24. Februar 2007 Zweifellos bietet Deutschland zu wenig Kinderkrippen, Kindertagesstätten und frühkindliche Betreuungsmöglichkeiten. Wie die Ganztagsschulen werden sie vor allem in sozialen Brennpunktvierteln mit hohem Ausländeranteil, aber auch in gemischten Vierteln dringend gebraucht. Trotzdem ist es nicht damit getan, dass es mehr Betreuungsplätze gibt, nicht einmal im Sinne der berufstätigen Frauen. Häufig schließen die Kinderkrippen schon um 15 oder 17 Uhr, zu einer Zeit also, da Frauen in einer flexibilisierten Arbeitswelt noch längst nicht ihren Dienst beendet haben. Vor allem darf nicht aus dem Blick geraten, dass es sich um Hilfseinrichtungen für Erwachsene handelt, die nicht primär dem Kindeswohl dienen.
Mit der wohlfeilen Parole von der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird Eltern Sand in die Augen gestreut über die durchaus mögliche Aushöhlung ihrer eigenen Erziehungsrechte und Erziehungsaufgaben. Das gilt insbesondere für Ganztagsschulzwang. Immer mehr Eltern sehen solche Angebote nicht nur als staatliche Beglückung, sondern möchten zumindest ihr Recht auf eine freie Wahl gewährleistet sehen. Erhebliche Widerstände von Eltern gegen die Ganztagsschule als Regelschule gibt es inzwischen in Hamburg, Bremen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und anderen Ländern. In Hamburg haben Eltern sogar gegen die alternativlose Ganztagsschule geklagt. Sie wehren sich zu Recht dagegen, dass die Gleichrangigkeit von Elternrecht und Schulrecht durch eine Dominanz staatlicher Erziehung ersetzt werden soll.
Kaum Erfahrung mit frühkindlicher Bildung
Empirische Forschung zur Wirkung von Ganztagsschulen gibt es bisher so wenig wie über frühkindliche Ganztagsbetreuung. Zur Ganztagsschule gibt es nur Hypothesen, die durch Studien überprüft werden müssten; über die pädagogische Wirksamkeit solcher Einrichtungen weiß die Bildungsforschung so gut wie nichts. Einig ist sie sich nur darüber, dass echte Ganztagsschulen, die sich am Nachmittag nicht in Hortbetreuung und Sport erschöpfen, sondern individualisiertes Lernen praktizieren, Theater, Musik, vertiefenden Unterricht durch ausgebildetes pädagogisches Personal anbieten, nur von wenigen Ländern finanziert werden können. Eine Kantine und eine Hortbetreuung machen noch keine Ganztagsschule. Vergleichbares gilt für die Kindertagesstätten. In einem Land, das jahrelang den kuscheligen Schutzraum der Kindheit blind verteidigte und nichts mehr fürchtete als kreatives und anregend-forderndes Lernen schon in früher Kindheit, gibt es kaum Erfahrungen mit tragfähigen Programmen frühkindlicher Bildung. Das liegt auch an der unzureichenden Ausbildung deutscher Erzieherinnen, die inzwischen in allen Ländern, zum Teil mit Unterstützung von Stiftungen, reformiert wird. Noch immer liegt es am Engagement der einzelnen Erzieherin, ob sie etwa mit Zahlenspielen erste Erfahrungen mit Mathematik vermittelt, Lieder singt, Geschichten vorliest oder andere Wege der Sprachförderung und Welterfahrung geht.
Entscheidend ist, dass all diese pädagogischen Anstrengungen nichts fruchten, wenn das psychosoziale Umfeld der Kinder nicht stimmt. Das ist auch der Grund dafür, dass Sprachförderprogramme bei Ausländerkindern gelegentlich wenig Erfolg haben. Lehnt die eigene Mutter die Sprache, die in der Kindertagesstätte oder Krippe gesprochen wird, ab, gerät das Kind unweigerlich in einen Loyalitätskonflikt, dessen Lösung die Voraussetzung jeglichen Lernfortschritts ist. Die empirische Bindungsforschung hat längst belegt, dass es sich beim Bindungs- und Neugierverhalten um zwei antagonistische Motivationssysteme handelt, deren Aktivierung sich gegenseitig ausschließt. Nur wenn ein Kind sich sicher fühlt, kann es sein Neugierverhalten aktiveren, die Umwelt erkunden und lernen. Sobald es sich unsicher oder bedroht fühlt, stellt es seine neugierige Welterforschung ein. Wenn die Sicherheit spendende Mutter in fremder Umgebung das Zimmer verlässt, hört ein Kind sofort auf zu spielen.
Sicher gebundene Kinder nach einem Jahr
Deshalb ist die sichere Bindung zu den primären Bezugspersonen auch so entscheidend. Väter und Mütter, die genug Empathie für ihr Kind aufbringen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit nach einem Jahr sicher gebundene Kinder, die leichter lernen, phantasievoller und leistungsbereiter sind und vor allem weniger in gewalttätige Konflikte verwickelt sind als unsicher gebundene Kinder. Um so tiefe Bindungen zu entwickeln, dass sie auch bei physischer Trennung erhalten bleiben, brauchen Kinder etwa fünf Jahre. Unredlich wäre es, zu verschweigen, wie störanfällig das elterliche Einfühlungsvermögen ist. Schon normale Alltagsbelastungen mindern die empathischen Fähigkeiten, traumatische Erfahrungen führen zu ihrem völligen Zusammenbruch. In solchen Fällen können Kinder von einer Krippe oder Tagesstätte profitieren, weil nahezu alles besser ist als die kinderfeindliche oder auch nur anregungsarme Umgebung zu Hause, aber selbst dann müssen sie die Betreuerin erst als Orientierungsperson akzeptieren.
Keine Lebensphase ist umweltempfindlicher und prägbarer als die ersten drei Lebensjahre. Die Hälfte der strukturellen Hirnentwicklung vollzieht sich im ersten Lebensjahr, 80 Prozent bis zum dritten Lebensjahr und 95 Prozent bis zum 15. Lebensjahr. Insofern ist es nur verständlich, wenn Eltern in dieser sensiblen Phase selbst entscheiden möchten, ob sie ihre Kinder zu Hause betreuen oder in Krippe und Hort geben. Bei dieser Wahlfreiheit muss es auch bleiben! Selbst wenn die Eltern dazu aus beruflichen Gründen gezwungen sein sollten, entscheidet die Qualität der Bindungen, die sie in der Säuglingsphase aufbauen konnten, darüber, wie gut ihre Kinder die spätere Fremdbetreuung verkraften.
Text: F.A.Z., 24.02.2007, Nr. 47 / Seite 1
Bildmaterial: dpa