Bush-Besuch in Stralsund

„Wie bei Honecker“

Von Frank Pergande, Stralsund

13. Juli 2006 Bevor der amerikanische Präsident Bush mit Ehefrau Laura nach Mecklenburg-Vorpommern kam, wurde dort pausenlos über die Sicherheit und ihre Kosten geredet: über zugeschweißte Gullydeckel und versiegelte Häuser, über die 12 500 Polizisten im Einsatz, die Polizeikolonnen auf den Straßen, die kilometerlangen Absperrgitter, die Kontrollen an jeder Ecke. Die Kritiker von Bushs Politik bis in die rot-rote Schweriner Landesregierung hinein hatten zudem immer wieder öffentlich überlegt, wie sie ihren Protest organisieren können, um möglichst viel „Bambule“ zu machen, wie einer der Organisatoren der Anti-Bush-Demonstration sagte.

Dabei geriet aus dem Blickwinkel, was das eigentliche Anliegen des Besuches war. Als Angela Merkel im Januar ihren Antrittsbesuch in Washington unternahm, saß sie eine Dreiviertelstunde lang im Oval Office. Das Gespräch kam auf ihren Lebensweg, auf die DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend, auf private Lebensformen in einer Diktatur und auf den Untergang der DDR. Bush schickte damals seine Berater aus dem Raum und hörte der Kanzlerin zu. Sie habe die eiserne Faust des Kommunismus kennengelernt, sagte er nach diesem Treffen, noch immer beeindruckt.

Bush lobt Merkel

So stellte sich eine Vertrautheit ein, die auch politisch die schwierige Zeit in den deutsch-amerikanischen Beziehungen unter der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder beendete. Einen „guten Freund“ nannte Bush die Kanzlerin am Donnerstag bei seiner kurzen Begrüßungsrede auf dem sonnenüberfluteten Alten Markt in Stralsund. Sie sei eine Frau, die harte Entscheidungen treffen könne, auf deren Urteilsvermögen er baue und auf deren Meinung er höre. (Siehe auch: Merkel und Bush in Sorge über Rußland, Nahen Osten und Iran)

Die Kanzlerin war, durch das Gespräch in Washington angeregt, auf die Idee gekommen, bei ihrem nächsten Besuch im Mai Bush in ihren Wahlkreis nach Vorpommern einzuladen. Zu dem gehören die Landkreise Rügen und Ostvorpommern sowie die Hansestadt Stralsund, „eine der schönsten Regionen in unserem Land“, wie die Kanzlerin gern sagt.

Frau Merkel wollte dem amerikanischen Präsidenten zeigen, wie es im Osten sechzehn Jahre nach dem Ende des Sozialismus aussieht, wie es den Menschen geht, wie sie „ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen haben“. Aber auch, was sie denken. Stralsund war beinahe zwangsläufig eine Besuchsstation, hatte sich die Stadt doch gerade beim Besuch des schwedischen Ministerpräsidenten bewährt.

Keine falschen Fassaden

In Stralsund, wo Frau Merkel ihr Wahlkreisbüro hat, wurde ihr nun vorgeworfen, der Staatsbesuch sei so gewesen „wie früher bei Honecker“ - weil die Altstadt schon am Dienstag abend vollständig abgesperrt worden war und nur tausend geladene Gäste den amerikanischen Präsidenten zu Gesicht bekamen, ausgerüstet am Eingang mit amerikanischen und deutschen Fähnchen. Unter den tausend waren allein mehr als zweihundert Soldaten aus der Marinetechnikschule Stralsund-Parow.

Allerdings: Falsche Fassaden wie in der DDR wurden nicht gebaut oder verfallene Häuser bis zur Blickhöhe frisch getüncht. In Stralsund läßt sich gut zeigen, was sich verändert hat seit dem Ende der DDR und was nicht. Auch hier habe es 1989 die großen Montagsdemonstrationen gegeben, erinnerte Frau Merkel bei der Begrüßung. Hier hätten die Menschen um ihre Freiheit gekämpft. Heute seien sie froh, in einer geeinten Bundesrepublik leben zu dürfen, und dankten Amerika, daß es damals die deutsche Einheit mit ermöglicht habe. Das sowjetische Ehrenmal aus der DDR-Zeit steht noch immer vor der gewaltigen Marienkirche. Das denkmalreiche Stralsund lebt in diesen Tagen von den Feriengästen. Dennoch bleibt die Arbeitslosigkeit so hoch wie kaum in einer anderen Gegend Deutschlands. Und ohne die Autobahn 20, das zumindest längste Projekt deutsche Einheit, wäre es gar nicht möglich gewesen, Bush nach Stralsund einzuladen.

