Moscheebau

Die Angst vor dem Nachbarn

Von Lisa Nienhaus

Ein langer schmaler Schlauch: So sieht die Moschee der Ditib in Ehrenfeld heute aus

Ein langer schmaler Schlauch: So sieht die Moschee der Ditib in Ehrenfeld heute aus

03. Juli 2007 Karin Feuerstein-Praßer wohnt nur einen Steinwurf von dem Platz entfernt, an dem die große Kölner Moschee entstehen soll. Beinahe jeden Tag betritt sie die Venloer Straße, das pulsierende Herz des Stadtteils Ehrenfeld, und passiert das langgezogene flache ehemalige Fabrikgebäude, das der Moschee weichen soll. Hier hat die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ihren Sitz und auch seit mehr als zwanzig Jahren eine Hinterhofmoschee.

Der Verein, der der türkischen Religionsbehörde Diyanet nahesteht, will heraus aus dem halbverfallenen Kastenbau und will sich zeigen: mit einem repräsentativen Gotteshaus für mehr als zweitausend Gläubige. Mit zwei 55 Meter hohen Minaretten, die höher werden sollen als der Turm der evangelischen Kirche in Ehrenfeld und knapp niedriger als der Turm von Sankt Joseph, der katholischen Pfarrkirche. Mit einer Kuppel, die durch die Darstellung als Erdkugel Weltoffenheit symbolisieren soll. Die meisten Kölner Politiker unterstützen das Vorhaben. Sie haben sogar den Moschee-Entwurf des katholischen Kirchenbaumeisters Paul Böhm mit ausgewählt. Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) hat noch in den letzten Tagen einen zügigen Abschluss des Genehmigungsverfahrens gefordert, um das Thema aus dem Kommunalwahlkampf 2009 heraushalten zu können.

Angst vor Veränderung des Stadtteils

Zwei 55 Meter hohe Minarette und eine offene Kuppel: So sieht der Entwurf für die neue Moschee aus

Zwei 55 Meter hohe Minarette und eine offene Kuppel: So sieht der Entwurf für die neue Moschee aus

„Jeder soll sein Gotteshaus bauen dürfen“, sagt Karin Feuerstein-Praßer. Doch sie fürchtet, dass die Moschee ihren Stadtteil verändert. „Wir haben Angst, dass das Viertel umkippt, dass es eine Keupstraße wird.“ Die Keupstraße liegt in Köln-Mülheim und ist stark türkisch dominiert. Karin Feuerstein-Praßer beobachtet schon seit Jahren, dass sich auch in Ehrenfeld rund um die Moschee immer mehr türkische Geschäfte ansiedeln. Feuerstein-Praßer spricht aus, was viele nicht zu sagen wagen: Sie hat Angst, verdrängt zu werden aus Köln-Ehrenfeld, dem Stadtteil, der doch als so vorbildlich gilt, wenn es darum geht, dass Menschen verschiedener Religionen und Staatsangehörigkeiten miteinander auskommen.

Noch ist in Ehrenfeld alles bunt gemischt. Hier reiht sich die Dönerbude an das italienische Eiscafé, der Biosupermarkt an den internationalen Telefonladen, der Druckerpatronenauffülldienst an die urkölsche Gaststube „Haus Scholzen“. Im „Bem“-Supermarkt sprechen die Kassierer besser Türkisch als Deutsch, in der Eckkneipe besser Kölsch als Hochdeutsch. Auf der Venloer Straße eröffnen türkische Cafés, in den Seitenstraßen Kneipen, in denen trendbewusste Sportstudenten an ihrer Bionade nippen.

Schockiert über Ängste der Nachbarn

Hatice Coban ist eine Ehrenfelderin mit Kopftuch. Wenn sie von der Venloer Straße mit ihren Einkäufen nach Hause läuft, wird sie demnächst nicht nur die Kirchtürme sehen können, den Fernsehturm und weit in der Ferne den Dom, sondern davor die Minarette und die Kuppel der Ditib-Moschee. Hatice Coban findet das gut. „Ich verstehe die Aufregung nicht“, sagt sie und ihre Stimme verfällt in ein kurzes Kieksen. „Ich finde es schön, wenn mal jeder in Köln sehen kann, wie eine Moschee aussieht.“ Sie geht selten selbst hin, obwohl sie ihren Mann einst bei einer Moscheeeröffnung kennengelernt hat. Als Kind musste sie jeden Samstag und Sonntag dorthin, „das war für mich ein Horror“.

