Friedensnobelpreis für El Baradei

Mutiger Kämpfer gegen das nukleare Inferno

Video in voller Größe

07. Oktober 2005 Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an die Internationale Atomenergiebehörde IAEA und ihren Generaldirektor Mohamed El Baradei. Das Nobelpreiskomitee in Oslo würdigte damit den Einsatz des 62 Jahre alten Ägypters und seiner in Wien ansässigen UN-Behörde, „den Gebrauch von Atomenergie zu militärischen Zwecken zu verhindern und ihre friedliche Nutzung so sicher wie möglich zu machen“.

„In einer Zeit, in der die Bedrohung durch Nuklearwaffen wieder zunimmt“, wolle das Norwegische Nobelkomitee mit seiner Entscheidung unterstreichen, daß dieser Bedrohung mit einer umfassenden internationalen Zusammenarbeit begegnet werden müsse, heißt es in der Begründung.

Der Preis ist mit rund 1,1 Millionen Euro dotiert und wird am 10. Dezember verliehen. Im vergangenen Jahr wurde die kenianische Umweltschützerin Wangari Maathai ausgezeichnet.

Zwischen den Fronten

Mohammed El Baradei steht seit rund acht Jahren im Brennpunkt des internationalen Interesses. Seit der Ägypter 1997 Nachfolger des Schweden Hans Blix an der Spitze der IAEA wurde, bewegt sich der Diplomat und Jurist in einem politischen Raum, in dem Lob selten, Kritik von vielen Seiten jedoch an der Tagesordnung ist.

Vor allem die Vereinigten Staaten machten unter George W. Bush keinen Hehl daraus, daß ihnen die Art und Weise, wie Baradei zunächst mit dem Irak umging und jetzt mit Iran über deren Atomprogramme verhandelt, zu nachgiebig ist. Bagdad und Teheran wiederum haben Baradei und die IAEA immer wieder beschuldigt, nur Erfüllungsgehilfe Washingtons zu sein.

Im Juni wurde El Baradei einstimmig für weitere vier Jahre in seinem Amt wiedergewählt. -trotz etlicher diplomatischer Störfeuer der Amerikaner, aber auch der Japaner. Seine Kandidatur war schon zuvor Gegenstand eines ungewöhnlichen diplomatischen Ringens gewesen. Die Vereinigten Staaten hatten mehrere Monate lang versucht, eine Wiederwahl El Baradeis zu verhindern.

Ärger für den amerikanischen Präsidenten

El Baradei verärgerte Bush, indem er vor dem Irak-Krieg sagte, er habe keine Beweise für Saddam Husseins Rüstung mit Massenvernichtungswaffen, und nach dem Krieg kritische Worte für das amerikanische Vorgehen fand. Dann paßte den Amerikanern nicht, wie El Baradei sich im - bis heute ungelösten - Atomstreit mit Iran verhielt. Der IAEA-Chef, dessen Telefonate die CIA sogar abhören ließ, sei zu nachgiebig mit dem Teheraner Regime, lautete der Vorwurf.

Die Nobelpreis-Medaille

Die Nobelpreis-Medaille

Am Ende zögerte all das El Baradeis Wiederwahl aber nur hinaus. Die nötige Sperrminorität von 12 Staaten brachten die Amerikaner im 35 Länder umfassenden Gouverneursrat der IAEA nicht zusammmen. Die Europäer waren mit El Baradeis Wirken überwiegend zufrieden, weil sie ihn insgesamt als objektiv und professionell empfanden. Und die Entwicklungsländer wollten nicht einsehen, daß die verbliebene Weltmacht einen der wenigen Spitzenleute aus ihren Reihen demontieren wollte. Am Ende mußte Washington nachgeben, ließ aber die Erwartung verbreiten.

Seit über zwanzig Jahren bei der IAEA

Der am 17. Juni 1942 in Kairo geborene Baradei studierte zunächst Rechtswissenschaften in Kairo. Seit 1964 arbeitete er als Diplomat unter anderem in den Vertretungen seines Landes bei den Vereinten Nationen in Genf und New York, wo er - nebenbei - im Fach Internationales Recht promoviert wurde.

