Nahed Selim

„Feminismus im Islam ist möglich“

Nahed Selim: “Mohammed war es ein Anliegen, die Lage der Frauen zu verbessern“

Nahed Selim: "Mohammed war es ein Anliegen, die Lage der Frauen zu verbessern"

21. Oktober 2006 Für eine weibliche Interpretation des Korans wirbt Nahed Selim. Seit mehr als 20 Jahren lebt die 1953 in Ägypten geborene Autorin in den Niederlanden, wo sie auch für die großen Tageszeitungen schreibt. In Deutschland wurde die Nicht-Theologin durch ihr Buch „Nehmt den Männern den Koran!“ bekannt. Mit Nahed Selim sprach Hans-Christian Rößler

In Marokko und Ägypten haben die Frauen mehr Rechte bekommen. Ist die islamische Welt auf dem Weg zur Gleichberechtigung?

Es geht in die richtige Richtung, aber zu langsam. Es hat 1400 Jahre gedauert, bis wir vor kurzem in Marokko ein Scheidungsrecht bekamen, das auch den Frauen erlaubt, die Scheidung zu verlangen, und sie auch finanziell besserstellt. Von Anfang an hat jedoch der Koran dieses Recht enthalten. Was wir aber wirklich brauchen, ist Säkularismus. Anstatt mühsam immer nur kleine Schritte zu machen, muß man endlich die Legislative von der Religion trennen.

Das bedeutet eine Art islamische Reformation?

Nahed Selim: Muslimische Feministin

Nahed Selim: Muslimische Feministin

Ja, etwas ähnliches. Es ist schon vieles säkularisiert worden, zum Beispiel im Strafrecht. Nehmen Sie die Amputationsstrafen oder Steinigungen von Ehebrechern. Sie wurden abgeschafft, obwohl sie die Scharia vorsieht. Warum wagte man, das Strafrecht nach europäisch-westlichem Vorbild zu reformieren? Warum traute man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Verfassungen einzuführen, die voll und ganz vom Westen inspiriert und importiert wurden? Es gibt kein wirklich islamisches politisches System, es geht alles auf säkulare westliche Vorstellungen zurück. Nur das Familienrecht wurde nie angerührt. Es verkörpert die Kontrolle der Männer über das Leben der Frauen. Das dürfen wir Frauen nicht länger hinnehmen.

In Ihren Büchern beklagen Sie, daß im Koran Frauen schlechter gestellt werden als Männer und wenig von Gleichberechtigung zu lesen ist. Heißt das, daß der Koran in diesen Punkten keine Gültigkeit mehr hat?

Gleichheit gibt es nur auf der spirituellen Ebene. Männer und Frauen haben dieselben religiösen Verpflichtungen und Verheißungen für das Paradies. Aber schon in Moscheen ist zu sehen, daß Frauen Muslime zweiter Klasse sind. Sie müssen einen besonderen Eingang benutzen, beten oft hinten oder auf einer Empore. Aber es geht nicht darum, den Koran Wort für Wort als den unmittelbaren Ausdruck Gottes zu nehmen, sondern um die Idee, die dahinter steckt.

Hier ist Feminismus im Islam sehr wohl möglich: Dem Propheten Mohammed war es ein Anliegen, die Lage der Frauen zu verbessern, die damals nicht gut war. Das ist auch gelungen. Heute ist es deshalb wichtig, als ein gutes Ziel zu akzeptieren, genau das zu tun. Man verbessert die Situation der Frauen nicht, wenn man sie auf ewig an eine überkommene tribale Gesellschaftsordnung kettet, die keine Gleichheit bietet.

Muslime in Deutschland heiraten oft Frauen aus ihren Herkunftsländern, die stark von dieser Gesellschaftsordnung geprägt sind. Bremst das die von Ihnen geforderten Veränderungen?

Lange hatten wir gehofft, daß Generation für Generation immer besser integriert ist. Aber oft kommen wir über die erste Generation nicht hinaus, wenn die Mädchen weiterhin aus dem Herkunftsland kommen. Es sollte daher Einschränkungen bei der Einwanderung geben wie in den Niederlanden. Dort müssen, die die kommen wollen, erst die Sprache lernen und einen Test machen, bevor sie einreisen dürfen.

Die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali hat aus Angst vor Übergriffen die Niederlande verlassen. Können Sie sich weiterhin frei bewegen?

Bisher habe ich keine persönlichen Drohungen erhalten. Die Behörden boten mir Schutz an, den ich aber nicht in Anspruch genommen habe. Ich will dem Gefühl der Unsicherheit und Angst auch nicht nachgeben. Aber manchmal erwische ich mich dabei, daß ich mich umdrehe und schaue, wer gerade in meiner Nähe sitzt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa

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