08. Februar 2005 Wie verstehen sich in Deutschland lebende konservative, bisweilen sogar als fundamentalistisch eingeschätzte Muslime, die ihren Glauben ernst nehmen? Was denken sie über die Integration in die Gesellschaft eines säkularen Staates, der manche ihrer Denk- und Verhaltensweisen entschieden ablehnen muß, nicht nur, weil seine Verfassung dies gebietet?
Die Gastgesellschaft ist von eigenen Analytikern als permissiv gekennzeichnet worden, noch dazu als eine Gesellschaft, in der immer weniger Menschen ihr Leben und das der Gemeinschaft auf die Ewigkeit beziehen und danach ausrichten. Inwieweit sind die Muslime, bei denen das in der Regel noch anders ist, bereit, sich in eine solche Gesellschaft einzufügen?
Eingeschränkte Verbindlichkeit
In den vergangenen Wochen hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Vorsitzenden oder Generalsekretäre der wichtigsten muslimischen Verbände in Deutschland darüber befragt. Die Fragen bezogen sich auf das Verhältnis zwischen religiös gebotenen Verhaltensweisen und den Verpflichtungen des Grundgesetzes. Befragt wurden Nadeem Elyas vom Zentralrat der Muslime in Deutschland, Ramazan Kuruyüz von der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen, Oguz Ücüncü von der Islamischen Religionsgemeinschaft Milli Görü (Nationale Sicht), Ali Kizilkaya vom Islamrat für Deutschland sowie Mehmet Yildirim und Bekir Alboga von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion Ditib, die dem türkischen Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) nahesteht und dem säkularen türkischen Staat verpflichtet ist.
Die Äußerungen sind nur für einen kleineren Teil der in Deutschland lebenden 3,5 Millionen Muslime (davon 2,5 Millionen Türken) verbindlich, da die meisten Muslime nicht in diesen Dachverbänden organisiert sind. Das Bild des Islams in Deutschland ist vielfältiger, das Spektrum größer, als es die Organisationen vermitteln. So haben etwa die nach Hunderttausenden zählenden türkischen Aleviten keine nennenswerten Schwierigkeiten mit dem religionsneutralen Staat und dem Pluralismus.
Normalität haben wir noch nicht erreicht
Aus den Antworten der Vorsitzenden der Verbände ergeben sich zwei große Tendenzen: Nicht nur der 11. September 2001 in Amerika, sondern auch der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh im vergangenen Jahr hat die Muslime in Deutschland schockiert. Man ist ersichtlich um Schadensbegrenzung bemüht. Aber: Normalität haben wir noch nicht erreicht, sagt Oguz Üüncü, der Sprecher der Organisation Milli Görü, die im Verdacht des Islamismus steht und sich dagegen verwahrt, weiter vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden. Doch sei das Streben von Milli Görü nach einer gerechten Ordnung (adil düzen), worunter man zu Zeiten Erbakans einen Scharia-Staat mit islamischer Ordnung verstanden habe, heute pluralistisch geprägt, sagt Üüncü. Über den richtigen Weg müsse man diskutieren. Den türkischen Laizismus akzeptiere Milli Görü.
Deutlich haben sich alle Befragten dafür ausgesprochen, die Anstrengungen um eine bessere Integration der Muslime zu verstärken. Daß das Grundgesetz nicht zur Disposition stehe und dafür die Grundlage sein müsse, wird prinzipiell bejaht (Nadeem Elyas). Andererseits ist aber deutlich geworden - am intensivsten bei Kuruyüz -, daß die Muslime notwendige Anpassungen an die Erfordernisse der pluralistisch-säkularen Gesellschaft in eigener Regie vornehmen wollen und Integration von Assimilation strikt trennen. Hier ergeben sich generelle Widersprüche, die kaum aufzulösen sind, denn ohne eine zumindest teilweise Assimilation ist Integration nicht möglich, bleiben Parallelgesellschaften bestehen.
Bekenntnisse zur Reformtheologie
Das Stichwort eines Euro-Islams löst eher irritierte Assoziationen aus. Alle Verbände unterstützen jedoch, folgt man den Worten ihrer Sprecher, die Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Reformtheologie, deren Aufgabe es ist, die Quellen des Islams neu zu lesen und mit der westlichen Gesellschaft verträglich zu machen; wenigstens will man abwarten, was daraus wird. Doch sie lehnen es ab, daß Nicht-Muslime definieren, was der Islam sei.
