Von Thomas Scheen, Johannesburg
16. Mai 2008 Der ganze Besitz von Busisiwe besteht aus zwei billigen Koffern. Das ist alles, was die junge Frau hatte retten können, als in dem Johannesburger Slum Alexandra Schwarze begannen, Jagd auf Schwarze zu machen, die nicht Südafrikaner sind. Als gebürtige Zimbabwerin war Busisiwe eines der ersten Opfer. Die Zulus haben mir alles abgenommen, meine Möbel und mein Geld, und dann haben sie mich zur Tür meiner eigenen Wohnung hinausgejagt“, erzählt sie, während das fünf Monate alte Mädchen, das sie sich mit einem Handtuch auf den Rücken gebunden hat, unaufhörlich schreit. Was wollen die eigentlich von mir?“
Seit vergangenem Montag toben in dem Armenviertel in der Nähe des von reicheren Südafrikanern bewohnten Stadtteils Sandton Straßenschlachten zwischen Einheimischen und Fremden. Die London Road ist ein Schlachtfeld, die Vasco da Gama Road übersät von zerfleddertem Hausrat, faustgroßen Steinen und den Überresten verbrannter Reifen. Was genau die Ursache der Unruhen war, vermag niemand zu sagen. Die Südafrikaner sagen, die Fremden nehmen ihnen die Arbeit weg, deshalb müssen sie gehen. Vier Menschen kamen bislang ums Leben, vielleicht auch zehn. Genau weiß das keiner. Die Zahl der Vergewaltigungen geht in die Dutzende. Die Polizei tat zwar ihr Bestes und rückte in Bataillonsstärke an. Aber wenn es Nacht wird, traut sie sich nur noch mit gepanzerten Fahrzeugen auf die Straßen.
Südafrikanische Regierung versucht Gewalt herunterzuspielen
Busisiwe gehört zu den drei Millionen zimbabwischen Flüchtlingen, die sich mittlerweile in Südafrika aufhalten; diese Zahl ist jedoch nur eine Schätzung. Fünf Jahre ist es her, dass sie durch den Grenzfluss Limpopo geschwommen ist, um dem Hunger in ihrem Land zu entgehen. Sie hatte Arbeit als Hausangestellte gefunden und ein Kind zur Welt gebracht. Sie dachte, ihr Leben werde nun besser sein. Seit Montag aber hockt sie mit 2000 anderen Ausländern aus Zimbabwe, Malawi und Moçambique in einer hastig errichteten Notunterkunft auf dem Gelände der Polizeistation von Alexandra und weiß nicht mehr weiter. Das Rote Kreuz bringt zwar Lebensmittel, es gibt ausreichend Wasser und sogar ärztliche Versorgung. Aber der Blick über den Zaun der festungsartigen Polizeistation hinaus lehrt sie, dass es kein Zurück gibt: Die Sicherheitskräfte mussten gleich Dutzende der Hippos“ genannten gepanzerten Truppentransporter aufbieten, um zu verhindern, dass die Polizeistation gestürmt wird.
Die südafrikanische Regierung, deren Mitglieder sich seit vergangenen Montag in Alexandra die Klinke in die Hand geben, versucht, die Gewaltausbrüche herunterzuspielen, und beteuert ein über das andere Mal, dass es sich dabei nicht um rassistisch motivierte Ausschreitungen handelt. In einer Hinsicht hat sie damit sogar recht: Es geht nicht um Fremdenfeindlichkeit, sondern um das nackte Überleben. Denn Alexandra, das ist Südafrika ganz unten – ein Auffangbecken für alle diejenigen, denen sich das südafrikanische Wirtschaftswunder hartnäckig verweigert. Was sich dort abspielt, ist ein Krieg der Ärmsten gegen die Ärmsten um die wenigen Verdienstmöglichkeiten in einem Land, in dem die Arbeitslosigkeit bei über 40 Prozent liegt.
Mann, die Ausländer sind fertiggemacht worden
Drei Ecken von der Polizeistation entfernt lungern drei Halbstarke in einem Hauseingang. Was hier passiert sei? Mann, die Ausländer sind fertiggemacht worden“, sagt einer von ihnen, der sich Zizi nennt und im rechten Ohr einen goldenen Ohrring trägt. Warum? Weil die nicht hierhergehören“, sagt er. Mandela hat uns gesagt, dies sei ein freies Land“, doziert Zizi, und das Ergebnis dieses freien Landes ist, dass wir Südafrikaner keine Chance mehr haben.“
Die Argumente, die gegen die Ausländer vorgebracht werden, sind immer gleich: Sie nehmen den Südafrikanern die Jobs weg, die Frauen sowieso, sie seien in kriminelle Machenschaften verstrickt, und deshalb habe man Angst vor ihnen. Vieles davon grenzt an Rufmord, einiges aber trifft zu. Ich würde gerne einen Job finden“, sagt der 21 Jahre alte Zizi, aber nicht für 65 Rand (fünf Euro) am Tag.“ Das sei nämlich der Preis, für den sich die Zimbabwer verdingen. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn in Südafrika aber liegt bei 90 Rand (7,50 Euro) am Tag.
Thabo Mbeki weigert sich Flüchtlingslager einzurichten
Genaugenommen rächt sich in Alexandra gerade der fahrlässige Umgang der südafrikanischen Regierung mit den Flüchtlingsmassen aus Zimbabwe. Drei Millionen Menschen sollen es sein, die aus schierer Not nach Südafrika geflohen sind. Gleichwohl weigert sich die Regierung von Präsident Thabo Mbeki hartnäckig, Flüchtlingslager etwa auf Militärstützpunkten einzurichten. Denn die Existenz solcher Lager wäre das Eingeständnis, dass Zimbabwe unter einer schweren Krise leidet. Genau das will Mbeki verhindern, weil er ansonsten gezwungen wäre, den zimbabwischen Präsidenten Robert Mugabe öffentlich zu kritisieren. Daher überließ man das Problem der Flüchtlinge der eigenen Bevölkerung in der Hoffnung, dass die drei Millionen Zimbabwer in der Masse unsichtbar werden.
Busisiwe, die Frau mit den zwei Koffern und dem hungrigen Säugling, behauptet, sie will zurück nach Zimbabwe. Lieber dort verhungern als hier totgeschlagen zu werden“, sagt sie. Natürlich wird sie das nicht tun. Sie wird sich einen anderen Slum suchen, wird ihre Arbeitskraft weiterhin unter Wert verkaufen und dabei den Kopf einziehen. Und sie wird hoffen, dass sich die Dinge in ihrem Heimatland endlich ändern und es wieder möglich sein wird, dort ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Text: F.A.Z.
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