07. August 2005 Theodore Dutch Van Kirk, der Navigator der Enola Gay, über seine Mission und die ruhige Stimmung an Bord des Atombombers. Für ihn ist der Abwurf der Atombombe über Hiroshima überhaupt keine große Sache. Sagt er.
Mr. Van Kirk, der Abwurf der Bombe auf Hiroshima jährt sich zum sechzigsten Mal. Was empfinden Sie da?
Ich weiß nicht, warum die Leute so eine große Sache daraus machen. Da ist vor sechzig Jahren etwas passiert, aber ich habe keine Ahnung, warum die Leute sich so aufregen. Für mich ist das nur ein einziger Tag in meinem Leben.
Also: Keine große Sache?
Überhaupt keine große Sache.
Wieso sagen Sie das? Weil Sie sich daran nicht erinnern wollen?
Nein. Ich erinnere mich daran. Ich versuche nicht, es zu vergessen, aber ich glaube nicht, daß ich jemals etwas Wichtiges getan habe.
Sie haben nur Befehle befolgt?
Nein, ich hätte aussteigen können, wenn ich gewollt hätte. Ich wollte es ja machen. Als wir damit anfingen, sagten wir: Damit werden wir den Krieg entscheidend verkürzen oder beenden. Für uns war wichtig, den Krieg zu beenden. Wir hatten damals etwa 16 Millionen Leute unter Waffen. Wir waren alle Zivilisten, die Soldaten geworden waren. Keiner gehörte wirklich zum Militär: Zivilisten in Uniform, wenn Sie so wollen. Jeder wollte nach Hause. Wir waren seit fast fünf Jahren dabei und sahen kein Ende. Die Japaner machten keine Anstalten, sich zu ergeben. Präsident Truman hatte sie aufgefordert, bedingungslos zu kapitulieren, oder sie würden aus der Luft zerstört. Sie sagten, darüber müsse man nicht mal nachdenken.
Am 6. August 1945, als Sie in die "Enola Gay" sprangen: Wußten Sie genau, was Sie tun würden?
Wir wußten genau, was wir tun würden. Wir hatten schon eine Weile dafür trainiert, und nach der Testexplosion in New Mexico kamen ein paar Leute, die dabeigewesen waren, zu uns und erklärten uns, was sie erwarteten, wenn die Bombe explodiert. Sie hatten Bilder der Explosion und Filmaufnahmen. Wir arbeiteten ein Manöver aus, um von der Bombe wegzukommen, weil sie sagten, daß unser Flugzeug explodieren würde, falls wir im Augenblick der Zündung näher als acht Meilen an der Bombe wären.
Haben Sie an jenem Morgen mit den anderen Männern der Crew darüber gesprochen?
Nein, es war wie jede andere normale Mission. Ich hatte 58 Einsätze über Europa mitgemacht, von England und Nordafrika aus. Es war das erste Mal für mich über dem Pazifik, aber für uns war es wie jeder andere Einsatz.
War die Stimmung während des Fluges gedrückt?
Nein, wie bei jedem anderen Einsatz. Manche haben ein Nickerchen gemacht, manche ein Buch gelesen. Ich war der Navigator. Navigatoren sind die einzigen an Bord eines Flugzeugs, die immer arbeiten. Ich war damit beschäftigt, sicherzustellen, daß das Flugzeug auf Kurs blieb. Es war nicht anders als bei anderen Missionen auch, nur daß irgendwann Paul W. Tibbets, der Pilot, zu den Leuten nach hinten ging und ihnen sagte, daß wir den Auftrag hatten, die erste Atombombe abzuwerfen. Ich glaube, daß die Leute da dachten, daß sie etwas taten, das vielleicht den Krieg beenden würde.
Einige aus der Crew wußten nichts über das Ziel des Einsatzes?
Richtig. Einige wußten nichts davon. Niemand teilte jemals offiziell mit, daß wir sie abwerfen würden, aber wenn man in der 509. Composite Group (einem Teil der 20. Division der amerikanischen Luftstreitkräfte) war und nicht wußte, daß man eine Atombombe abwerfen würde, war man schon ziemlich dämlich. Denn sie sagten einem, daß man rausgeht mit etwas, das das Flugzeug in die Luft jagen kann, das eine ganze Stadt zerstören kann, und man sah eine Menge Nuklearphysiker herumlaufen.
Nachdem Tibbets es dem Rest der Crew verkündet hatte, hat da jemand Einwände geäußert?
Überhaupt niemand. Wir hatten den Japanern ausreichend Gelegenheit gegeben zu kapitulieren. Wir hatten sie gewarnt. Wir waren der Ansicht, wir hatten ihnen sehr viel deutlicher angekündigt, was passieren würde. Und sie hatten uns, zum Beispiel, Pearl Harbor angetan. Aber die Führer des japanischen Volkes waren damals zu stur, um aufzugeben. Man mußte ihnen einen Schock zufügen, um sie zu zwingen, etwas zu tun. Und die Atombombe war dieser Schock.
Wie erinnern Sie den Moment des Abwurfs?
