Von Souad Mekhennet
13. Januar 2005 Die Geschichte, die Khaled el Masris Leben von Grund auf verändern sollte, begann am 31. Dezember 2003. Masri saß in einem Reisebus von Ulm nach Skopje. Ich hatte damals etwas Streit mit meiner Frau, und wir dachten beide, es wäre gut, wenn ich für einige Tage verreise, sagt Masri. Der Bus erreichte die serbisch-mazedonische Grenze. Seine Papiere seien lange von den Grenzbeamten angeschaut worden. Fragen folgten, ein Mitfahrer übersetzte: Wohin fahren Sie? Bei wem übernachten Sie? Was wollen Sie in Skopje tun?
Masri sagte, er wolle sich in Skopje ein Hotel suchen. Der Bus durfte weiterfahren. Doch nach einigen Kilometern bemerkte Masri, daß sein Paß nicht bei ihm war. Ich fragte den Busfahrer, wo mein Paß sei, und er sagte, daß er wahrscheinlich noch an der Grenze sei. Der Bus kehrte um, und diesmal sagten die Beamten, daß Masri aussteigen solle. Der Bus fuhr ohne ihn weiter.
Er schrie mich an: ,Stopp'
In Zivil gekleidete Männer brachten ihn in einen kleinen Raum und fragten ihn aus. Sie wollten wissen, ob ich Verbindungen zu Al Qaida hätte oder ob ich bei islamischen Hilfsorganisationen mitarbeiten würde, sagt Masri. Er antwortete auf jede Frage immer wieder mit Nein. Doch man glaubte ihm nicht. Nach mehreren Stunden, mitten in der Nacht, brachten ihn die Männer in ein Hotel.
Dort sei er für 23 Tage festgehalten worden. Sie sagten mir, daß ich nicht verhaftet sei. ,Oder siehst du irgendwo Handschellen?' Wiederholt bat Masri darum, mit jemandem von der deutschen Botschaft sprechen zu dürfen. Er habe versucht zu entkommen. Einer der Männer habe daraufhin seine Pistole gezogen. Er schrie mich an: ,Stopp'.
Schwarz vermummte Menschen
Tage später kam ein Mann, der Masri wie ein Vorgesetzter der Männer erschien. Der machte ihm einen Vorschlag. Wir machen es uns allen einfacher, wenn wir diesen Deal machen. Du unterschreibst, daß du ein Mitglied bei Al Qaida bist, und wir schicken dich mit einem Flugzeug nach Deutschland zurück. Masri lehnte ab. Zwei Tage später kam der Mann zurück. Er behauptete, Masri sei in Wahrheit Ägypter und in einem Trainingslager der Al Qaida in Pakistan gewesen.
Er sei aus dem Hotel geführt worden. Die Augen wurden ihm verbunden. Sie fuhren mich zum Flughafen. Man brachte ihn in einen Raum, und von mehreren Seiten sei er festgehalten und geschlagen worden. Meine Kleider wurden mit Scheren und Messern aufgeschnitten und ausgezogen, sagt Masri, und sein Gesicht versteinert. Ich habe mich gewehrt, so gut ich konnte, doch es waren zu viele. Ich hörte das Geräusch von einem Fotoapparat. Als er nackt gewesen sei, habe man ihm die Augenbinde abgenommen, und er habe mehrere Menschen gesehen, die von oben bis unten schwarz vermummt gewesen seien. Sie zogen ihm eine Art blauen Overall an, verbanden ihm seine Hände und befestigten sie an seinem Gürtel.
Du bist an einem Ort, wo es keine Gesetze gibt
Im Flugzeug spritzte ihm jemand etwas in seinen Arm, und Masri wurde müde. Als er langsam wieder aufwachte, war das Flugzeug gelandet. Nach einer kurzen Fahrt mit dem Auto brachte man ihn in eine kleine Zelle. Alles war dort schmutzig, auf dem Boden war eine Decke zum Schlafen, sie war schmutzig, und das Wasser zum Trinken war schmutzig und stank wie aus einem Fisch-Aquarium. Auf den Wänden hatten ehemalige Gefangene etwas aufgeschrieben. Dort waren Namen mit Datum und teilweise Telefonnummern geschrieben, sagt er. Er war in Afghanistan.
Mitgefangene sagten ihm, er sei in Kabul. Am ersten Abend in Afghanistan sei ein Mann, der eine schwarze Maske trug, in die Zelle gekommen und habe ihm Blut abgenommen. Ich glaube, er war Amerikaner, weil er sehr gut Englisch sprach. Am nächsten Morgen fand das erste Verhör im Gefängnis statt. Die Männer seien wieder maskiert gewesen.
Einer von ihnen sprach Arabisch mit einem libanesischen Akzent und schrie ihn an: Er sagte: ,Weißt du, wo du hier bist? Du bist an einem Ort, wo es keine Gesetze gibt. Niemand weiß, daß du hier bist, hast du das verstanden?' Auf dem Tisch vor sich habe der Mann eine Mappe mit mehreren Dokumenten liegen gehabt und ihm gesagt, daß sie alles über ihn wüßten. Auch daß er mit Mohammed Atta und Ramzi Binalshib Kontakt gehabt habe. Sie beschuldigten ihn, ein hohes Mitglied der Al Qaida gewesen zu sein.
