Atomstreit

Schurken, Helden und viel Nationalismus

Von Eckart Lohse

Atomforschung: Irans Präsident Ahmadineschad mal nicht in der Windjacke

Atomforschung: Irans Präsident Ahmadineschad mal nicht in der Windjacke

26. Februar 2006 Die Härte, mit der Teheran versucht, sein Atomprogramm durchzusetzen, ist nicht nur dem aggressiven Nationalismus des Präsidenten Ahmadineschad geschuldet, sondern hat auch etwas mit der Geschichte des modernen Irans zu tun. Denn das Land gründete seinen Unabhängigkeitskampf und die Entstehung seines nationalen Selbstbewußtseins in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf das Streben nach der souveränen Verfügung über das eigene Öl, über das vor allem die britischen Kolonialherren eine harte Hand hielten.

Seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatten die Briten Konzessionen zur Förderung des iranischen Öls und zum Bau von Pipelines. Sie beuteten die iranischen Vorkommen im wesentlichen für sich aus. Zunächst blieb der inneriranische Widerstand dagegen gering. Gleichwohl wurde mit wachsender Bedeutung des Erdöls klar: Wer Iran zu einem unabhängigen Land machen wollte, würde den Briten ihre Macht über die persischen Energievorkommen streitig machen müssen.

Die Ausbeutung der Bevölkerung verhindern

Der Mann, der in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts antrat, das zu tun, war Mohammad Mossadegh. Schon 1925 hatte er sich dagegen gewandt, daß Reza Schah persischer Herrscher wurde - erfolglos. Doch erst als dessen schwacher Nachfolger Mohammad Reza 1941 den Thron in Teheran bestieg, begann Mossadeghs Kampf um Öl und Unabhängigkeit.

Ein Jahr nach dem Amtsantritt des jungen Schahs gründete sich in Iran die erste politische Partei Tudeh (Massenpartei). Ihr Gründungsimpetus war das Ziel, die Ausbeutung der Bevölkerung zu verhindern. Doch wurde Tudeh noch nicht zum Herd des Widerstands gegen die Ausbeutung der Ölvorkommen durch die Anglo-Iranian Oil Company (AIOC). Der Streit spitzte sich erst 1947 zu, und zwar zwischen aufbegehrenden Abgeordneten, dem Schah und den Briten. Das Parlament in Teheran wollte Neuverhandlungen über die Ölkonzession der Briten. Zu dieser Zeit erzielte die Anglo-Iranian in einem Jahr einen Nachsteuergewinn von 40 Millionen britischen Pfund, damals etwa 112 Millionen amerikanische Dollar. Die Iraner sahen davon gerade einmal sieben Millionen Pfund. Von den miserablen Bedingungen, unter denen die einheimische Bevölkerung in der britisch dominierten Ölförderung in ihrem eigenen Land arbeiten mußten, ganz zu schweigen.

Eine nationale Bewegung entstand

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, daß eine nationale Bewegung entstand. Das auf Druck des Parlaments ausgehandelte "Zusatzabkommen" mit den Briten stieß auf breiten Widerstand unter den Abgeordneten und der Bevölkerung, es kam zu Aufständen. Die heftigsten Proteste fanden in Teheran statt. Ihr Anführer war Mossadegh. Der Schah manipulierte daraufhin die Parlamentswahl so, daß Mossadegh und eine Reihe anderer nationalistischer Kandidaten zu Wahlverlierern erklärt wurden. Mossadegh organisierte einen Protestmarsch zum Schah-Palast. Mit seinen Anhängern blieb er dort drei Tage und drei Nächte, bis der Schah eine Neuwahl bewilligte.

Im Jahr 1949 wurde die Nationale Front gegründet, eine Bewegung, die politische Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen zusammenbrachte, deren gemeinsames Ziel die Stärkung der Demokratie und die Einschränkung ausländischen Einflusses war. Als Vorsitzender wurde einstimmig Mossadegh gewählt; zu Beginn des Jahres 1950 gelangte er - der bei der erzwungenen Wahlwiederholung ins Parlament gekommen war - an die Spitze eines parlamentarischen Ausschusses, der sich offiziell mit den Details des Zusatzabkommens beschäftigen sollte.