Mit deutschsprachigen Predigten in den Moscheen hätten die Sprecher weniger Schwierigkeiten als erwartet. So sprach sich der Repräsentant des Islamrates für deutsche Predigten (chutbas) aus, wo man es wolle, wo es machbar und notwendig sei, allerdings nicht, um es dem Verfassungsschutz leichter zu machen. Man ermutige die Imame, Deutsch zu lernen. In Moscheen mit Muslimen aus zahlreichen Ländern, die ebenso viele Muttersprachen sprächen, sei es geradezu erforderlich, freitags in deutscher Sprache zu predigen. Die übrigen Sprecher lehnen Predigten auf deutsch zumindest nicht rundheraus ab.
Scharia und Verfassung
Bei der von der deutschen Rechtsordnung geforderten Anpassung geht es um nicht mehr und nicht weniger, als das für traditionell Gläubige verbindliche, mehr als tausend Jahre alte, als göttlich angesehene Lebensgesetz der Scharia so weit an gewandelte Umstände anzupassen, daß es den Anforderungen moderner Verfassungen genügt. Es ist eine Aufgabe, die erst am Anfang steht und schwer zu bewältigen scheint. Menschenrechte, vor allem individuelle Selbstbestimmung, positive wie negative Religionsfreiheit, privates Streben nach Glück sind die Stichworte. Was kann unter diesen Gesichtspunkten von der umfassenden Lebensform der Scharia erhalten bleiben, soweit sie nicht nur das Gebet und alle anderen rituellen Vorschriften betrifft, sondern den gesamten Alltag der Gläubigen?
Daß die Schwierigkeiten im Detail liegen, zeigen Punkte wie das Kopftuch, Schwimmunterricht, Schulausflüge, Sexualkunde. Zwar sagen alle Sprecher, Kinder sollten Schwimmen lernen, über Sexualität und Fortpflanzung Bescheid wissen und sich nicht aus der Klassengemeinschaft ausschließen. Auf Freiwilligkeit wird gerne abgestellt. Doch sind die Stellungnahmen im allgemeinen so vorsichtig und unbestimmt gehalten, daß dahinter doch Reserve gegenüber der in Deutschland alltäglichen Praxis und dem Lebensstil vieler spürbar wird, denen man Übertreibung (Elyas) vorwirft.
Neuralgische Punkte
Hier zeigen sich Berührungsängste besonders wertkonservativer Muslime mit der sich entsakralisierenden und weitgehend enttabuisierten Gesellschaft des Westens besonders deutlich. Die Gleichberechtigung der Frau und das Verhältnis der Geschlechter bleiben die neuralgischsten Punkte im Diskurs, wenn die muslimischen Repräsentanten auch bemüht waren, die Stimmung zu entspannen. Grundsätzlichen Bekenntnissen zur Gleichheit der Geschlechter (gegenüber einer Gleichwertigkeit) folgen im einen oder anderen Fall aber doch Anspielungen auf traditionelle Vorstellungen, wie sie nicht nur islamische Gesellschaften mit sich herumschleppen.
Ali Kizilkaya - und nicht nur er - beharrt darauf, daß der Koran den Frauen das Kopftuch vorschreibe. Aus ihrer Sicht ist es die deutsche Politik, die mit ihren Kopftuchverboten die Emanzipation und das Berufsleben muslimischer Frauen behindere. Da ist der provokant gemeinte, aber unzutreffende Vorwurf des Berufsverbotes nicht mehr weit. Nicht nur Kizilkaya, auch die anderen Vorsitzenden weisen die Auffassung zurück, daß das Kopftuch für die Unterordnung der Frau stehe. Freilich denken die meisten muslimischen Frauenrechtlerinnen darüber anders.
Demütigende Überprüfungen
Kein Thema für die Vertreter der Muslime sind die Einführung von islamischen Feiertagen und die Erlaubnis für einen durch Lautsprecher verstärkten Gebetsruf. Ihnen allen ist trotz mancher Klagen klar, daß sie in der deutschen, freiheitlich-demokratischen Bürgergesellschaft Rechte und Freiheiten besitzen, die ihnen in der Heimat oft verwehrt werden. Seit dem 11. September beklagen sie aber auch, daß sie unter Generalverdacht stünden.
Die westlichen Gesellschaften sind tatsächlich aufmerksamer und vorsichtiger geworden. Doch hat das auch dazu geführt, daß kopftuchtragende Frauen mitunter auf der Straße vom Verfassungsschutz überprüft werden. Das empfinden viele Muslime, seien sie nun in Verbänden organisiert oder nicht, als zutiefst demütigend.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. Februar 2005
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