Kongo

„Nie auf Dauerfeuer“

Von Thomas Scheen, Kinshasa

18. Juli 2006 Das mit der Waffe will einfach nicht klappen. Statt den Lauf geradeaus auf ein imaginäres Ziel zu halten, schwenkt die Polizistin die Uzi-Maschinenpistole zunächst in die Höhe, um das Magazin einzulegen. Sie fummelt und fingert, und dabei zeigt die Schnellfeuerwaffe in alle Richtungen - auf die Ausbilder, ihre Kollegen und jeden anderen, der gerade vorbeikommt. Es ist nicht zu übersehen, daß die Polizistin noch nie in ihrem Leben eine Waffe in der Hand gehalten hat und sich ausgesprochen unwohl fühlt. Patrick Rock beugt sich herüber. „Sie verstehen jetzt vermutlich, warum ich den Schwerpunkt der Ausbildung auf den Umgang mit dem Schlagstock lege“, sagt der Südfranzose ohne jede Spur von Ironie.

Rock ist Offizier der französischen Polizeieinheit CRS (Compagnie republicaine de securite) und gehört zu den 38 europäischen Polizeioffizieren, die im Auftrag der Europäischen Union seit gut einem Jahr versuchen, der kongolesischen Polizei das kleine Einmaleins des Bürgerschutzes beizubringen. Eupol, wie die Mission genannt wird, kümmert sich um die „Unite de police integre“ (Upi), eine von vier Polizeieinheiten in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa.

Das Besondere an der Upi ist, daß sie sich aus Mitgliedern der ehemaligen kongolesischen Kriegsparteien zusammensetzt. Die Upi war zum Schutz der Politiker der Übergangsregierung gegründet worden, und in ihr arbeiten ehemalige Rebellen aus Ostkongo, ehemalige Rebellen aus dem Norden, Maji-Maji-Milizionäre aus Katanga und Kabila-Treue aus Kinshasa. Man kann sagen, daß sich in der 1000 Frauen und Männer starken Upi die Idee des künftigen Kongo als eines geeinten Staats manifestiert. Das klingt fast schon nach Rechtsstaat, hat aber einen Schönheitsfehler: Keiner der mit Kriegswaffen ausgerüsteten Upi-Beamten hat je eine Ausbildung als Polizist genossen.

Viereinhalb Monate Training

Didier Champmartin erklärt die Funktionsweise der Uzi und die drei Positionen des Sicherungshebels: Gesichert, Einzelfeuer, Dauerfeuer. „Nie“, sagt der Elitepolizist des „Raid“, der französischen Variante der deutschen Sondereinsatzkommandos, „nie stellt ein Polizist seine Waffe auf Dauerfeuer.“ Die Kongolesen in den grünen Trainingsuniformen der deutschen Bereitschaftspolizei nicken andächtig. „Wir versuchen ihnen zu erklären, daß Schußwaffengebrauch die letzte Möglichkeit der Gefahrenabwehr ist und nicht die erste“, sagt Patrick Rock dazu. Das klingt banal, ist aber in einem Land, in dem staatliche Willkür mehr die Regel denn die Ausnahme ist, alles andere als selbstverständlich.

Superintendent Adilio Custodio, der portugiesische Chef der Eupol genannten EU-Mission, stapelt tief. „Die Upi ist weit davon entfernt, eine Polizeieinheit nach europäischem Zuschnitt zu sein“, sagt er. Immerhin werde sie nach Ende der Ausbildung Mitte Juli die „am besten trainierte Einheit Kongos sein“. Viereinhalb Monate Training werden die Polizisten dann absolviert haben, die Offiziere mit rund sechs Monaten ein bißchen mehr. Neben der Vermittlung des Handwerks sei es vor allem darum gegangen, den kongolesischen Sicherheitskräften die Achtung der Menschenrechte zu vermitteln, sagt Custidio - sowohl beim Umgang mit Zivilisten als auch beim Umgang mit den eigenen Untergebenen.

