Von Wulf Schmiese, Heiligendamm
08. Juni 2007 Sie wollten eigentlich draußen speisen, doch sie dürfen nicht. Die Terrasse der Burg Hohenzollern ist eingedeckt, alles in Weiß wie die Gebäude ringsum. Nur zwei Rosengestecke stehen auf der Tafel. Roséfarben, passend zu den Schindeln der Dächer des Seebads Heiligendamm, des ältesten und teuersten in Deutschland.
Aber die Bundeskanzlerin und ihr Mittagsgast bleiben fern, ihre Gläser leer. Zu kalt, befindet Angela Merkel. Es muss doch warm sein, ohne düstere Wolken und kühle Brisen gerade zum Auftaktgespräch mit ihm, mit George Bush. Das Mittagessen wird deshalb drinnen serviert, wo sie dieser Tage wohnt. Es geht um viel: das Gelingen des Gipfeltreffens der acht wichtigsten Staatslenker der Welt. Frau Merkel geht es um noch mehr - um ihren Erfolg.
Alles schön der Reihe nach
Fast hundertprozentig, flüstert sie Bush nach ihrer ersten gemeinsamen Erklärung draußen vor der Presse zu, almost one hundred percent zufrieden sei sie mit dem Verkündeten. Nur?, scherzt der amerikanische Präsident zurück und zwinkert. Er zwinkert viel dieser Tage, als wolle er zeigen: Ich bin nicht der harte Hund, für den ihr mich haltet. Klimaschutz, Raketenabwehr - Washington sucht eigene Wege. Auch bei den Hedge-Fonds lehnt Amerika Kontrolle durch andere weitgehend ab. Bush blockiert, das fürchten nicht nur die abertausend Blockierer weit vor dem langen Zaun.
Selbst sieben der G-8-Teilnehmer haben an diesem Mittwochmittag noch solche Befürchtungen. Der Bundeskanzlerin ist die Sorge als Erste genommen. Doch sie will ihr Glück noch nicht zeigen - gleich am ersten Tag des dreitägigen Gipfels. Große Erfolge inszenieren Profis wie sie so niedrige Erwartung schüren, dann Kampfesmut wie steigende Hoffnung zeigen und zum Schluss mit Durchbrüchen überraschen. Aber alles schön der Reihe nach.
Bush als Vorreiter bei der Hilfe für Afrika
Anderthalb Stunden hat Frau Merkel mit Bush alle Themen dieses 33. G-8-Gipfels besprochen, besonders die zwei populären, die ihr am Herzen liegen: das Klima und Afrika. Bei beiden waren sich die Hausherrin und der Weltherr bei Kalb zu Spargel erstaunlich geschwind einig, obgleich es gar nicht einfach gewesen sein soll.
Er kam ihr beim Klima entgegen, sie folgte ihm bei der Hilfe für Afrika. Denn das ist es, was Bush als Erfolg der Welt verkünden will. Hier möchte er als Vorreiter gelten, was er tatsächlich ist: 15 Milliarden Dollar hat der amerikanische Kongress schon 2004 bewilligt für den Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria, all jene Seuchen, die den ohnehin ärmsten Kontinent noch weiter schwächen.
Die Summe für Afrika verdoppeln
Bush will die Summe von 2009 an verdoppeln und verlangt von den G-8-Kollegen ebenfalls mehr Geld. Die deutsche Regierung stimmte in seine Forderungen ein. Andere jedoch wollen nicht so recht wegen ihrer klammen Haushalte daheim. Besonders Ministerpräsident Romano Prodi aus Italien hat Bedenken, Premierminister Stephen Harper aus Kanada ebenso.
Das Elend Afrikas scheint auch nicht die brennendste Sorge des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sein. Frau Merkel verspricht Bush, zu vermitteln. Prodi wartet schon brav, eine Aktenmappe unterm Arm, mit seiner Entourage auf dem Kiesweg vor ihrer Tür. Neben ihm auf dem Rasen wirft der Zeiger einer Sonnenuhr den Schatten weit hinter die Zwei.
Merkels Ziel: Mit einer Stimme sprechen
Drinnen lässt Bush die Sonne scheinen. Für diesen Moment hat die Kanzlerin tagelang gekämpft, gefeilscht und so die anderen Teilnehmer des Gipfels in Vorgesprächen auf ihr Ziel hin geeicht. Das ist ein Dreifaches: Der Anstieg der Temperatur darf nicht zwei Grad übersteigen, weil mehr Erwärmung das Ökosystem der Erde nach den wissenschaftlichen Prognosen nicht aushält. Bis 2050 solle der Ausstoß von Kohlendioxid auf der Erde gegenüber 1990 um fünfzig Prozent reduziert werden.
Das Frau Merkel wichtigste Ziel ist jedoch: Die Welt muss hier mit einer Stimme sprechen. Am Samstag telefonierte sie deshalb mit Englands Premierminister Tony Blair, am Montag empfing sie dazu in Berlin ihren Kollegen Harper aus Kanada, und am Dienstag folgte Japans Regierungschef Shinzo Abe. Sie hatte Putin schon vor Wochen in Samara auf ihre Seite gebracht. Was immer zum Klima beschlossen wird, so der feste Wille Frau Merkels, muss im Rahmen der Vereinten Nationen geschehen.
