Bundesagentur für Arbeit

Nach vier knappen Sätzen ist die Lage klar

Von Claudia Bröll, Nürnberg

25. Januar 2004 Florian Gerster ist blaß, als er aus dem Großen Sitzungssaal im ersten Stock der Bundesagentur für Arbeit tritt. Ein Blitzlichtgewitter startet. Mehrere Dutzend Kameraleute und Reporter scharen sich um den Mann, der in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen beherrscht hatte. Er geht schnellen Schrittes, blickt auf den Boden, bahnt sich den Weg durch die Menschentraube und antwortet staccatoartig auf die Fragen der Journalisten: "Das wird ihnen der Verwaltungsrat mitteilen. Nächste Woche gibt es eine Pressekonferenz des Vorstands. Ich werde keine weiteren Fragen beantworten."

Schließlich sagt er: "Der Vorstand ist der Vorstand und ich will der weiteren Entwicklung nicht vorgreifen." Gerster verschwindet im Trakt seines Büros und überläßt das Feld den drei Präsidiumsvertretern des Verwaltungsrats, der an diesem Samstag über den Behördenleiter zu Gericht gesessen hat.

Ja zu Gerster oder Ja zu seiner Entlassung?

Nach den vier knappen Sätzen ist die Lage aber ohnehin klar: Die Affäre um den einstigen Hoffnungsträger der Bundesregierung in Nürnberg ist beendet, Gerster hat verloren. Ein paar Sekunden lang kommen in der anschließenden Pressekonferenz noch Zweifel auf, als die amtierende Vorsitzende des Verwaltungsrats, Ursula Engelen-Kefer, von 20 Ja und einer Nein-Stimme in der Abstimmung im Verwaltungsrat spricht. Ja zu Gerster oder Ja zu seiner Entlassung?

Die Zweifel lösen sich auf, als die stellvertretende DGB-Vorsitzende, die als Intimfeindin Gersters gilt, von dem schwer zerrütteten Vertrauensverhältnis zwischen Vorstand und Verwaltungsrat spricht. Dabei erwähnt sie kein einziges Mal den Namen Gerster, vermeidet auch die Begriffe Entlassung und Ablösung und liest stattdessen den Paragraphen vor, der den Verwaltungsrat zu diesem Beschluß ermächtigt.

„Anerkennung und Dank“

Engelen-Kefer, die schon mehrere Chefs in der Behörde kommen und gehen sah, blickt abgespannt in die Kameras. Es ist das erste Mal in der Geschichte der deutschen Arbeitsverwaltung, daß die Selbstverwaltung einen Vorstand in Nürnberg gekippt hat. Gleichzeitig betont sie, daß Gerster große Verdienste habe. Dies erkenne der gesamte Verwaltungsrat an. "Der Vorstand hat wichtige Schritte eingeleitet, für die dem Vorstandsvorsitzenden Anerkennung und Dank gebührt."

Ähnlich hatte es geklungen, als Gerster selbst noch wenige Tage zuvor den stellvertretenden Präsidenten des Landesarbeitsamts Hessen in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet hatte. Damals hatte sich der oberste Dienstherr über 181 Arbeitsämter vor Journalisten noch betont gelassen gegeben und die Hoffnung geäußert, schnell wieder zu sachlicher Arbeit zurückkehren zu können. Drei Tage später schon sagte er sämtliche Termine ab, um sich auf die Sitzung des Verwaltungsrats vorzubereiten. Ein letztes Quentchen Hoffnung schien er aber doch noch gehabt zu haben, als er noch am Freitag überraschend bei einer Fernseh-Talkrunde zusagte.