Wir sollten die Bombe um 9.15 Uhr morgens abwerfen und hatten nach einem Flug von sechs Stunden eine Verspätung von 12 Sekunden. Dann warf Tom Ferebee die Bombe ab und verfehlte das Ziel um etwa 400 Yards. Das ist eine hervorragende Leistung für diese große Höhe. Wir warfen "Little Boy", eine Uranium-Bombe. Sie wog 9400 Pfund, und als sie das Flugzeug verließ, schoß das Flugzeug nach oben, nur wegen des großen Gewichtverlustes. Kurz darauf drückte Tibbets die Nase des Flugzeugs nach unten und drehte um 150 Grad, um von der Bombe wegzukommen.
Was war das Ziel des Abwurfs?
Eine kleine Brücke in Hiroshima, die die Form eines T hatte. Sie müssen sich daran erinnern, wir waren nicht da oben, um nur eine Stadt zu bombardieren. Hiroshima besaß etwa 100 militärische Ziele. Das wichtigste davon war eines der Hauptquartiere der japanischen Armee, ich glaube, der 12. Armee. Es war die Armee, die Japan im Falle einer Invasion verteidigen sollte.
Als Sie die Bombe abwarfen, hatten Sie da Angst, Sie könnten nicht schnell genug wegkommen?
Ich nicht. Ich fand, wir hatten alles richtig gemacht. Ich hatte keine Zweifel. Ich hätte mich nie für einen Selbstmord-Einsatz gemeldet.
Was geschah, als die Bombe auf den Boden traf?
Wir flogen weg von der Bombe, und keines der Fenster zeigte nach Hiroshima. Was wir im Flugzeug sahen, war ein heller Blitz, der anzeigte, daß die Bombe explodiert war. Das war etwa 43 Sekunden, nachdem sie das Flugzeug verlassen hatte. Nach dem Blitz wurde das Flugzeug plötzlich heftig durchgeschüttelt. Der Schütze am Heck rief, es sei eine Schockwelle, und: "Jetzt kommt noch eine." Die Bombe verursachte eine sichtbare Schockwelle; ich kann das nur beschreiben, indem ich sage, es war wie das, was man an einem Sommertag auf einem Parkplatz sieht. Anschließend drehten wir um, um uns anzusehen, was im südöstlichen Quadranten der Stadt geschehen war. Die große pilzförmige weiße Wolke, wie Sie sie auf Bildern schon gesehen haben, war bereits höher als wir, 42.000 bis 45.000 Fuß. Offenbar war eine riesige Menge Energie freigesetzt worden. Am Fuß der Wolke war ganz Hiroshima mit schwarzem Rauch, Staub, Dreck und Trümmern bedeckt; das war alles durch die Druckwelle in die Luft geschleudert worden. Man konnte gar nichts sehen da unten.
Was war der erste Satz, nachdem die Bombe explodiert war?
Ich glaube, das erste, was jemand sagte, war: "Sie hat funktioniert." Wissen Sie, wir hatten nie eine von denen abgeworfen. Wir hatten diese Bombe nie zuvor getestet oder so, und es bestand schon die Möglichkeit, daß sie ein Blindgänger war. Also freuten wir uns, daß sie funktioniert hatte. Erst als wir umdrehten und zur Basis zurückflogen, fingen wir an, darüber zu diskutieren, was das wirklich bedeutete. Ich glaube, einer nach dem anderen durfte etwas sagen. Ich weiß nicht mehr genau, wer es war, ich glaube, es muß Dick Nelson, der Funker, gewesen sein, der sagte: "Jungs, dieser Krieg ist vorbei. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Japaner solch einer Gewalt widerstehen könnten."
Es heißt, Kopilot Robert Lewis habe Reue geäußert: "Mein Gott, was haben wir getan."
Nee, er hat nichts dergleichen gesagt. Es war gotteslästerlicher als das. Ich werde nicht mal andeuten, was er gesagt hat.
Was er sagte, hatte also nichts mit Reue zu tun?
Überhaupt nichts. Niemand in der 509. bedauerte oder bereute, was wir getan hatten. Keiner von uns wurde verrückt; keiner ging ins Kloster. Wir haben allesamt ein gutes Leben gelebt. Wir haben sehr nette Familien großgezogen und leben so, wie andere ganz normale Leute schon immer gelebt haben.
War das, was Sie taten, eine gute Sache - oder eine schlechte?
Die Atombombe hat eine enorme Menge von Menschenleben gerettet. Wir haben das Leben von vielen Kriegsgefangenen gerettet, weil sie an Unterernährung und Mißhandlungen starben. Wir haben das Leben von vielen Leuten in Indochina gerettet. Nun, wer in Hiroshima lebte in dem Augenblick, in dem die Bombe explodierte, über den muß man sagen: Er war ein weiterer japanischer Soldat, der sein Leben für sein Land opferte. Aber wenn wir die Bombe nicht eingesetzt hätten, wäre der Krieg nicht am 14. August zu Ende gewesen.
Die Fragen stellte Ferran Viladevall
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite 8
Bildmaterial: AP