Sie lachten über seine Geschichte
Im März begann Masri mit einem Hungerstreik. Als er so schwach war, daß er kaum noch stehen konnte, hielten ihn zwei Männer fest, und der Arzt führte ihm durch seine Nase einen Schlauch in den Magen, und er bekam einen Beutel mit Flüssigkeit in den Magen. Masri beendete seinen Hungerstreik. Wieder vergingen Wochen. Bis eines Tages ein Mann im Gefängnis auftauchte, von dem Masri glaubt, daß es ein Deutscher war. Er sagte mir, daß er Sam heißt, und er sprach perfekt Deutsch. Auch er stellte ihm wieder Fragen: Ob er Atta oder Binalshibh kenne, welche Verbindungen er zu ihnen oder anderen gehabt habe. Wieder verneinte er alles.
Jener Sam war es, der Masri wieder in ein Flugzeug begleitete. Nach der Landung wurde er in einen Bus gebracht, die Fahrt dauerte sechs bis sieben Stunden, seine Augen seien verbunden gewesen. Als der Bus hielt, nahmen sie ihm die Augenbinde ab, und einer befahl ihm loszulaufen. Hinter einem Hügel gelangte er an eine Grenzstation, wo drei Männer in Uniform standen. Ich fragte sie, wo wir hier sind, und der Mann antwortete, in Nord-Albanian, in der Nähe der mazedonischen Grenze. Masri erzählte seine Geschichte. Die Männer lachten ihn aus. Doch er bekam seinen Paß zurück, und vom nächstgelegenen Flughafen durfte er nach Deutschland fliegen. In seinem Reisepaß befindet sich ein albanischer Stempel vom 29. Mai 2004.
Viele nachprüfbare Details
Der Leitende Staatsanwalt in München, Martin Hofmann, sagt: Es ist sehr unwahrscheinlich, daß sich jemand so eine Geschichte ausdenken kann. Masri habe bei den Verhören sehr viele Details und Einzelheiten genannt, die nachprüfbar seien. Einer der leitenden Polizeibeamten in diesem Fall sagt, Masri sei zweimal über einen längeren Zeitpunkt befragt worden, und nie habe er seine Schilderung verändert.
Außerdem hätten erste Ergebnisse der Ermittlungen gezeigt, daß Masri an der Grenze tatsächlich aus dem Bus aussteigen mußte. Bei seinen restlichen Äußerungen sind die Behörden noch nicht weitergekommen. Wir haben auf dem polizeilichen Weg verschiedene Behörden in mehreren Ländern angeschrieben, aber noch keine Antworten bekommen, sagt Martin Hofmann.
Eine Verwechslung?
Masri sagt, während der Zeit in dem Gefängnis in Afghanistan seien ihm viele Frage über Personen aus Neu-Ulm und dem dortigen Multikulturhaus gestellt worden. Dort waren in der Vergangenheit mehrere Personen aufgetaucht, die nach Meinung deutscher und ausländischer Sicherheitsbehörden Kontakte zu Al Qaida hatten. Masri hatte dort öfters gebetet, es ist die einzige arabische Moschee in dieser Umgebung, sagt er.
Im Multikulturhaus hatte er auch Reda Seyam kennengelernt. Gegen den Deutschen ägyptischer Abstammung wird wegen einer möglichen Mitgliedschaft bei Al Qaida ermittelt. Ich habe Seyam geholfen, hier in der Umgebung eine Wohnung zu finden, und ihm ein Auto geliehen, das auf den Namen meiner Frau angemeldet war, sagt Masri, doch von möglichen Verbindungen zu Al Qaida habe er nichts gewußt.
Deutsche Sicherheitskreise bestätigen auch, daß gegen Masri nicht wegen eines möglichen terroristischen Hintergrundes ermittelt worden sei. Doch sein Name taucht in einer leicht abgewandelten Version im 9/11-Report auf. Denn Khaled al Masri zählt zu einem der meistgesuchten Männer der Welt. Er soll den Attentätern des 11. September den Weg nach Afghanistan geebnet haben. Masris Anwalt hält es für möglich, daß sein Mandant verwechselt wurde.
Keine Antwort vom FBI
Dies ist wirklich ein außergewöhnlicher Fall, sagt Staatsanwalt Hofmann, die politische Dimension ist natürlich gewaltig. Doch nach deutschem Recht könne in Entführungsfällen nur gegen eine Person ermittelt werden und nicht gegen einen Staat, deswegen laufen die Ermittlungen auch gegen Unbekannt.
Masri macht die Vereinigten Staaten verantwortlich. Deswegen hat das BKA über Verbindungsbeamte eine Anfrage zu dem Fall el Masri an das FBI gestellt. Doch eine Antwort gibt es bis heute nicht. Auch aus Mazedonien gibt es bisher noch keine Antwort auf die Anfrage des Staatsanwalts. Der Sprecher des mazedonischen Innenministeriums, Golan Pavlovski, sagt, er habe keine Informationen über den Fall von Khaled el Masri.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2005, Nr. 10 / Seite 5
Bildmaterial: Dieter Mayr, AP
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