Die Würfel sind gefallen

Von den umstrittenen Beraterverträgen, dem Auslöser der Affäre, ist am Samstag in Nürnberg fast keine Rede mehr. "Der Verwaltungsrat stellt fest, daß unabhängig von den Verstößen das Vertrauensverhältnis zwischen Verwaltungsrat und Vorstand gestört ist", lautet die offizielle Formulierung. Vor Weihnachten habe es eine unangenehme öffentliche Auseinandersetzung gegeben, und 14 Tage später gehe der Wirbel schon wieder los. Ursula Engelen-Kefer wischt die Nachfrage, welche Verträge denn nun nicht ordnungsgemäß ausgeschrieben worden seien, mit der knappen Bemerkung zur Seite, darüber sei ja schon viel berichtet worden. Auch die Frage, ob der Vorstand von den Vergaben gewußt haben könnte, interessiert niemanden mehr. Die Würfel sind gefallen.

Arbeitgebervertreter Peter Clever spricht etwas später vor den Türen des Konferenzzimmers von einer Entscheidung, die auch "ein Stück Tragik bedeutet". Es habe jedoch keine andere Möglichkeit gegeben, die BA aus den negativen Schlagzeilen herauszubringen. "Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende", wiederholt er immer und immer wieder. Die Aufregung über weitere ohne Ausschreibung vergebene Beraterverträge in den vergangenen Wochen sei der Tropfen gewesen, "der das Faß zum Überlaufen gebracht hatte".

Vier Stunden hinter verschlossenen Türen diskutiert...

Die 21 Mitglieder des Verwaltungsrats, einige Mitarbeiter der BA und das Vorstandstrio hatten sich am Samstag morgen zusammengefunden, um sich mit einer Affäre zu befassen, die nach wochenlangem Aufsehen sich dem Ende zuneigte. Am Tag zuvor waren auch SPD-Politiker von dem Chef der Bundesagentur abgerückt. Bundeswirtschaftsminister Clement erneuerte seine vormalige Rückendeckung nicht mehr. Dennoch machen es die BA-Kontrolleure spannend.

Mit etwa einer Stunde Verspätung beginnt die Sitzung um 13.20 Uhr hinter verschlossenen Türen. Schnell macht draußen die Nachricht die Runde, daß der Verwaltungsrat zwei Vertragsvergaben als rechtswidrig beanstandet haben soll. Zehn weitere sollen fragwürdig sein. In der vergangenen Woche war von bis zu sechs rechtswidrigen Vergaben die Rede.

Rund vier Stunden wird hinter verschlossenen Türen diskutiert. Ab und an verschwinden Behörden-Mitarbeiter mit ernster Miene und roten Aktenmappen unter dem Arm in dem Raum. Ein paar Sicherheitskräfte halten die wartenden Journalisten in Schach. Unruhe kommt auf, als Gerster gegen 15 Uhr den Saal verläßt. Es werde geheim abgestimmt, ist zu hören. Später betritt der umstrittene Vorstandschef den Konferenzraum wieder, um die Abstimmung mitzuverfolgen.

...dann passiert alles Schlag auf Schlag

Dann passiert alles Schlag auf Schlag: In Nürnberg wird das für Gerster vernichtende Ergebnis bekannt gegeben. Gleichzeitig macht sich in Düsseldorf Wirtschaftsminister Clement für eine eigens dazu einberufene Pressekonferenz bereit. Als Arbeitgebervertreter Clever den Fernsehleuten noch die Details der Entscheidung des Verwaltungsrats erklärt, kommt schon die Nachricht aus Düsseldorf: Clement hat Gerster entlassen, kommissarisch werde Finanzvorstand Frank-Jürgen Weise den Vorsitz übernehmen, bis ein Nachfolger gefunden sei.

Nach dieser Mitteilung gibt es keine weiteren Fragen in Nürnberg. Schnell leert sich das Gebäude, an dessen Briefkasten erst seit kurzem Bundesagentur für Arbeit - Gersters Lieblingsprojekt - zu lesen ist. Die Übertragungswagen der Rundfunk- und Fernsehanstalten verlassen das Gelände. Ein Sicherheitsmann sagt gelassen, daß dieser Tag für ihn nichts besonderes gewesen sei. Die Fenster der Vorstandsräumen im ersten Stock sind schon lange dunkel.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2004, Nr. 21 / Seite 3
Bildmaterial: REUTERS

 
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