Bisher ist das nur ein Versuch, der weithin gescheitert ist. Dem Protokoll der Weltklimakonferenz 1997 von Kyoto, das die damalige Umweltministerin Merkel mit aushandelte, haben sich längst nicht alle in der Welt untergeordnet. Amerika lehnt es strikt ab. Nun jedoch gibt Bush der Bundeskanzlerin eine Zusage, ohne die für sie das Heiligendamm-Treffen gescheitert wäre. Er ist bereit für ein Post-Kyoto-Agreement, wie er es nennt, eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll. Diese drei Worte lassen den Stab der Kanzlerin insgeheim schon jubeln. Sie bedeuteten, dass wir einen wirklichen Erfolg hinkriegen. Nach außen heißt es bloß, es sei nicht schlecht gelaufen.
Beachtliche Annäherung
Am Donnerstag wird über die Details weiter verhandelt, doch fest steht gleich zu Beginn: Bush räumt eine bisher felsenfest scheinende Bastion der Amerikaner. Er stimmt zu, dass sein Land später, nachdem das Kyoto-Abkommen 2012 ausgelaufen ist, bei einem weltweit geltenden Klimaschutzabkommen mitmachen würde.
Noch in den Tagen vor dem Gipfel hatte Bush eine Koalition gegen den Rest der Welt zu schmieden begonnen. Mit einem guten Dutzend anderer Staaten suchte er eigene Klimaschutzziele festzulegen. China und Indien schienen bereit dazu, schon weil auch sie so weiterem Druck der Weltgemeinschaft weichen wollten.
Heiligendamm schafft dagegen neue Allianzen, wie Blair nach dem gemeinsamen Mittagessen am Donnerstag als Erster verrät: Es gibt den Willen, zu einer Übereinstimmung zu kommen. Eine beachtliche Annäherung habe er beobachtet, um die Notwendigkeit einer substantiellen Reduzierung der Schadstoffemissionen zu erreichen und sich über Verfahren und Wege dorthin zu einigen.
Amerika sitzt wieder bei der Welt im Boot
Am Nachmittag tritt Frau Merkel selbst vor die acht dorischen Säulen des klassizistischen Kurhauses, an dessen First lateinisch geschrieben steht: Hier erwartet dich Freude nach heilendem Bade. Nun erst, wie lange zuvor geplant für den zweiten Tag des Gipfels, darf die Freude gezeigt werden: Vom großen Erfolg spricht die Kanzlerin. Alle erkennten den sogenannten IPCC-Bericht an, in dem steht, dass sich das Klima der Welt nicht um mehr als zwei Grad erwärmen darf.
Alle acht wollten, dass der Kohlendioxid-Ausstoß bis 2050 im Vergleich zu 1990 halbiert werde. Und: Jeder wünsche eine Vereinbarung dazu im Rahmen des UN-Prozesses. Amerika also sitzt wieder bei der Welt im Boot. Die Umweltminister haben jetzt den Weg frei zu verhandeln, sagt Frau Merkel. Schon auf der nächsten Weltklimakonferenz in Bali Ende des Jahres soll damit begonnen werden. Zu Afrika fällt jedoch noch kein Wort. Dieser Durchbruch soll erst an diesem Freitag verkündet werden.
Well done. Good job!
Ganz so vereint wie bei den Themen Afrika und Klima will Frau Merkel die Welt allerdings nicht überall sehen. Das hat sie sich gleichermaßen ausgehandelt unter dem Schlagwort Heiligendamm-Prozess. So heißt der verabredete Gesprächskreis mit den fünf größten Schwellenländern China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika. Regelmäßig soll mit ihnen gesprochen werden, etwa über Produktpiraterie. Aber die erstarkenden Nationen der einst Dritten Welt sollen dem Klub der westlich orientierten Demokratien weiterhin fernbleiben. Frau Merkel will keinesfalls aus der G 8 eine ausufernde Quatschrunde von 13 oder noch mehr Staatslenkern werden lassen.
Alles, was sie will, scheint ihr schon vor Ende des Gipfels erreicht. Auf dem Schlosskonzert jedoch läuft es anders, als Frau Merkel dachte. Dort zeigt sich, wem die Mächtigen in heiklen Situationen noch immer folgen. Die Geigerin Julia Fischer, derzeit Star der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, spielt den großen acht und ihren Ehepartnern in Hohen Luckow Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy vor. Die Bundeskanzlerin wollte nur deutsche Klassik, höchstselbst hatte sie deshalb zuvor die Violinistin angerufen.
Sie solle nicht enttäuscht sein, sagte Frau Merkel, wenn etwa Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy darob eingeschnappt sei oder wenn Bush nach dem ersten Satz einschlafe. Doch Amerikas Präsident macht das Gegenteil: Er klatscht begeistert - und zwar schon nach dem ersten Satz. Die anderen sind irritiert, doch dann applaudieren sie mit ihm nach jedem Satz. Am Ende des Konzerts tritt Bush zur zierlichen Meistergeigerin und klopft ihr auf die Schulter - mit den Worten, die am Ende der Bundeskanzlerin gelten: Well done. Good job!
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa, Kai Nedden, REUTERS