittag, wenn die Kardinäle in einer gemessenen Prozession in die Sixtinische Kapelle des Apostolischen Palastes ziehen, fehlt die Hauptperson. Das wird dann allerdings zum letzten Mal so sein, denn am Ende des Konklaves hat der erste der Kardinaldiakone zu verkünden: Habemus Papam, wir haben wieder einen Papst. Beim Tod von Johannes Paul II. am 2. April gehörten dem Kollegium insgesamt 183 Kardinäle an.
An den Generalkongregationen, in denen über praktische Angelegenheiten, vor allem jedoch über den Status Ecclesiae, die Lage der Kirche, die Meinungen ausgetauscht werden, können sie alle teilnehmen. Das Gremium zur Wahl des neuen Papstes bilden aber nur jene Kardinäle, die die Altersgrenze von 80 Jahren noch nicht überschritten haben. Von den 183 Kardinälen sind das 117. Zwei, der frühere Erzbischof von Manila (Philippinen), Jaime Sin, und Adolfo A. Suarez Rivera, der frühere Erzbischof von Monterrey (Mexiko), sind aus Krankheitsgründen verhindert. So ziehen 115 Kardinäle in das Konklave ein.
Lehmann wirbt für Italiener
Diese Männer stammen aus 86 Ländern. Aus Nordamerika kommen 14, aus Lateinamerika 21, aus Afrika 11, aus Asien 11 und aus Ozeanien zwei Kardinäle des Konklaves. Ihr Durchschnittsalter liegt um die 70 Jahre. Aus der Aufteilung nach Kontinenten und Nationen hat man in den vergangenen Tagen Schlüsse auf die mögliche Entscheidung der Wähler zu gewinnen versucht. Durch die Abwesenheit der beiden Kranken aus Asien und Lateinamerika verfügt Europa - vermutlich zum letzten Mal - gegenüber den anderen Kontinenten über eine Mehrheit von 58 zu 57 Stimmen. Aber den Kardinälen wird auch bewußt sein, daß die Mehrheit der rund 1,1 Milliarden katholischen Gläubigen in den beiden - sehr unterschiedlichen - Teilen Amerikas lebt.
Die nordamerikanischen Kardinäle, besonders die elf aus den Vereinigten Staaten, suchen ein gutes Verhältnis zu ihren Mitbrüdern im Süden, auch wenn sie ein gewisses Mißtrauen gegen deren frommen Überschwang hegen, besonders wenn es um soziale und politische Fragen geht. Trotzdem müssen landsmannschaftliche Bindungen nicht unbedingt eine große Rolle spielen. So sind die Europäer immer verschiedener Meinung. Joseph Ratzinger und Carlo Maria Martini, der ehemalige Erzbischof von Mailand, stehen für eine sehr unterschiedliche Umsetzung des Glaubens im Alltag und in der Kirche. Karl Lehmann, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz und im Februar 2001 in das Kollegium berufen, wirbt für den Italiener.
Welche Reform hilfreich?
Wohl aber bringen die Italiener, mit 20 Kardinälen die größte Gruppe, ein nationales Gewicht in das Konklave. Sie stellen die meisten Papabili, wie die Kandidaten für die Nachfolge eines verstorbenen Papstes genannt werden. Nur waren die Italiener in den Beratungen vor dem Konklave nicht einig. So war das schon 1978, als die zwei Favoriten Siri (Genua) und Benelli (Florenz) einander blockierten und man deshalb zuerst auf Albino Luciani, den Patriarchen von Venedig, verfiel und dann schließlich Karol Wojtyla wählte, den Erzbischof von Krakau.
Die 11 Kardinäle aus den Vereinigten Staaten, die unter den Pädophilie-Skandalen mit ihren Folgen für das Ansehen und die Finanzen der Kirche in Amerika leiden, dürften keinen Ehrgeiz aufbringen, einen Kandidaten zu stellen. Ebensowenig einig sind sich die Deutschen (6 Kardinäle), die Spanier (6), Franzosen (5) und Polen (3). Die vier anderen nennenswerten nationalen Gruppen sind die Brasilianer (4), Mexikaner (4), Kolumbianer (3) und Kanadier (3). Auch unter ihnen herrschen unterschiedliche Meinungen darüber, ob und welche Reformen der Weltkirche aufhelfen können und welcher Kandidat am ehesten geeignet wäre, in einer durch Alter und Tradition bestimmten Institution Veränderungen zu bewirken.
1059 Formel gefunden
Der erste Wahlgang wird am Montag abend stattfinden, an den folgenden Tagen sind je zwei am Vormittag und am Nachmittag vorgesehen. Im ersten Jahrtausend war das noch ganz anders. Damals kannte man nur die demokratische Wahl des Papstes durch das Volk der Römer, allerdings mit zunehmendem Mißbrauch durch sich befehdende Adelsfamilien. Erst die Einflußnahme der deutschen Könige auf das höchste geistliche Amt des Abendlands ließ die Kirchenführung zur Papstwahl durch die römischen Cardinales wechseln. Papst Nikolaus II., Gerhard von Burgund (1059-1061), sah in den Kardinälen ein strukturelles, kanonisch anwendbares Mittel, um die Krise zu meistern, die jedes Mal mit dem Tod des römischen Bischofs verbunden war.
Zugleich sollte das Amt aus der Verstrickung in weltliche Machtkämpfe und Interessenkonflikte gelöst werden, aus der Abhängigkeit von Königen, Adelsgeschlechtern und Volk. Im Jahr 1059 stellte zuerst eine Bischofssynode, dann die päpstliche Bulle In nomine Domini. Im Namen des Herrn feste Regeln für die Papstwahl auf. Damit war die Formel der wechselseitigen Macht von Papst und Kardinälen, die einander ständig erneuern, gefunden. Seit dem Ende des 12. Jahrhundert wurden dann auch nichtrömische Bischöfe in das Kardinalskollegium berufen. Damit war der Senat einer Kirche für alle Völker geschaffen, dem zuerst nur 30, seit Sixtus V. (1586/87) 70 und heute jene 183 Kardinäle aus allen Welt angehören.
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FAZ.NET-Sonderseite: Wechsel im Vatikan
Text: F.A.Z., 18.04.2005, Nr. 89 / Seite 6
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.