Joseph Kabila

Der Geheimnisumwitterte

Von Thomas Scheen

Kabilas Verschwiegenheit gibt stets Anlaß zu öffentlichen Spekulationen

Kabilas Verschwiegenheit gibt stets Anlaß zu öffentlichen Spekulationen

Nach einer der aufwendigsten und teuersten Wahlen, die die Welt je gesehen hat, einer Wahl, die von wilden Schießereien und üblen Verleumdungskampagnen begleitet war und die von 17.000 Blauhelmsoldaten und 2000 europäischen Soldaten geschützt werden mußte, einer Wahl, die wie keine andere afrikanische seit dem Ende der Apartheid in Südafrika ein enormes Medieninteresse fand, hat die Demokratische Republik Kongo mit dem 35 Jahre alten Joseph Kabila zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen frei gewählten Präsidenten. So weit, so gut. Fragt sich nur, wer dieser neue Präsident mit seinem Hang zur Verschwiegenheit und den „schwarzen Löchern“ in seiner noch jungen Biographie eigentlich ist.

Die offizielle Biographie klingt lapidar: Geboren wurde er am 4. Juni 1971 in Hewa Bora II, einem kleinen Ort in der ostkongolesischen Provinz Süd-Kivu; Besuch der Grundschule zunächst in Fizi (Süd-Kivu), dann Daressalam in Tansania, nachdem seine Eltern dorthin umgezogen waren. Weiterführende Schule in Mbeya, ebenfalls Tansania. Anschließend soll sich Kabila junior um die Fischereibetriebe seines Vaters in Uganda gekümmert haben.

Rebellen von Ruandas Gnaden

Südafrikas Präsident Mbeki gratuliert nach der Vereidigung

Südafrikas Präsident Mbeki gratuliert nach der Vereidigung

Im Alter von 25 Jahren schreibt sich Joseph Kabila 1996 an der Universität von Makerere in Uganda für ein Jurastudium ein, um wenige Monate später an der Seite seines Vaters Laurent-Désiré Kabila, eines Berufsrebellen aus den sechziger Jahren, bei der neugegründeten Rebellengruppe „Alliance des Forces Démocratique pour la Libération du Congo“ (AFDL) wieder aufzutauchen.

Zu diesem Zeitpunkt war die ruandische Führung unter Paul Kagame dabei, den Sturz des kongolesischen Diktators Mobutu zu betreiben, um bei gleicher Gelegenheit die nach Kongo geflüchteten und für den Völkermord in Ruanda 1994 verantwortlichen Hutu-Milizen zu bekämpfen. Laurent-Désiré Kabilas Rebellen waren nichts anderes als Rebellen von Ruandas Gnaden.

Vereidigung des Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo

Vereidigung des Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo

Joseph Kabila wiederum wurde bei James Kabarebe, dem mittlerweile legendären ruandischen Militärstrategen, in die Lehre geschickt. An der Seite von Kabarebe zeigte sich Joseph Kabila auch zum ersten Mal einem breiteren Publikum, als er 1997 in der ostkongolesischen Stadt Kisangani von einem amerikanischen Fernsehsender zu dem Massaker an Hutu-Flüchtlingen befragt wurde, das mutmaßlich von der ruandischen Armee begangen worden war.

Belgische Diplomatie

Nach dem Sturz Mobutus stieg Joseph Kabila 1998 nach einer kurzen Ausbildung an einer Militärakademie in Peking zum stellvertretenden Generalstabschef des kongolesischen Heeres auf und mußte sich alsbald der Angriffe des ehemaligen Verbündeten Ruanda erwehren. Kurz vor der Ermordung seines Vaters 2001 hatte Joseph Kabila im Kampf gegen die Ruander den Verlust der strategisch wichtigen Stadt Pweto im Süden zu verantworten, und die Legende will, daß die zimbabwische Armee, die sich damals auf seiten Kabilas engagierte, den Sohn in buchstäblich letzter Minute an Bord eines brennenden Hubschraubers aus der Stadt rettete. Nach dem Tod seines Vaters waren es wiederum Zimbabwer, die Kabila aus Katanga nach Kinshasa brachten, wo er sich zum neuen Präsidenten erklärte. Heute noch sind seine engsten Leibwächter zimbabwische Soldaten.

Frischvermählt: Kabila mit seiner Ehefrau Olive Lembe

Frischvermählt: Kabila mit seiner Ehefrau Olive Lembe

Zu Beginn seiner Zeit als Präsident eines vom Krieg zerstörten Landes war es vor allem die ehemalige Kolonialmacht Belgien, die sich seiner annahm. Schließlich redete Kabila junior vom Frieden. Die Belgier öffneten die Türen: Der junge Präsident wurde im Weißen Haus empfangen, besuchte den Präsidenten der Weltbank, kam nach Paris, Brüssel und Berlin.

