08. Juni 2003 Tut das weh, gerade jetzt nicht mehr bei der FDP zu sein? Wo doch Rot-Grün am Rhein so wankt? Jürgen Möllemann nickt. Natürlich schmerze das, zumal er es geschickter anstellen würde als die anderen. "Wie geht die Krise denn aus?" fragt ihn der Fraktionssprecher der Grünen, Rudolf Schumacher, dann noch. Möllemann, schon fast im Plenarsaal, dreht sich schwerfällig zu Schumacher um, einem bekennenden Fan des 1. FC Köln, und sagt: "Et kütt, wie et kütt." Es ist etwa ein Uhr mittags.
Tags drauf um dieselbe Zeit schlägt Möllemann in Marl auf und ist sofort tot.
Möllemann traf fast alle politischen Gegner aus den vergangenen Wochen und Monaten noch am Vortag seines letzten Fallschirmsprungs. Einige von ihnen sagen, er habe schlecht ausgesehen am Mittwoch, als er sich letztmals eintrug in die Abgeordnetenliste im Düsseldorfer Landtag. "Was heißt das schon?" fragt Jürgen Rüttgers, der CDU-Oppositionsführer, und wirkt dabei barsch. "Sehen wir nicht alle manchmal schlecht aus morgens?" Rüttgers hatte Möllemann schon als Kollegen an Kohls Kabinettstisch. Er hat keine Lust zu küchenpsychologischen Spielchen, wenige Minuten nach der Todesnachricht.
Es ist 13.30 Uhr, als der WDR sie im Radio bringt. Ein Sicherheitsbeamter des Ministerpräsidenten hört die Meldung und teilt sie dem Regierungssprecher mit. Der stürzt in das Landtagsbüro des Chefs. Peer Steinbrück sitzt dort an seinem Schreibtisch.
Als Möllemanns Welt noch in Ordnung schien und Steinbrück noch Finanzminister unter Wolfgang Clement war, da bezeichnete die FDP Steinbrück als "unseren Mann". Lange schon vor der Bundestagswahl prahlte Möllemann mit der "Aktion Doppelschlag", die geplant sei. Als erstes, am Wahltag, werde Rot-Grün im Bund gekippt und dann "binnen 24 Stunden auch in Düsseldorf". Mit Clement fuhr Möllemann vor den Kameras die Rolltreppe in der Staatskanzlei hoch und runter, mit dessen Finanzminister telefoniere er oft, sagte er damals.
Steinbrück reagiert "bestürzt" auf die Todesnachricht, sagt sein Sprecher. Der Ministerpräsident schaltet den Fernseher ein und ruft seinen Innenminister an.
Doch Fritz Behrens weiß auch noch nicht viel mehr. "Ich bin entsetzt. So ein Tod ist schrecklich. Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht", sagt er später. Es dauerte über eine Stunde, bis die Leiche von der Polizei eindeutig identifiziert werden konnte. Gründe? Motive? Es gibt im Landtag kein öffentliches Rätseln darüber, keinen Klatsch und Tratsch.
In der FDP-Fraktion weinen einige. Jeder der 23 Abgeordneten weiß, daß er ohne Möllemann vermutlich kein Landtagsmandat bekommen hätte. Möllemanns Nachfolger als Fraktionschef, Ingo Wolf, spricht vom "ehrenden Andenken", in dem die Fraktion Möllemann bewahren werde. Wolf war Hinterbänkler, als Möllemann noch vorn saß. Er war nie sein Feind, nie sein Freund. Nun sitzt er an Möllemanns altem Schreibtisch. Wolfs Traueramtlichkeit wirkt korrekt, er zeigt öffentlich keine Erschütterung, erzählt keine letzten Erinnerungen, kümmert sich um das laufende Geschäft. Möllemanns Nachrücker heißt Daniel Sodenkamp. "Die FDP-Fraktion hat dann wieder 24 Mitglieder", sagt Wolf. Im März war Möllemann aus der FDP ausgetreten.