Schwarz-rote Irritationen

Eine Umfrage des Norddeutschen Rundfunks zeigte, daß nicht einmal die Hälfte der Leute für den Besuch ist. Irgendwann war dann noch die Idee mit Trinwillershagen geboren worden, wo sich der Präsident, die Kanzlerin und sechzig Leute aus dem Wahlkreis am Donnerstag abend trafen. Im Hof des ehemaligen DDR-Kulturhauses, das Olaf Michelz als Gaststätte führt, der junge Mann, der auch das Wildschwein für den Abend geschossen hat. Frau Merkel wollte verschiedene Menschen aus ihrem Wahlkreis dabeihaben.

Viele von ihnen kamen wie sie erst nach dem Ende der DDR in die Politik wie ihre Parteifreunde Wolfhard Molkenthin, Landrat von Nordvorpommern, und Harald Lastovka, der Oberbürgermeister von Stralsund. In Vorpommern hat die CDU nach wie vor viele Wähler. Aber es gibt auch die Landrätin von Rügen, Kerstin Kassner von der Linkspartei. Sie hatte keine Zeit für den amerikanischen Präsidenten. Genau wie auch SPD-Ministerpräsident Harald Ringstorff, der seine Einladung erst am Mittwoch erhalten habe, wie seine Sprecherin sagte, und deshalb „aus Termingründen“ nicht kommen könne.

„Wahlkampf-Fete“ der CDU?

Die rot-rote Koalition hielt das nicht ab, von einer „Wahlkampf-Fete“ der CDU zu reden. Offenbar war Ringstorff verärgert, daß er später als der Stralsunder Oberbürgermeister von Bushs Plänen erfahren hatte. Weil er den Präsidenten auf dem Flugplatz Rostock-Laage zwar am Mittwoch abend hatte begrüßen dürfen, aber auch nur für die paar Minuten. Bis nämlich Bush die Airforce one verlassen und wieder im Hubschrauber verschwunden war, um in sein Nachtquartier weiterzufliegen, das Kempinski-Hotel in Heiligendamm. Und schließlich soll es den Ministerpräsidenten geärgert haben, daß er bei der Begrüßung auf dem Alten Markt nicht sprechen durfte. (Siehe auch: Kommentar: Unsouveräner Ringstorff)

War der Besuch wirklich wahlkampftauglich? Drei Viertel der Befragten glauben nicht, daß der Bush-Besuch die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 17. September irgendwie beeinflussen könnte. Ob nach dem Besuch in Mecklenburg-Vorpommern anders geredet wird als vorher? Präsident und Kanzlerin hatten jedenfalls Kaiserwetter.

Die Stimmung war entsprechend. Bush, der die Stralsunder mit einem „Guten Morgen“ auf deutsch begrüßte, dankte dem Oberbürgermeister augenzwinkernd für das Wetter. Vor dem Besuch hatte er gesagt, er wolle viele Menschen in Frau Merkels Wahlkreis treffen. Also nutzte er jede Chance, Hände zu schütteln. Einer Stralsunderin gab er sogar ein Autogramm auf ihren Unterarm. Er pries die „wunderschöne Stadt“ und hob vergnügt ein Faß mit Stralsunder Bismarckheringen in die Höhe. Das ist eine Delikatesse, die ihm von Fischer Harry Rasmus überreicht worden war. Allerdings: Die hohe Sicherheitsstufe, die Stralsund und Trinwillershagen regelrecht zu Festungen gemacht hatten, erlaubte keine zufälligen Begegnungen. Auch kein Schlendern in der Stadt. Für den Präsidenten stand nur die Nikolaikirche direkt neben dem Rathaus auf dem Programm. Die First Lady hingegen sah außerdem noch das Johanniskloster mit der Barockbibliothek und den Hiddenseer Goldschatz. Das war in jener Zeit, als sich Präsident und Kanzlerin in das Amtszimmer des Oberbürgermeisters zu ihrem Gespräch zurückgezogen hatten.

Von der Demonstration am Bahnhof gegen ihn bekam der Präsident nichts mit. Aufgerufen dazu hatten linke Gruppen. Fünftausend Leute waren erwartet worden. Mit der Bahn kamen gerade einmal vierhundert. Dazu gesellten sich ein paar Einheimische. Sie starteten ihren Zug - wegen der Sicherheitsvorkehrungen mit erheblicher Verspätung - auch erst, als der Präsident seinen Stralsund-Besuch fast schon fast beendet hatte.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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