Der Wunsch nach Verstaatlichung der Ölindustrie

Tatsächlich ging es Mossadegh und seinen Mitstreitern um etwas anderes. Manucher Farmanfarmaian, der als Direktor des iranischen Ölinstituts an vielen Ausschußsitzungen teilnahm, beschrieb es später so: "Mossadegh interessierte sich nicht die Spur für Dollars, Cents oder die Zahl der täglich zu fördernden Barrels. Für ihn war der Kern der Angelegenheit die nationale Souveränität."

Mossadegh, der zu dieser Zeit schon auf die Siebzig zuging, erreichte den Höhepunkt seiner politischen Kampfkraft. Er hielt hochemotionale, seine immer breiter werdende Anhängerschaft mitreißende Reden. 1951 überstürzten sich die Ereignisse. Der vom Schah erst im Jahr zuvor eingesetzte Ministerpräsident Ali Razmara, ein General, der sich immerhin für Zugeständnisse der AIOC stark machte, fiel dem Anschlag einer islamistischen Terrorgruppe zum Opfer. Zusammengehalten wurde die facettenreiche Nationale Front zu diesem Zeitpunkt im wesentlichen vom Widerstand gegen das Schah-Regime und von dem Wunsch nach Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie. Einen Tag nach der Ermordung Razmaras beschloß der von Mossadegh geführte Parlamentsausschuß einstimmig die Verstaatlichung der persischen Ölindustrie. Und sosehr sich die Briten, die das herannahende Ende der Kolonialzeit nicht wahrhaben wollten, auch wehrten: Wenig später wurde Mossadegh Ministerpräsident.

„Operation Ajax“ - Das CIA plant früh

Seine Amtszeit sollte eine sehr kurze und bewegte sein. London wollte seinen Sturz. Washington, das erst allmählich eine Iran-Politik entwickelte, war zunächst skeptisch. Vor allem Präsident Harry S. Truman hatte sogar gewisse Sympathien für die nationale Bewegung in Iran. Als am 20. Januar 1953 Dwight D. Eisenhower als neuer Präsident ins Weiße Haus einzog, rückte Mossadeghs politisches Ende näher. Eisenhower, getrieben von der Angst, ein souveräner, aber instabiler Iran könnte schnell dem Kommunismus anheim und unter russischen Einfluß fallen, unterstützte die Briten. Iran wurde zu einem der ersten Großschauplätze des Kalten Krieges.

Die CIA begann schon bald mit Vorbereitungen für den Sturz Mossadeghs. Schlüsselfigur der "Operation Ajax", die der amerikanische Journalist Stephen Kinzer in dem Buch "All the Shah's Men" lebendig beschreibt, wurde Kermit Roosevelt, ein Enkel des einstigen Präsidenten. Das Unternehmen entpuppte sich zwar als schwierig, gelang aber doch im August 1953. Von den Amerikanern bezahlte Provokateure begannen eine sich rasch ausweitende Anti-Schah-Demonstration. So sollte der Eindruck entstehen, ein kommunistischer Umsturz stehe bevor. Am 19. August wurde über Radio Teheran der Sturz Mohammad Mossadeghs verkündet.

Der Schah, kurz vor dem Sturz Mossadeghs geflohen, kehrte aus dem römischen Exil zurück, Mossadegh kam erst ins Gefängnis, dann - bis zu seinem Tod 1967 - unter Hausarrest. Obwohl er viele seiner Versprechen gegenüber der Bevölkerung nicht einhalten konnte, blieb er lange ein Idol in der iranischen Bevölkerung. Die "New York Times" schrieb im Rückblick auf die Ereignisse jener Jahre: Er wurde zum Gefangenen seines eigenen Nationalismus, dem es nicht gelang, in der Ölfrage einen Kompromiß zu erzielen. Doch er wurde zur Ikone des Antiimperialismus.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.02.2006, Nr. 8 / Seite 8
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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