Die Sitzung im Plenarsaal wird unterbrochen - die Politik nicht. Landtagspräsident Ulrich Schmidt hält aus dem Stand eine kurze Rede, Möllemanns politische Stationen, seine Ämter. Alle stehen und schweigen zwanzig Sekunden. Eine Protokolldame legt danach einen Strauß weißer Nelken auf Möllemanns letzten Platz in Reihe sechs. Niemand im Parlament erinnert an den Trubel, den er hier angezettelt hatte. Karsli, Friedman, Antisemitismus - diese Worte fallen nicht. Auch nicht im Foyer vor dem Plenarsaal, von wo aus sie damals um die Welt gegangen waren.
Im Saal hatte Möllemann seinerzeit bei allen Juden um Entschuldigung gebeten, er habe niemanden verletzen wollen. Hier draußen war er anschließend vor die Kameras getreten, um seinen Intimfeind Michel Friedman, den stellvertretenden Präsidenten des Zentralrats der Juden, von der Entschuldigung auszunehmen. Vor genau einem Jahr war das, und die FDP-Fraktion reagierte verstört. Einem seiner Stellvertreter schwante an diesem Tag, Möllemann nutze seine letzte Kraft, um das eigene Werk zu zerstören. "Jetzt zersägt er das Projekt 18", hatte der bis dahin treue Stellvertreter im Foyer gesagt und - blaß im Gesicht - hinzugefügt: "Ich sehe in seinem Verhalten eine menschliche Tragödie."
Alle, die nun am Todestag dort stehen, reden - auch scherzen -, lassen spüren, daß einer für immer weg ist, der ihnen doch imponierte. Der - selbst wenn es manchem viel zu heftig wurde - Schwung in die Provinz brachte, für Aufmerksamkeit sorgte, von der ein jeder hier profitierte. Arbeitsminister und SPD-Chef Harald Schartau sagt, was alle sagen: "Ich bin erschüttert." Auf menschlicher Ebene sei man "immer in Kontakt gewesen". Auch das sagen fast alle. "Gestern noch habe ich mit ihm geflachst über die Trainer-Nachfolge bei Schalke", sagt SPD-Generalsekretär Michael Groschek. "Immer ein intelligenter und spannender Gesprächspartner", sagt SPD-Fraktionschef Edgar Moron.
Bauminister Michael Vesper von den Grünen nennt Möllemann einen "echten Homo politicus, wie es sie selten gibt in unserer Zunft". Der sei zwar vielen hier auf den Wecker gegangen, aber jeder habe auch seinen Draht zu ihm gehabt, irgendwas an ihm gemocht. "Der hatte eine erfrischende Distanz zum Laden Politik", sagt Vesper.
Der Fraktionslose Jamal Karsli, der früher bei den Grünen war und "wegen Möllemann" zur FDP hatte wechseln wollen, sagt leise "danke", als ihm ein Grüner die Hand gibt. Der wollte nur guten Tag sagen, doch Karsli versteht das wie selbstverständlich als Beileidsbekundung. Er will die Treue halten. "Wenn Druck von überall kommt, kann auch ein Berg ihn nicht mehr aushalten", sagt Karsli, eine Baccara-Rose in Zellophan in der Hand, die er auf Möllemanns Platz legt.
Reiner Priggen, stellvertretender grüner Fraktionschef, wohnte früher mit Möllemanns Bruder zusammen. "Dadurch kannten wir uns lange." Dieser Tod habe "in Konsequenz von Möllemanns politischem Leben den Schlußakkord gesetzt", sagt Priggen.
Möllemann habe immer Akzente gesetzt, besonders in den oft öden Landtagsdebatten. "Der war ein anderes Kaliber, der kam aus der Bundesliga." Möllemann sei - ob nun gefährlich oder nicht - ein "politisches Urviech wie Strauß oder Fischer" gewesen. "Wir sind hier alle auf einer großen Baustelle", sagt Priggen. "Wir streiten und kloppen uns, weil wir verschiedene Dinge bauen wollen." Aber, fügt er hinzu, "Möllemann war ein Profi".
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.06.2003, Nr. 23 / Seite 5
Bildmaterial: dpa/dpaweb