Auf die massive Einflußnahme angesprochen, antwortete der belgische Botschafter in Kinshasa damals bezeichnend: „Wir haben die Erfahrung, die Amerikaner haben das Geld.“ Damit gemeint war, daß Amerika endlich Frieden in Kongo wollte und sich dafür der nach wie vor exzellenten Kontakte der Belgier sowie ihrer Erfahrungen mit kongolesischen Politikern bediente.

Schüchterner „Rotzlümmel“

Kabilas Anhänger feiern den Wahlsieg

Kabilas Anhänger feiern den Wahlsieg

Kabila erwies sich cleverer als erwartet, und der Beweis dafür ist, daß er sich in der politischen Schlangengrube namens Kinshasa fast fünf Jahre lang halten konnte. Gestaltet aber hat er in seiner Zeit als Präsident der Übergangsregierung so gut wie nichts.

Wer es gut mit ihm meint, entschuldigt dies mit dem Hinweis auf das politische Umfeld, in dem er agieren mußte: Zwei der vier Vizepräsidenten der Übergangsregierung, die 2003 ins Leben gerufen worden war, stammten aus der Rebellion gegen seinen Vater. Entsprechend gespannt war das Verhältnis in dieser von Mißtrauen und Tiefschlägen geprägten Regierung.

Stimmabgabe für die teuerste Wahl der Geschichte

Stimmabgabe für die teuerste Wahl der Geschichte

Trotzdem hatten die Geberländer von Anfang an auf Joseph Kabila als künftigen Präsidenten Kongo gesetzt, weil er als „handhabbar“ gilt, was immer das heißen soll. Die UN-Mission in Kongo, Monuc, aber teilt diese Begeisterung nicht. In der politischen Abteilung der Monuc fällt häufig das Wort „Rotzlümmel“, wenn von Kabila die Rede ist. Der ehedem schüchterne Präsident sei mittlerweile „beratungsresistent“, heißt es da.

„King of Africa“

Ein Befund, der durch Kabilas Attitüde nach dem Wahlsieg bestätigt wurde: Die Wahl war eine der bedeutsamsten der vergangenen beiden Jahrzehnte in Afrika; Kabila habe sie gewonnen, also ist Kabila der „King of Africa“, beschrieb ein europäischer Diplomat unlängst seine erste Begegnung mit dem frisch Gewählten.

Davon abgesehen ist der private Joseph Kabila bis heute eine geheimnisumwitterte Person geblieben. In Kinshasa hält sich hartnäckig das Gerücht, er sei lediglich ein Adoptivsohn von Laurent-Désiré Kabila und eigentlich ruandischer Abstammung. Vor dem Hintergrund des ruandisch-kongolesischen Krieges grenzt diese Behauptung an Rufmord. Beweise dafür gibt es nicht. Der belgische Historiker Eric Kennes, Autor einer kenntnisreichen Biographie über den Vater, sagt hingegen, Joseph sei der leibliche Sohn von Laurent-Désiré Kabila aus dessen erster Ehe mit Sifa Maanya, einer Kongolesin aus der Region von Maniema. Und insofern sei er Kongolese.

Motocross-Motorräder und teure Uhren

Die Tragweite dieser Information ist für Europäer nur schwer zu verstehen, doch in Afrika ist die Frage der Abstammung von fundamentaler Bedeutung. Nur wer sagen kann, woher er kommt und von wem er stammt, ist glaubwürdig, weil er vor dem Hintergrund seiner ethnischen Zugehörigkeit berechenbar wird.

Daß Joseph Kabila dieses Versteckspiel im Wahlkampf nicht beendete und damit seinen Gegnern ein gewichtiges Argument in die Hände spielte, bleibt unverständlich. Dabei wüßten die Kongolesen gern mehr über ihren neuen Präsidenten, von dem nur bekannt ist, daß er für schnelle Autos und teure Uhren schwärmt und leidenschaftlich gern Motocross-Motorräder fährt.

Kurz vor der Wahl immerhin hatte sich der 35 Jahre alte Politiker ein wenig geöffnet, als er mit viel Pomp seine bis dahin öffentlich nicht existierende Lebensgefährtin Olive Lembe Disita heiratete, mit der er eine sechs Jahre alte Tochter namens Sifa hat. Diese Öffnung aber kam einer Offenbarung gleich, denn die frischvermählte Olive legte im Wahlkampf jene Energie an den Tag, die man ihrem stets träge wirkenden Mann gewünscht hätte.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Kongo

Kabila als Präsident vereidigt

Im Beisein zahlreicher afrikanischer Staatschefs ist Joseph Kabila als Präsident der Demokratischen Republik Kongo vereidigt worden. Der unterlegene Bemba blieb der Amtseinführung Kabilas allerdings fern.

