Interview mit Integrationsminister Laschet

„Kein Assimilationsdruck“

13. Februar 2008 Armin Laschet (CDU), Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen, handelte sich mit seiner Kritik am Wahlkampf der hessischen CDU innerparteilichen Ärger ein. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Chancen und Pflichten der Einwanderer in Deutschland und macht dem türkischen Ministerpräsidenten Vorwürfe: „Wenn Herr Erdogan Assimilation ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nennt, sollte er sich im eigenen Land umschauen.“

Herr Minister, was verstehen Sie unter Integration?

Integration bedeutet, dass jeder, der in diesem Land lebt, ob er hier geboren oder zugezogen ist, sich als Teil dieses Landes fühlt, dass er die gleichen Chancen auf Teilhabe hat und Karriere machen kann.

Verlangt Integration dem Einwanderer irgendeine Form der Anstrengung ab?

Ja, selbstverständlich. Er muss unsere Sprache lernen, seinen Kindern Bildungschancen geben und die Angebote, die da sind, auch annehmen: zum Beispiel Deutschkurse schon für Kindergartenkinder und für Mütter. Es gab sicher jahrelang nicht genug Möglichkeiten in dieser Richtung, heute aber gibt es eine breite Palette von Kursen. Ein Einwanderer muss in unserem Land auch ankommen wollen und sich nicht dauerhaft darauf einrichten, quasi auf fremdem Territorium zu leben.

Gehört zu gelungener Integration auch die Eingliederung ins Arbeitsleben?

Ja, aber das ist oft nicht eine Frage des Wollens, sondern der Chancen. 40 Prozent der Jugendlichen, die die Hauptschule ohne Abschluss verlassen, kommen aus Einwandererfamilien. Die haben keine Chance auf eine Lehrstelle. Daraus entstehen Perspektivlosigkeit und Jugendkriminalität. Hier ist Integrationspolitik gefordert.

Was versteht ein Integrationsminister unter Assimilation?

Erzwungene Assimilation wäre die Aufgabe der eigenen Kultur, der eigenen Religion, das völlige Aufgehen in der Mehrheitsgesellschaft. Das ist nicht Ziel unserer Integrationspolitik, das verlangt niemand. In Deutschland gibt es vielleicht Integrationsprobleme, aber jedenfalls keinen Assimilationsdruck. Jeder kann hier seine Religion und Kultur pflegen, aber es gelten unsere Gesetze. In deren Rahmen kann jeder nach seiner Facon selig werden. Wenn Herr Erdogan Assimilation ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nennt, sollte er sich im eigenen Land umschauen. Das, was die türkische Politik Kurden, Christen und Aleviten abverlangt, ist Assimilation, aber nicht, was in Deutschland geschieht.

Warum äußern insbesondere Türken immer wieder Angst vor Assimilation? Andere Einwanderergruppen äußern diese Sorge nicht.

Die Türkei ist ein selbstbewusstes bis nationalistisches Land. Auch Erdogans Polit-Show am Sonntag hatte nationalistischen Charakter. Sie war nicht förderlich für die Integration. Mich wundert sehr, dass Claudia Roth so etwas begrüßt.

Warum neigen Türken dazu, sich diskriminiert zu fühlen? Warum glauben viele von ihnen offenbar lieber, beim Ludwigshafener Brand handele es sich um einen Anschlag als um einen Unfall - ohne bis heute Genaueres zu wissen?

Nun, wir müssen selbstkritisch sagen, dass wir nicht dafür gesorgt haben, dass sich türkischstämmige Deutsche überall in der Gesellschaft wiederfinden. Sie müssten in den Parteien, den Medien, an Führungspositionen ebenso vertreten sein wie andere Deutsche auch. Wir haben versäumt zu sagen: „Ihr seid Deutsche wie alle anderen, fühlt Euch willkommen.“ Menschlichkeit, Wärme und Emotionalität fehlten häufig.

Warum soll Integrationspolitik kein Wahlkampfthema sein, obwohl sie die Menschen bewegt?

Bestimmte Grundprinzipien der Integrationspolitik sollten parteiübergreifend erarbeitet und anerkannt werden. Dies ist auch der Kerngedanke des Nationalen Integrationsplans der Bundeskanzlerin.

Brauchen wir türkische Schulen in Deutschland?

Nein, das würde der Integration schaden. Aber wir brauchen Türkisch als anerkanntes und benotetes Schulfach. In nordrhein-westfälischen Hauptschulen kann man zum Beispiel in Zukunft Türkisch als Fremdsprache anstelle von Englisch wählen. Wenn die türkischen Schüler sowohl gut Deutsch als auch gut Türkisch sprechen und schreiben, haben wir viel erreicht.

Mit der deutschen Schule in Istanbul ist eine türkische Schule in Deutschland nicht zu vergleichen. Erstere ist eine Eliteschule, auf die bildungsbeflissene türkische Familien ihre Kinder schicken, damit sie zusätzlich Deutsch und andere Fremdsprachen lernen. Auf eine türkische Schule hierzulande würden türkische Schüler gehen, die dann zu wenig Deutsch lernen würden. Das würde sie abermals benachteiligen.

Wächst in Deutschland die Zahl von Türken, die ihre Antennen zum Bosporus ausrichten und nicht nach Berlin oder Düsseldorf, die also quasi ferngesteuert werden von Politikern wie Erdogan?

Die Besserqualifizierten richten sich schon jetzt nach Deutschland aus. Sie fühlen sich nicht von Erdogan vertreten, sondern sie engagieren sich hier für ihre Angelegenheiten.

Das Gespräch führte Uta Rasche.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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