Bei der Ditib ist sie vielleicht zweimal gewesen, seit sie 2000 nach Köln gezogen ist, erzählt sie. Trotzdem ist ihr seltsam zumute geworden, als vor zwei Jahren auf einmal Flugblätter, auf denen die rechtspopulistische Partei „Pro Köln“ gegen den Neubau polemisierte, in ihrem Briefkasten gelegen hätten. „Ich war schockiert über die Ängste, die da geschürt werden. Wir sind ja nicht erst seit gestern in Deutschland.“ Coban ist in Deutschland geboren, in Heilbronn und Stuttgart aufgewachsen. „Wenn die Moschee in einem hässlichen Bürogebäude ist, ist es o.k. Aber sehen darf man uns nicht?“

Klare Fronten

Die Fronten sind klar an der Venloer Straße, doch sie verlaufen nicht zwischen Islamisten und Rechtsextremen, auch wenn solche Gruppierungen versuchen, die Diskussion an sich zu reißen. In Wirklichkeit geht es um die Konflikte zwischen Menschen wie Karin Feuerstein-Praßer und Hatice Coban, zwischen Zugezogenen und Eingewanderten, zwischen Urkölschen und Neukölnern, und vor allem geht es um Integration. Es werden Fragen gestellt, die durch den Moscheebau wieder in die Diskussion kommen: Ist die Integration gelungen, wenn in der Ditib-Moschee immer noch Türkisch gesprochen wird und nicht Deutsch? Ist das Frauenbild, das in einigen Moscheen vermittelt wird, akzeptabel? Fördert es die Parallelgesellschaft, wenn eine Moschee neben dem Gebetshaus Räume besitzt, in denen Geschäfte angesiedelt werden?

Köln-Ehrenfeld ist ein bunt gemischter Stadtteil

Köln-Ehrenfeld ist ein bunt gemischter Stadtteil

Ehrenfeld ist längst bei dem angekommen, was in der demographischen Debatte für das ganze Land prophezeit wird. Bei weniger als neun Prozent liegt die Ausländerquote in Deutschland, in Ehrenfeld bei 23,9 Prozent. Fast 35 Prozent der Ehrenfelder fasst die Kölner Statistik als „Menschen mit Migrationshintergrund“, wozu neben den Ausländern unter anderen auch Eingebürgerte und Aussiedler zählen. Bei den Jugendlichen unter achtzehn Jahren sind die Migranten sogar schon in der Mehrzahl. Ihr Anteil beträgt achtundfünfzig Prozent. „Irgendwann wird die Hälfte der Ehrenfelder Menschen mit Migrationshintergrund sein“, sagt der Bezirksbürgermeister, „die können wir nicht einfach wegignorieren.“

Zentrum der muslimischen Verbände

Der Stadtteil ist nicht nur das Zentrum für die Kölner Muslime, sondern auch das Zentrum ihrer Verbände von ganz Deutschland. Würde man auf dem Stadtplan den Zirkel ansetzen und um die Ditib einen Kreis mit einem Radius von zwei Kilometern ziehen, wären die Zentralen der vier wichtigsten Verbände in Deutschland enthalten: Neben der Ditib sind das der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), der Islamrat und der Zentralrat der Muslime (ZMD). In Neuehrenfeld gibt es ein großes Zentrum für muslimische Frauen und im Bezirk Ehrenfeld - je nachdem, wen man fragt - zwischen drei und sechs Moscheen.

„Wenig segregiert und sehr gemischt“ - zu diesem Urteil kommt Wolf-Dietrich Bukow über den Stadtteil. Sieben Jahre lang hat der Ethnologe von der Universität Köln über Ehrenfeld geforscht und die dortige Integration für gelungen befunden. Der Streit über die Moschee hat ihn überrascht. „Woher kommt die Angst?“ Man kenne sich doch eigentlich. Mittlerweile hat er zwei Erklärungen gefunden. Die eine beruht auf dem, was er die „politische Großwetterlage“ nennt. Sie schüre eine Angst vor der Religion, die wenig mit dem Islam zu tun habe, der bei der Ditib praktiziert werde. „Das ist ein Zeichen von Globalisierung. Wir machen uns heute zu Hause Sorgen, wenn am anderen Ende der Welt etwas Schreckliches passiert.“ Bukows zweite Erklärung beruht auf einer falschen Zuwanderungspolitik in der Vergangenheit: „Man hat unterschichtet. Hätte man nicht nur Arbeiter, sondern auch Akademiker aus der Türkei einwandern lassen, hätten wir das Problem heute nicht.“ Immer wenn sich Migration mit einer bestimmten Gesellschaftsschicht verbinde, werde es schwierig, denn dann greife die alte Schichtenlogik: „Den Migranten wird nur die Rolle der kleinen Leute zuerkannt, der Aufstieg wird ihnen verwehrt.“ Der Bau eines Gotteshauses, der für das (Klein-)Bürgertum stehe, passe deshalb nicht ins Bild.

