Von Konrad Schuller
28. November 2004 Der Schnellzug von Kiew nach Sewastopol hat vorsichtshalber eine Extraladung Kohle gebunkert. Siebzehn Stunden donnern die schweren Wagen in normalen Nächten durch die Steppe, vom Winter des ukrainischen Herzlands in die laue Luft der südlichen Krim. Seit vergangenem Sonntag aber spielt die Hauptstadt Revolution.
Hunderttausende füllen in einem Taumel aus Orange Straßen und Plätze. Jeder weiß: Als nächstes kommt der Generalstreik. Da kann es nicht schaden, genug Brennstoff im Wagen zu haben, wenn plötzlich wirklich alle Lichter auf Rot stehen und kein Rad mehr rollt - bei minus fünfzehn Grad.
Keine Spur vom Winterrausch
Sewastopol am Schwarzen Meer. Weiße Klippen und grüne Buchten, Tempelsäulen in grünen Parks, zerfallende Schiffe an den Molen. Keine Spur hier vom Winterrausch der brodelnden Hauptstadt - hier herrscht mediterrane Sonne. Hatte am gewaltigen Kiewer Hauptbahnhof die Luft noch gedröhnt von den Sprechchören der unter dem Schlagwort Unsere Ukraine mobilisierten Stadt, so verschwinden hier, im russisch fühlenden Süden, die orangefarbenen Bänder an Mützen und Ärmeln der Passagiere aus dem Norden sehr schnell im Passantenstrom. Kiew - das ist hier ein fremder Stern.
Die Stadt Sewastopol gehört eigentlich nur zufällig zur Ukraine. 1954, als die Sowjetunion noch unsterblich schien, hatte der damalige Generalsekretär der kommunistischen Partei, Nikita Chruschtschow, den Einfall, die Halbinsel Krim, das angenehmste Fleckchen seines Imperiums, von der russischen an die ukrainische Sowjetrepublik zu übertragen. Mit verschenkt wurde dabei die Hafenstadt Sewastopol, Schauplatz unzähliger russischer Legenden vom Krimkrieg bis zur Belagerung durch die Wehrmacht, Sitz der vielbesungenen Flotte am Schwarzen Meer.
Am Denkmal Admiral Nachimows, des Verteidigers von Sewastopol gegen die westlichen Invasoren aus Frankreich und Großbritannien im Krimkrieg, haben sie sich versammelt. Man hört sie schon von weitem, und wenn man die Augen schließt, glaubt man sich eine Sekunde lang zurückversetzt nach Kiew. Da trötet es, da dudelt es, da skandiert es Parolen. Doch schon eine Sekunde später ist der Irrtum aufgeklärt: Die Bänder im Haar der jungen Frauen, die Fahnen, die von Männern geschwungen werden, sind nicht orange wie überall in Kiew.
In Sewastopol trägt man Himmelblau - und vor allem skandiert man andere Namen. Ja-nu-ko-witsch, Ja-nu-ko-witsch! ruft es aus den Lautsprechern des Nachimow-Platzes und zurück aus der Menge. Mag die Hauptstadt vergehen vor Begeisterung für den Kandidaten aus dem Westen, den Oppositionstribunen Viktor Juschtschenko, Sewastopol steht fest an der Seite des Machtverteidigers aus dem Osten. Sergej, Ingenieur in den Wartungsbetrieben des Hafens, hält die geballte Rechte vors Gesicht: Wenn ich Präsident wär', wenn ich das Sagen hätte in Kiew, weißt du, was dann wäre!? Knallend saust die Faust in die offene Linke. Schluß wär' dann! Aus!
Das Büro des Juschtschenko-Wahlkampfstabes in der Lenin-Straße gleicht einer geschleiften Festung. Klaffend leer sind die Räume, kein Mobiliar, keine Geräte, nichts ist mehr da. In der vergangenen Nacht hat jemand die Fenster eingeschlagen, man fühlt sich nicht sicher hier, und so hat man einfach alles, was beweglich war, Tische, Stühle, Computer, fortgeschafft. Jetzt unterhalten sich die Juschtschenko-Anhänger stehend in hallenden Räumen, berichten von Telefonterror, Prügeldrohungen, gefälschten Wahlen. Eines aber bestreiten selbst sie nicht: Manipulation hin oder her, in dieser Stadt hätten ohnehin vier Fünftel für Janukowitsch, den Kandidaten der Macht, gestimmt.
Solche Treue hat Gründe. Bestechung und Druck spielen eine Rolle, und selbst unter den Janukowitsch-Enthusiasten, die sich vor dem Nachimow-Denkmal eingefunden haben, geben manche zu, sie seien nur hier, weil sie sonst von der Universität flögen. Doch Druck ist hier längst nicht alles.
