05. Juni 2003 In einer neuen Rolle hat sich Jürgen Möllemann am Donnerstag versucht: als Sphinx unter den politischen Autoren. Er war nach München geeilt, um ein Buch aus seiner Feder vorzustellen, das in den vergangenen Tagen nicht nur mit seinen kleinen und großen Boshaftigkeiten gegen frühere Mitstreiter für Furore gesorgt hatte.
FDP ade - mit diesem Zitat aus dem Buch waren Erwartungen an seinen Auftritt geweckt worden, die Möllemann als erfahrener politischer Fahrensmann selbstverständlich nicht erfüllte. Sondern er zeigte sich mit neuen Wendungen, sprachlicher und anderer Art, darauf bedacht, den Spannungsbogen zu erhalten, auf daß die Republik das Schicksal des Jürgen Möllemann nicht aus den Augen verliert. Auf welche Weise ich in Zukunft politisch tätig sein werde, steht heute nicht fest - diesen Cantus firmus wählte sich Möllemann für seine Münchner Darbietung.
Fachmann der angewandten Psychologie
Das Wort Parteineugründung nahm der ehemalige stellvertretende FDP-Vorsitzende erst gar nicht in den Autorenmund, sondern gab sich als Anhänger der Langsamkeit in der Politik zu erkennen. Er lasse sich durch nichts und niemand zu übereiltem Handeln drängen - nicht einmal durch sich selbst, hätten erfahrene Therapeuten ergänzen können. Doch solcher Unterstützung bedarf Möllemann gar nicht - er offenbarte sich in München selbst als ein Fachmann der angewandten Psychologie.
In den vergangenen Tagen sei viel über seine Pläne spekuliert worden, sagte Möllemann - doch den meisten Spekulanten sein eine klassische Disziplin der professionellen Analyse unbekannt: Bei dem, was über die Motive und Pläne des Betrachteten geschrieben wird, erfährt man mehr über den Schreiber als über den Beschriebenen. Viele referierten unbewußt, was sie selbst an Stelle des Beschriebenen täten, dozierte Möllemann. Umzingelt von Scharen unbewußter Parteigründer muß sich er sich also im therapeutischen Unterholz der FDP behaupten.
Mein Name ist Jürgen Möllemann
Möllemann gab sich in München aber nicht als hartherziger Freudianer, der seinen Patienten nach gestellter Diagnose die Türe weist. Sein Buch mit dem programmatischen Titel Klartext habe er geschrieben, um Rechenschaft abzulegen, sagte Möllemann, denn: Wer vor einem neuen Abschnitt steht, wer möglicherweise ganz neue Wege gehen muß, sollte sich vergewissern, woher er kommt, was er auf diesem Weg erlebt, was er richtig und was er falsch gemacht hat. Manchen im Auditorium mochten die ganz neuen Wege, die Möllemann möglicherweise gehen muß, seltsam vertraut vorkommen, zumindest was die semantische Klarheit anbelangt.
Sie ließ der frühere Vizekanzler seine Zuhörer auch nicht im Stich, als er gefragt wurde, ob er denn schon einen Namen für eine neue Partei habe, wenn er sie denn gründen wolle: Mein Name ist Jürgen Möllemann. Wem bislang immer vor dem Wort Klartext schauderte, aus Furcht vor unbequemen Wahrheiten oder vor was auch immer, konnte nach Möllemanns Präsentation beruhigt sein. Klartext - das muß kein Abschied vom Charme des Ungefähren bedeuten, zumindest nicht, wenn der Klartexter Möllemann heißt.
Mossad und Möllemanns Kopf
In seinem Buch referiert er unter der Überschrift Die Erpressung, wie angsterfüllt, entrüstet und weinerlich zugleich der FDP-Vorsitzende Westerwelle über eine Begegnung mit dem israelischen Geheimdienst Mossad berichtet habe. Ein Mossad-Agent habe den politischen Kopf Möllemanns gefordert, habe ihm Westerwelle erzählt und hinzugefügt: Sie glauben ja gar nicht, was die mir zugemutet haben. Mit was Westerwelle denn gedroht worden sei? wurde Möllemann in München gefragt. Das wisse er nicht, lautete die Antwort. Westerwelle sei die Quelle, nicht er; und es sei im übrigen nicht ungewöhnlich, daß ein Dienst wie der Mossad eine Lagebeurteilung abgebe.
Im Buch sprudelt die Quelle Möllemann ergiebiger; er teilt dem Leser mit, daß man nicht selbst Chef eines Geheimdienstes sein müsse, um zu wissen, wie gnadenlos solche Organisationen das Wissen um die privatesten Dinge einsetzten. Was hat der Mossad, der israelische Geheimdienst, gegen Dr. Westerwelle in der Hand, das ihn mit Entsetzen, Furcht und Schrecken erfüllt? schreibt Möllemann; die FDP habe ein Recht auf eine Antwort ihres Vorsitzenden.
Möllemann als Anwalt der FDP - deutlicher konnte der Klartext der Münchner Sphinx kaum ausfallen. Auch nicht bei der aufrüttelnden Frage, wie es Möllemann mit seinen Mandaten im Bundestag und im nordrhein-westfälischen Landtag halten will. Er wolle sich noch in diesem Monat entscheiden, kündigte Möllemann an; auf Dauer könne man nicht beiden Verpflichtungen gerecht werden. Fest stehe jedenfalls, daß ich den oder die Wege finde, meine politischen Vorschläge in die öffentliche Willensbildung einzubringen. Pfadfinder in eigener Sache - für ein weiteres Buch Möllemanns sollte die Titelwahl nicht allzu schwer fallen.
Text: ff.
Bildmaterial: AP