Joseph Kabila

Mit der „Katanga-Mafia“ ins Präsidentenamt

58 Prozent wählten Kabila

Die Wahl in Kongo hat Joseph Kabila im Amt bestätigt. Mit gerade einmal 35 Jahren ist er jüngster Präsident Afrikas. Warum er der Liebling des Westens wurde und sich den Ruf erwarb, eine Marionette der Ruander zu sein, erklärt Thomas Scheen.

Kongo

Kabilas Bringschuld

Soldaten der Bundeswehr kehren nach Deutschland zurück

Eufor packt in Kongo die Koffer, auch die Bundeswehr kehrt heim, und das ist richtig. Denn es gibt für europäische Soldaten nichts mehr zu tun. Nun muß der neue alte Präsident Kabila den Kongolesen die Vorzüge der Demokratie begreifbar machen. Ein Kommentar von Thomas Scheen.

Kongo

Kabila siegt - Bemba erkennt Wahlergebnis nicht an

Alter und neuer Staatspräsident in Kongo: Joseph Kabila

Joseph Kabila hat die Präsidentenwahl in Kongo gewonnen. Laut Wahlkommission hat er 58 Prozent der Stimmen bekommen. Herausforderer Jean-Pierre Bemba weigert sich, das Ergebnis zu akzeptieren. Von Thomas Scheen, Kinshasa

Solana in Kongo

Väterliche Gesten

Solana: Einflußmöglichkeiten begrenzt

Die Lage in Kongo bleibt nach den Wahlen gespannt. Auf seiner Reise in die Hauptstadt des Landes versucht der EU-Außenbeauftragte Solana, die Wogen zu glätten - mit Charme, dem Gewicht Europas und väterlichem Rat. Horst Bacia berichtet aus Kinshasa.

Kongo

Hexenkinder

“Glücklich“ nennt sich, wer in einem Heim lebt

Sie werden immer mehr. Ihre Familien verstoßen sie, weil sie sie für Dämonen halten, oder weil sie einfach ein hungriger Magen zuviel sind. Bis zu 25.000 solcher „Hexenkinder“ kämpfen in Kongos Hauptstadt um ihr Überleben. Thomas Scheen berichtet aus Kinshasa.

EU-Militärmission

Sterben für Kongo?

In Kinshasa herrscht kein Wahlfieber mehr, es herrscht Krieg

Für Eufor, die europäische Schutztruppe in Kongo, haben sich die Einsatzbedingungen grundlegend geändert: In Kinshasa herrscht Krieg. Sterben für Kongo? Davon war nie die Rede. Ein Kommentar von Thomas Scheen.

Präsidentenwahl

Das Ende des Kongo-Traums?

Unter schwerem Beschuß: Bembas Haus am Montag abend

Trotz der Präsenz der EU-Truppe wollte die Garde des kongolesischen Präsidenten Kabila offenbar mit allen Mitteln dessen Herausforderer Bemba töten. Der Traum von einer Demokratie in Kongo ist anscheinend ausgeträumt.

Wahlen in Kongo

„Wir sind das Volk“

In der Warteschlange: „Ich will hier rein”

In Kongo fanden die ersten freien und geheimen Wahlen seit mehr als 40 Jahren statt. Und die Wähler kamen in Massen: Überall im Land bildeten sich lange Schlangen vor den mehr als 50.000 Wahlbüros. Eine Reportage aus Kinshasa.

UN-Mission in Kongo

Der deutsche Feuerlöscher

„Ein Blauhelm ist immer auch ein Diplomat”

Nach der friedlich verlaufenen Wahl in Kongo lobt der politische Direktor der UN-Friedensmission in dem afrikanischen Land die Rolle der EU-Soldaten. Albrecht Conze ist vermutlich der bekannteste Deutsche in Kongo. Das hat Gründe.

Afrika

Historische Wahl in Kongo

Für viele Menschen in Kongo waren es die ersten demokratischen Wahlen ihres Lebens. Beobachter bezeichneten den ersten freien Urnengang in der Demokratischen Republik Kongo als geordnet und friedlich.

Wahlen in Kongo

Der Selbstmord einer favorisierten Partei

Tshisekedi (UDPS): Keine Wählerregistrierung ohne Volkszählung

Ganz gleich wie die Wahlen in Kongo ausgehen werden, einen Schönheitsfehler haben sie schon jetzt: Die UDPS, eine der Parteien mit den größten Chancen, nimmt gar nicht teil. Thomas Scheen berichtet aus Kinshasa.

Anzeige

Kfz-Versicherung

Beitragserhöhung oder Vertragsänderung? Nutzen Sie jetzt schnell Ihr Sonderkündigungsrecht und sparen Sie bei der neuen Versicherung bis zu 500 €!