Viktor Janukowitsch, der Kandidat des Establishments, ist zugleich der Favorit des russischen Präsidenten Putin, und wenn der Süden und der Osten dieses Landes in Sprache und Herkommen ohnehin viel mehr zu Rußland neigen als zur unabhängigen Ukraine, so gilt das erst recht für die Heldenstadt Sewastopol.
1991, als die Sowjetunion endgültig auseinanderbrach und es galt, neue Grenzen zu ziehen, war Sewastopol eine besonders harte Nuß. Nicht nur, daß man in Moskau an dieser Stadt hing, am Heimathafen der traditionsreichen sowjetischen Schwarzmeerflotte; Sewastopol hing umgekehrt auch an Rußland. Nicht nur, daß der weitaus größte Teil seiner 400.000 Einwohner Russen waren. Die russische Marine mit ihren samt Familien etwa 30.000 Angehörigen ist bis heute der wichtigste Arbeitgeber in der Region und finanziert 25 Prozent des Stadtbudgets.
So war es kein Zufall, daß sich Sewastopol heftig dagegen wehrte, als 1991 die Krim zur Ukraine fiel. Erst der Flottenvertrag von 1997, welcher der russischen Marine bis 2017 zu bleiben erlaubt, entspannte die Situation wenigstens vordergründig.
Im Foyer des Bürgermeisters Leonid Michailowitsch Schunko, eines gewaltigen Mannes in einem turnhallengroßen Büro, prangt der Leninorden, seinen Schreibtisch schmücken Kognakgläschen, die er freigiebig füllt. Kiew? Schunko schnuppert am Bouquet des Hennessy. Negativ. Herrschaft des Pöbels, schnaubt er schließlich verächtlich, während in seiner rechten Pranke eine filigrane Damenzigarette der Marke Parliament erzittert.
Schon als seine Stadt von Rußland getrennt worden sei, habe sie am Rand des Bürgerkriegs gestanden. Mittlerweile hätten die Bürger die Ukraine zwar akzeptiert. Wenn jetzt aber dieser Juschtschenko, dieser Mann des Westens, mit Hilfe der Kiewer Straße den verläßlichen Rußlandfreund Janukowitsch verdränge, könne das Pulverfaß sofort explodieren.
Erst in der vergangenen Woche habe ein Stadtverordneter namens Chochlow verlangt, in diesem Fall das russische Mutterland, wie der Bürgermeister sagt, zu Hilfe zu rufen. Und genau das sei die Stimmung der Bürger. Jeder hier habe das Baltikum mit seiner verhängnisvollen Europabegeisterung vor Augen: Rein in die EU - und Russen raus, so sei das dort bekanntlich gegangen. Wenn jetzt die Europäer in Kiew die Macht an sich rissen, werde Sewastopol gewiß nicht ruhig bleiben. Dann, schließt das Stadtoberhaupt und blickt drohend auf seine verglimmende Zigarette, dann gibt es bei uns die Revolte.
Von der Menge draußen tönen die Megaphone herein. Rußland und Weißrußland, das sind unsere Brüder! trompetet eine Frauenstimme. "Die Faschisten in Kiew werden uns nicht trennen! Mit Janukowitsch zur Einheit aller slawischen Völker!
Am Morgen darauf geht es zurück, selber Zug, selber Wagen. Vor den rußschwarzen Fenstern ziehen längst wieder die Plattenviertel der Hauptstadt der Ukraine vorbei. Bis spät haben die Männer in den Abteilen gesessen, bei Wodka, Bier und Disputen, Blau gegen Orange, Ost gegen West. Die trinken ja wie zu Sowjetzeiten, sagt die Schaffnerin.
Jetzt läuft der Zug in den Bahnhof ein, und schon an den Gleisen spülen die Wogen der Euphorie jeden Zweifel weg: Die multiethnische Millionenstadt Kiew ist auch an diesem Samstag wieder auf den Beinen. Der eisige Sonnenschein der Heldenstadt Sewastopol mit ihren ethnischen Verdrängungsängsten ist vergessen. Das Parlament debattiert über einen Ausweg aus der Krise, am Unabhängigkeitsplatz stehen wie jeden Tag Zehntausende, das Zeltdorf am Chreschtschatik ist schon wieder ein Stück gewachsen.
Alles ruft, alles gestikuliert. Russisch, Ukrainisch, die Sprachen mischen sich bunt durcheinander. Eines aber ist überall gleich: die Farbe Orange. Der heiße Winter vom Dnjepr ist noch nicht vorbei.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.11.2004, Nr. 48 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb
Kabinett verlängert Mandat für Afghanistan-![]()
Koalition: Verhandlungen zur Erbschaftsteuer vertagt
Ypsilanti: Auch Koalition mit Linkspartei möglich
ÜberKreuzWarum verweigert die katholische Kirche homosexuellen Paaren den Segen?
von Daniel Deckers, 30.09.2008 16:20