Angela Merkel

„Daß ich eine Frau bin, ist ja nicht zu übersehen“

Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer bei den Festspielen in Bayreuth

Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer bei den Festspielen in Bayreuth

22. November 2005 Angela Merkel sei doch eigentlich gar keine Frau, sagte eine führende SPD-Politikerin kürzlich im kleinen Kreis. Begründung: Sie habe ja nie Frauenpolitik gemacht. So gesehen ist die CDU-Vorsitzende tatsächlich keine Frau. Sie hat einfach Politik gemacht. Dabei war sie immerhin Ministerin für Frauen und Jugend im Kabinett Kohl. Sie gab freimütig zu, daß die beiden Themen ihres Ressorts damals „nicht im Zentrum ihres Interesses“ gelegen hätten.

1993 rezensierte sie für „Emma“ das Buch „Die Männer schlagen zurück“ der Amerikanerin Susan Faludi, das sie während einer Reise in den Vereinigten Staaten gelesen hatte. „Da haben wir zwar die rechtliche Gleichberechtigung garantiert, eine nüchterne Analyse der Teilhabe von Frauen im öffentlichen Leben aber zeigt eher ein erschreckendes Bild.“ Eine ihrer Lehren aus dem Buch sei: „Wir Frauen müssen weitergehen auf dem Marsch durch die Institutionen und teilhaben an der öffentlichen Macht.“ Neue Leitbilder müßten her. Denn das habe sie in der DDR gelernt, so Angela Merkel: Wenn Frauen zusätzlich zu all den Arbeiten, die sie zu erledigen hätten, noch erwerbstätig seien oder öffentliche Ämter bekleideten, dann schwinde die Kraft, sich über die eigene Lebensgestaltung klarzuwerden. Das Buch zeige, so die damalige Frauenministerin, „daß Frauen sich selbst auf den Weg machen müssen, wenn sie etwas für sich erreichen wollen“.

„Mal über die wichtigen Themen reden“

Doch als Aktivistin der Frauen-Union konnte man sich Frau Merkel nicht recht vorstellen. Sie interessiert sich zwar durchaus für das Thema „Frauen und Macht“, aber daß sie sich auf einer Versammlung mit einem solchen Titel blicken ließ, kam selten vor. Im jüngsten Bundestagswahlkampf nahm sie etwa an einem Treffen eines Frauen-Unterstützernetzes teil. Dort sagte sie: „Wenn wir schon so ein Unterstützerinnentreffen machen, sollten wir uns nicht bloß freundlich in die Augen sehen, sondern mal über die wichtigen Themen reden.“ Sie meinte die Unterdrückung türkischer Frauen in Deutschland. Zu ihrem Geschlecht und seiner Bedeutung in der Politik beläßt sie es meist bei Sätzen wie: „Daß ich eine Frau bin, ist ja nicht zu übersehen.“

Auch ohne einen Weiblichkeitsbonus in Anspruch zu nehmen, hat sie es weit gebracht. Frau Merkel wird nicht nur die erste deutsche Regierungschefin, sie wird als erste Frau seit Margaret Thatcher eine große Industrienation führen. Irritationen darüber hielten sich in Grenzen. Dem Geschlecht des Kanzlerkandidaten wird offenbar keine wesentliche Bedeutung beigemessen. Ein Zeichen von Normalität, demokratischer Reife, Emanzipation?

„Mundwinkelhängeschild“

Oder war es nicht doch so, daß Angela Merkel - weil sie eine Frau ist - anders behandelt wurde? Das gilt vor allem für Äußerliches. Gewiß waren auch Fischers Figur und Kanzler Schröders Haare gelegentlich von veröffentlichtem Interesse. Aber wurde über sie je so geschrieben wie in der sich ansonsten gern frauenbewegt gebenden „Tageszeitung“ über die CDU-Vorsitzende? Merkel sei „Mundwinkelhängeschild“ der CDU, hieß es da im Januar 2001, „und auch sonst hängt an der transusigen Mecklenburgerin so einiges, was, rein wahlkampftaktisch, besser da nicht hinge: die strubbeligen Zippeln zum Beispiel, die ihr da, wo andere Menschen Frisuren haben, aus der Schädeldecke fransen“. Weiter hieß es: „Von der CDU bereits abgelehnt wurde der Vorschlag, Frau Merkels alten Kopf einfach ab- und ihr dafür einen neuen anzuschrauben.“

CDU-Mann Heiner Geißler sagte im Juli 2003 im Fernsehen: „Es ist mir völlig schleierhaft, wer ihr zu den Kleidern rät, die sie anzieht.“ Von Gabi Bauer wurde Frau Merkel gefragt, ob sie sich die Haare färbe. Sie antwortete, seit der Kanzler darüber streite, sei die Diskussion über ihre Frisur zurückgegangen. Schröder freilich war im Fernsehen nie danach gefragt worden, ob er sich die Haare färbe. Er war gegen die Behauptung vor Gericht gezogen, die eine Imageberaterin über eine Nachrichtenagentur verbreitet hatte.

Daß Frau Merkel mit solchen Äußerlichkeiten wenig anfangen kann, liegt wohl vor allem in ihrer DDR-Biographie begründet: Im Osten spielte das Geschlecht eben nicht diese hervorgehobene Rolle - bis in die Berufsbezeichnung hinein. Zwar hat das SED-Regime keine Frauenpolitik zum Zweck der Emanzipation betrieben - es brauchte Arbeitskräfte. Aber die Folge war doch eine gewisse Gleichheit, die sich, wenn nicht an der politischen Spitze, so doch in den technischen Berufen und auch in Führungspositionen zeigte.

Prägende Erfahrungen in der DDR

Angela Merkel spricht heute noch wie selbstverständlich davon, daß sie „Physiker“ sei. Ostdeutsche Frauen lernten erst nach der Wiedervereinigung, wie wichtig die weibliche Endung im Westen genommen wird. So gesehen, überlagert Angela Merkels Herkunft ihr Geschlecht. Doch auch ihre Herkunft hat sie kaum zum Thema gemacht. Sie sprach auf Nachfrage ausführlich über ihre prägenden Erfahrungen in der DDR. Aber sie führte im Westen wie im Osten im wesentlichen den gleichen Wahlkampf.

In Gesprächen hob sie mehrfach hervor, daß man in der DDR sehr schnell auffallen konnte. Im Westen dagegen müsse man sich sehr darum bemühen, sich von anderen zu unterscheiden. Da ihr früh beigebracht worden war, daß schon Kleinigkeiten schwerwiegende Konsequenzen haben konnten, sei sie beim Entscheiden zunächst vorsichtig - was ihr gerade in den Tagen der Regierungsbildung wiederum als Schwäche ausgelegt wurde.

Alice Schwarzer, die mit Merkel seit Anfang der neunziger Jahre Kontakt hält, sagte im Mai dieses Jahres der Schweizer Zeitung „Weltwoche“, Merkels größte Stärke sei, daß sie aus dem Osten komme („daß sie also nicht das Trommelfeuer des Weiblichkeitsterrors hinter sich hat und eine selbstbewußte Berufsfrau ist“). Zugleich sei ihre größte Schwäche, daß sie aus dem Osten komme: „daß sie also die Mechanismen der West-Machos nicht wie wir jahrzehntelang live studieren und unsere Siege über sie nicht mitfeiern konnte“. Dieser Wortwahl würde sich Kanzler Merkel wohl nicht anschließen.

Text: F.A.Z., 22.11.2005, Nr. 0 / Seite 3
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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