Julija Timoschenko

Kämpferin mit Löwenherz

Von Michael Ludwig, Kiew

30. November 2004 Wenn sie auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, dem „Majdan“, auf die Bühne tritt, dann jauchzt die Masse: „Julija, Julija.“ Gemeint ist Julija Wladimirowna Timoschenko, die in diesen Tagen 44 Jahre alt geworden ist, das kleine Persönchen mit dem Zopf, den sie seit einiger Zeit oft bei öffentlichen Anlässen malerisch um den Kopf gelegt trägt, wie eine fromme ukrainische Bäuerin.

Aber diese Frau hat ein Löwenherz. Das hat sie in den politischen Kämpfen an der Seite von Viktor Juschtschenko bewiesen. Und sie war wenigstens einmal sagenhaft reich, eines von den „Golden Kids“, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Eilzugtempo Geld verdienten. Ort der Handlung war Dnepropetrowsk im Süden der Ukraine, die Stadt, die schon unter Breschnew Kaderschmiede für höhere Aufgaben war. Das Geld stammte aus Geschäften mit russischen Energieunternehmen.

Wilde und rechtlose Zeit

Frau Timoschenko hat selbst vor Jahren eingestanden, daß in dieser wilden und fast rechtlosen Zeit viele Regeln verletzt worden seien, auch von ihr, die Wirtschaftswissenschaften studiert hatte und Mitte der neunziger Jahre Präsidentin eines eigenen Unternehmens der Vereinigten Energiesysteme der Ukraine wurde.

Immer wenn sie der Staatsmacht später gefährlich wurde, drohte die Staatsanwaltschaft die Sache wiederaufzurollen - wie im Frühjahr 2001. Die Frau, die eigentlich eine Oligarchenkarriere vor sich hatte, machte als stellvertretende Ministerpräsidentin unter Wiktor Juschtschenko etwa ein Jahr lang Ernst und kehrte im Energiesektor mit dem eisernen Besen. Das war „Kastenverrat“, und das verzieh man ihr nicht, sie wurde entlassen und landete im Gefängnis.

Kutschma das Leben schwergemacht

Als sie nach einigen Monaten wieder heraus durfte, soll sie voller Wut einen Ziegelstein gegen ein Fenster des Gefängnisses geworfen haben. Sie hat seitdem Präsident Kutschma das Leben schwergemacht und nichts unversucht gelassen, das „System Kutschma“ auszuhebeln.

Die Tochter wurde sicherheitshalber nach London gebracht. Eines ihrer Motive in der Zeit als stellvertretende Ministerpräsidentin, hat sie immer wieder gesagt, sei gewesen, den Unternehmern zuverlässige Rahmenbedingungen zu verschaffen, weil selbst die Oligarchen es satt hätten, vom Staat - den sie freilich nach Herzenslust ausplünderten - erpreßt werden zu können. Es hat sich gezeigt, daß sie sich in diesem Punkt irrte. Die Oligarchen stellten sich auf die Seite des Systems und gegen Timoschenko und Juschtschenko, die Verrechtlichung wollen.

Eiserne Lady

In die politische Lehre war Julija Timoschenko bei Pawel Lasarenko gegangen. Der kam ebenfalls aus Dnepropetrowsk und war der aufsteigende Stern in der Ukraine Mitte der neunziger Jahre. Sie machte in dessen Partei „Hromada“ Karriere. Mit dessen wirtschaftlichen Machenschaften habe sie aber nichts zu tun gehabt, sagte sie später. Als Lasarenko ins Ausland floh, machte sie aus der „Hromada“ eine andere Partei, die Vaterlandspartei „Batkywschtschyna“. Die wurde als Mehrheitsbeschafferin für die Regierung Juschtschenko benötigt, und Timoschenko rückte ins Kabinett auf, bis zum Hinauswurf durch Kutschma.

Sie war damals die eiserne Lady der Regierung, und sie ist die eiserne Lady der „orangenfarbenen“ Bewegung für Demokratie in der Ukraine von heute, nach dem Wahlbetrug der Staatsmacht. Wenn Juschtschenko nachzugeben bereit schien, machte sie Druck, und die Massen folgten ihr, der kleinen Löwin aus Dnepropetrowsk.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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