Zur IAEA kam Baradei 1984, wo er unter anderem die Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten leitete und dann als Stellvertreter des schwedischen Generaldirektors Hans Blix arbeitete. 1997 wurde er als erster Repräsentant eines Entwicklungslandes Blix-Nachfolger. Baradei führte sein Amt betont unparteiisch. Obwohl ihm Beobachter in Wien großes diplomatisches Geschick bescheinigen, scheute sich der Typ eines klassischen Gentlemans.auch nicht, deutliche Worte zu sprechen.

El Baradei verfolgt ein großes Ziel: Er will die Welt von allen Atomwaffen befreien. Ruhig und immer beherrscht warnt Baradei die Welt vor dem nuklearen Inferno: „Ein Atomkrieg rückt näher, wenn wir uns nicht auf ein neues internationales Kontrollsystem besinnen.“ Das alte System habe zu viele Lücken, mahnt er. Seine stärkste Waffe sind seine Kontrolleure, die er rund um den Globus schickt. Die Inspektoren sollen überwachen, ob die Länder die Kernenergie wirklich ausschließlich zu friedlichen Zwecken einsetzen. Denn dazu haben sich fast alle Staaten im Atomwaffensperrvertrag von 1968 verpflichtet.

Nur die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien, China und Rußland dürfen Atombomben besitzen. Doch inzwischen streben immer mehr Staaten die gefährlichste aller Waffen an. „Der nukleare Geist ist längst aus der Flasche“, sagt Baradei. Dennoch wirbt er beharrlich in Iran und bei Nordkoreas Diktator Kim Jong Il für eine Einstellung der vermuteten Atomwaffenprogramme. Dabei setzt er auf Diplomatie und Überzeugungsarbeit, Gewalt ist dem Völkerrechtler zuwider.

Deshalb zog sich er sich auch den Zorn der amerikanischen Regierung zu. Als Präsident George W. Bush der Welt erklärte, daß Iraks Tyrann Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, mahnte Baradei zur Vorsicht. Es gebe keine harten Verdachtsmomente. Und nach den Inspektionen im Irak erklärte er, es seien keine Beweise gefunden worden.

Ambitionen auf die Nachfolge Annans?

Dem IAEA-Chef werden in Wien Ambitionen nachgesagt, die über sein heutiges Amt hinaus gehen. Immer wieder heißt es, er strebe die Nachfolge von UN-Generalsekretär Kofi Annan an. Ob ihm der Friedensnobelpreis dabei helfen kann, bleibt abzuwarten.

Die Verbreitung von Nuklearwaffen ist in den vergangenen Jahren zum großen Thema der IAEA geworden. El Baradei hat dabei selbst Vorschläge entwickelt, um der Proliferation Einhalt zu gebieten. Er plädiert dafür, sensible Technologien wie die Urananreicherung nicht mehr in nationaler Verantwortung sondern als internationale Gemeinschaftsunternehmen zu betreiben. Das entspricht ganz dem Kernauftrag seiner Behörde: die friedliche Nutzung der Kernenergie zum Wohle aller Völker zu fördern.

In Wien fühlt sich der Weltbürger vom Nil längst zu Hause. Seine Frau Aida Elkachef arbeitet dort an der Internationalen Schule als Lehrerin. Tochter Laila und Sohn Mostafa arbeiten in London. Wenn der Vater in fünf Jahren seinen Job an der Spitze der IAEA aufgibt, wird er sich kaum zur Ruhe setzen. „Dann wird Baradei wieder als Professor an einer renommierten Universität lehren“, heißt es aus seinem Wiener Umfeld.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa/AP/nbu.
Bildmaterial: AP, dpa, Reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Blättern
ÜberKreuz

Kleine Kirchenkomödie

Von Reinhard Bingener

Anzeige

Kfz-Versicherung

Verpassen Sie nicht den Kündigungsstichtag 30.11. Vergleichen Sie jetzt Ihre Kfz-Versicherung und sparen Sie bis zu 500 €!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche