
Sieg im Fernsehkrieg: Der per Videokonferenz zugeschaltete Saakaschwili in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner"
30. August 2008 Wladimir Kotenjow ist wieder einmal aufgebracht. Die Russen sind böse Bären, die auf Panzern sitzen, in der einen Hand eine Kalaschnikow und in der anderen Hand eine Flasche Wodka. So malt Moskaus Botschafter das Bild seiner Landsleute, wie es ihm in Deutschlands Medien begegnet. Dass die hiesige Presse russophob gepolt sei, behauptet der Diplomat beharrlich, seit er vor vier Jahren nach Berlin gekommen ist. In dieser Woche aber ist Kotenjow während der Pressekonferenz in der Russischen Botschaft noch gereizter als sonst.
Denn sein Land ist drauf und dran, nach dem militärischen Sieg in Georgien den internationalen Informationskrieg zu verlieren. Während in Russland die Mehrheit der Meinung ist, dass ihr Staat militärisch nicht anders als geschehen reagieren konnte, sind viele im Westen überzeugt, dass Moskau der wahre Aggressor sei. Da gilt es gegenzuhalten. Die Propagandaschlacht tobt jeden Tag. Bisher ist Georgien Sieger nach Punkten.
Saakaschwili auf allen Kanälen
Das liegt auch an Micheil Saakaschwili. Der meist wie aufgezogen wirkende Schnellsprecher im Präsidentenamt hatte schon immer etwas übrig für schrille Medieninszenierungen. Als er im Herbst 2001 als Justizminister zurücktrat, hielt er Fotos der Nobelvillen, die sich die korrupten Mitglieder der damaligen Regierung von Eduard Schewardnadse gebaut haben sollen, in die Kamera. Die Georgier liebten ihn dafür. Die Liebe ist inzwischen erkaltet. Seine panischen Warnungen im Fernsehen vor einer Einnahme der Hauptstadt Tiflis und einer Besetzung des ganzen Landes haben das Vertrauen zu ihm nicht gerade gestärkt. Doch hat es Mischa trotz dieser Überdrehtheit geschafft, seine Version vom Krieg mit Russland über CNN und BBC in bestem Englisch in der Welt zu verbreiten. Auch in Bild und bei Maybrit Illner ist er in den vergangenen Tagen gelandet. Die Russen brauchten hingegen vier Tage, bis Regierungsvize Sergej Iwanow, der sein Englisch noch aus Agentenzeiten in Großbritannien beherrscht, auf BBC etwas dagegensetzte.
Hinzu kommt, dass die Sympathien von jeher bei David liegen, nicht bei Goliath. Besatzer sind unsympathisch, besonders wenn sie sich wie solche benehmen. Westliche Journalisten reisen lieber nach Tiflis, wo sie willkommen sind und junge, des Englischen mächtige Regierungsbeamte mit ihnen reden, als dass sie sich mit Sondererlaubnis im Tross des russischen Militärs nach Südossetien begeben. Und an den russischen Straßenposten in Georgien warten keine auskunftsbereiten Presseoffiziere, sondern Journalisten werden in der Regel von den Soldaten rüde abgewiesen.
Georgien geht klüger vor. Für die Journalisten hat die Agentur AspectConsulting im Marriot Hotel am Hauptboulevard von Tiflis ein Pressezentrum eingerichtet. Hier können sie etwa ihre E-Mail-Adressen und Handy-Nummern hinterlassen. Ab dann wird man mit Nachrichten geradezu bombardiert, berichtet ein Journalist.
Der Informationskrieg geht weiter
Geleitet wird das Zentrum in Tiflis von Patrick Worms. Der Deutsche, der in Frankreich, Belgien und England aufgewachsen ist, hatte in den neunziger Jahren für die EU-Kommission die ehemalige Sowjetunion, darunter auch Georgien, bereist. Als Saakaschwili nach der brutalen Niederschlagung von Demonstrationen der georgischen Opposition im vergangenen Herbst in Image-Schwierigkeiten geriet, heuerte er Worms und dessen Brüsseler Firma an. Heute arbeiten 50 Georgier für das Worms‘ Zentrum in Tiflis. Nein, den Informationskrieg habe Georgien noch nicht gewonnen, sagt der sehr selbstbewusste junge Mann. Immer noch steht in 70 Prozent der Artikel, Georgien habe den Krieg begonnen. Doch das ist nicht wahr, behauptet er.
Das Gegenstück zu Worms‘ Firma sitzt ebenfalls in Brüssel. GPLusEurope heißt die Agentur, die dort für den Kreml arbeitet. Sie ist eine Tochter von Ketchum, einer New Yorker Agentur. Ketchum erhielt 2006 den Auftrag von der Russischen Präsidialverwaltung, die G-8-Präsidentschaft Russlands medial zu betreuen und Kontakte zu westlichen Medien herzustellen. In Brüssel arbeiten mehr als 20 Leute für die Russen, weltweit mehr als 40. Die Russen verstehen, dass sie sich um die öffentliche Meinung im Westen kümmern müssen, sagt Tim Price von GPlusEurope. Doch was Öffentlichkeitsarbeit im Westen ausmacht, wissen in Moskaus Regierungsbürokratie in Wahrheit nur wenige.
In Kooperation mit der Brüsseler Agentur hat in Berlin die Agentur dimap-communications die Aufgabe übernommen, die russische Sicht der Dinge zu verbreiten. Das erweist sich als schwierig, weil der Auftraggeber nur Unzureichendes liefert. So verschickt die Agentur etwa Ausschnitte der Briefings des stellvertretenden Generalstabschefs Anatolij Nogowizyn auf Englisch, mit dem Hinweis, die Übersetzung sei nicht autorisiert. Bei weiterem Interesse solle man sich an die staatliche Agentur Ria Nowosti in Moskau wenden.
Pannen auf beiden Seiten
Informationspannen leistet sich aber auch die georgische Seite. Die Einnahme der Stadt Gori wurde schon vermeldet, als das noch nicht der Fall war, weil die Russen gemeinerweise noch einmal anhielten. Die gemeldeten Panzer vor Tiflis hat es nie gegeben. Schon zu Beginn des Krieges hat Georgien den Empfang russischer Fernsehanstalten abgeschaltet und russische Internet-Seiten gesperrt. Allein der um Objektivität bemühte russische Sender RTVi, der angeblich aus Mitteln ins Ausland geflohener Oligarchen finanziert wird, durfte weiter senden. Doch als er ein Interview mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow ausstrahlte, wurde auch er aus dem georgischen Äther verbannt.
Woher aber sollen verlässliche Informationen kommen? Selbst das Wirken scheinbar unparteiischer Nichtregierungsorganisationen ist problematisch. So hat Human Rights Watch am 21. August in Tiflis eine Pressekonferenz gemeinsam mit dem georgischen Innenministerium abgehalten. Dabei behauptete der Sprecher der Organisation, dass Russland Streubomben gegen Georgien eingesetzt habe. Die Fotos, die als Beweis präsentiert wurden, zeigten aber Panzergranaten und Handgranaten, berichtet der Korrespondent Peter Gysling vom Schweizer Radio DRS, der bei der Pressekonferenz dabei war.
Wladimir Kotenjow, der Botschafter, empfiehlt den deutschen Journalisten, statt CNN den englischsprachigen Sender Russia Today zu schauen. Den hat die russische Regierung vor drei Jahren eingerichtet, um im internationalen PR-Gefecht mithalten zu können. Die Qualität der Sendungen gilt als schwach. Dabei könnte Russland einige Fragen zu seinen Gunsten stellen. Hätte es zusehen sollen, als seine Truppen in Südossetien angegriffen wurden? Warum hat Georgien sich nicht zuvor zu einem Gewaltverzicht bereit erklärt? Botschafter Kotenjow aber sagt Sätze wie: Wenn Polen und Balten glauben, dass sie sich viel erlauben können, dann irren sie sich. Und fährt fort: Die Georgier haben einen Holocaust an einem kleinen Volk verübt. Sie hätten auch ein jüdisches Dorf in Südossetien beschossen. Moskaus Mann liefert noch eine Definition dessen, was er als Russophobie versteht. Wenn jemand sagt: Ich liebe Tschaikowski, ich liebe Kandinsky, aber ich liebe nicht den russischen Staat - das ist Russophobie. Da können auch die jungen Herren von dimap-communications nicht helfen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, dpa