Abschottung auf beiden Seiten

Bei dieser Argumentation übersieht Bukow, dass es Abschottung und Vorurteile auf beiden Seiten gibt. Die SPD-Politikerin und gläubige Muslimin Lale Akgün belässt es nicht dabei, die Schuld für die Angst vor der Moschee nur auf deutscher Seite zu suchen. Akgün spricht einerseits auch von einer falschen Politik gegenüber den Zuwanderern: „Lange hat man die Menschen aus der Türkei als Gäste bezeichnet. Als Gäste, die irgendwann wieder nach Hause gehen.“ Damit habe man sich selbst etwas vorgemacht, und gerade deshalb befremde ein Moscheebau. Er zeigt: „Wir bleiben hier.“

Akgün schaut aber auch auf die andere Seite, auf die Ditib, der sie ein „Transitionsproblem“ zuschreibt. Was dort nur langsam vorangeht, ist der Übergang von einer Gastarbeiterorganisation zu einer für Türken, die dauerhaft in Deutschland leben. Die Ditib wurde einst gegründet als Anlaufstelle für die erste Generation türkischer Einwanderer, die den Kontakt zur Heimat wahren wollten. Ihre Aufgabe bestand in religiöser Dienstleistung für Gastarbeiter, die irgendwann zurück in die Türkei gehen sollten oder wollten. So war die Ditib von Anfang an als Provisorium gedacht, und Türkisch ist dort bis heute Umgangssprache, obwohl die dritte Generation bloß noch Urlaub in der Heimat ihrer Vorfahren macht und deutlich besser Deutsch spricht als Türkisch. Viele dieser Deutschtürken fühlen sich von den Verbänden nicht mehr vertreten. „Die Dachorganisationen der Muslime sind männerdominiert und stehen für eine sehr konservative Auslegung des Islam“, sagt Akgün. „Sie dürfen nicht die Definitionsmacht bekommen.“ Der normale Muslim sei viel aufgeklärter.

Ditib versucht die Modernisierung

Die Ditib versucht sich seit kurzem an der eigenen Modernisierung, die auch deshalb schwerfällt, weil sie mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden ist. Imame stammen in der Regel aus der Türkei und predigen auf Türkisch. Dazu passt, dass die Ditib erste Informationen zur Ehrenfelder Moschee und ihre Spendenaufrufe lediglich auf Türkisch verfasst hat. Jahrelang erhielten die Anwohner Postwurfsendungen von „Pro Köln“, die gegen die Moschee polemisierten. Von der Ditib kam keine Gegeninitiative. „Wir haben noch keinen deutschen Islam, leider“, sagt Lale Akgün.

Immerhin gibt es seit April die erste Frau im Ditib-Vorstand. Ayten Kiliçarslan trägt ein blaues Kopftuch, das ihr ernstes Gesicht betont, und sie runzelt angestrengt die Stirn, wenn sie von ihren Plänen erzählt. „Die Gesellschaft ändert sich und wir müssen uns mitentwickeln“, sagt sie. „Wir dürfen uns nicht konservieren.“ Die meisten Männer in der Ditib seien Einwanderer der ersten Generation, „normale Arbeiterklasse“. Von ihnen höre man: „Die Moschee steht allen offen, das wissen die Nachbarn doch. Es ist nicht notwendig, darüber noch mehr zu informieren.“ Kiliçarslan sagt: „Wir kommen aus einer verbalen Kultur, leben aber in einer schriftlichen. Wir müssen also auch lernen, mehr zu verschriftlichen.“ Jetzt hat die Ditib eigene Informationsblätter für Anwohner entworfen, vor kurzem versuchte sie es mit einem Informationsstand, und nun denkt sie sogar darüber nach, einen festen Informationscontainer aufzustellen.

Bewegung in Ehrenfeld

Die Dinge geraten in Bewegung im muslimischen Ehrenfeld. Es ist Zeit, dass der Stadtteil nicht mehr nur über das Ob des Moscheebaus, sondern auch über das Wie diskutiert. „Man sollte offen darüber reden können, was man an er Moschee anders haben möchte“, sagt Lale Akgün. Müssen dort Läden und Praxen ihren Platz finden? Wie viele Parkplätze sind notwendig? Sollte nicht auch auf Deutsch gepredigt werden? Eckpunkte für eine Vereinbarung mit dem Bauherrn hat jetzt der Vorstand der Kölner CDU in einem Antrag für den Mitgliederparteitag am 14. August formuliert. Die CDU bekräftigt, dass sie in der Ditib den richtigen Partner zur Bekämpfung des muslimischen Extremismus sieht, verlangt aber vom Träger der Moschee eindeutige Zeichen des Integrationswillens wie die Zustimmung zum gemeinsamen Schwimmunterricht von Mädchen und Jungen.

Text: F.A.Z., 03.07.2007, Nr. 151 / Seite 37
Bildmaterial: Edgar Schoepal, Wolfgang Eilmes

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