Doch den Offizieren sei ihre Arbeit nur schwer beizubringen, sagt Rock: ihnen zu erklären, daß Kräfte nicht einfach irgendwo abgeladen und sich selbst überlassen werden dürfen, sondern in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden müssen, um Übermüdung und damit Fehler zu vermeiden. Daß dafür Dienstpläne nötig sind und Personalmanagement. „Wir halten die Offiziere an, Besprechungen abzuhalten. Aber keiner stellt eine Frage“, erzählt Rock. Das sei der Reflex aus der alten Zeit. In Kongo wurde exekutiert, nicht diskutiert. Wer Fragen stellte, galt als Rebell.

Signalwirkung für ganz Kongo

Dabei ist die Arbeit Eupols das klassische Beispiel einer Entwicklungshilfe, die bitter nötig, aber nicht sonderlich „sexy“ ist. Nie zuvor hat sich die EU auf dem afrikanischen Kontinent derart intensiv um die Restrukturierung von Sicherheitsdiensten gekümmert, und kaum etwas ist der Bevölkerung verhaßter als die Uniformierten. Sie stehen für Willkür, Unheil und Rechtlosigkeit und sind ein maßgeblicher Grund dafür, daß viele Menschen in Kongo mit staatlicher Autorität nichts zu tun haben wollen. Der Überfall zweier Polizisten auf einen deutschen Journalisten vor knapp zwei Wochen zeigte das wieder einmal überdeutlich. Sicherheitskräfte sind durchweg unhöflich, anmaßend, und vom „Dienst am Bürger“ haben sie noch nie etwas gehört. Eigentlich sind sie die Pest. „Wenn die Upi-Einheit anschließend halbwegs diszipliniert und damit professionell ihrer Arbeit nachgeht, hat sich unsere Arbeit gelohnt“, glaubt Rock.

Darüber hinaus aber kann die Arbeit Eupols Signalwirkung für ganz Kongo haben. Besteht die neue Polizeieinheit ihre Feuerprobe bei der Sicherung der öffentlichen Ordnung im laufenden Wahlkampf, würde dies eine Schwächung der Armee bedeuten, die bislang für solche Aufgaben herangezogen wurde. Damit wäre der Weg frei zu einem Sicherheitsdienst, der nicht mehr von Soldaten, sondern von Polizisten wahrgenommen würde und folglich weniger martialisch daherkäme.

Nationen-Mix

Bis dahin aber muß erst die Hürde der Wahlen genommen werden, was schwer genug sein wird. Denn in Kinshasa gibt es Polizeieinheiten, die von Angolanern ausgebildet wurden, daneben Einheiten, die nach französischer Doktrin trainiert wurden, und wieder andere, denen südafrikanische Techniken vermittelt wurden. Eupol will versuchen, diese unterschiedlichen Polizeitaktiken bei den zu erwartenden Demonstrationen in Kinshasa zu koordinieren. Wie aber die frisch ausgebildeten kongolesischen Einheiten auf gewalttätige Demonstrationen reagieren werden, wagt niemand vorauszusagen. Der kongolesische Innenminister jedenfalls, ein Parteigänger des Präsidenten Joseph Kabila, ließ bislang alle Demonstrationen der Opposition verfassungswidrig im Keim ersticken und bediente sich dabei der frisch ausgebildeten Polizei-Sondereinheiten. Den Upi-Beamten haben die Europäer vorsichtshalber große Schriftzüge und Nummern auf Helme und Uniformen gemalt, damit sie im Falle von Übergriffen auf Zivilisten nicht nur von den anderen Einheiten unterschieden werden können, sondern auch individuell zu identifizieren sind.

Immerhin: Ihre kleine Generalprobe hat die Upi-Einheit bestanden. Als sie vor rund zehn Tagen zum erstenmal Straßenkontrollen machte, zeigten sich die Kinois schwer beeindruckt sowohl von dem martialisch anmutenden Auftreten der dunkelblau gekleideten Polizisten als auch von deren Höflichkeit. „Das war das erste Mal in meinem Leben, daß ein Polizist ,bitte' zu mir sagte“, staunte ein Autofahrer.



Text: F.A.Z., 18.07.2006, Nr. 164 / Seite 9
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

 
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