Von Leo Wieland, Madrid
11. März 2004 Nach dem amerikanischen 11. September hat sich nun der spanische 11. März in die Annalen der terroristischen Scheußlichkeiten eingetragen. Madrid, eine europäische Hauptstadt besonderer Lebensfreude, wurde zum Schauplatz von Mord, Verstümmelung, Schrecken und Leid. Obwohl Al Qaida - zunächst nur von dem Sprecher einer verbotenen radikalen Baskenpartei - für den gleichzeitigen vierfachen Anschlag auf drei Bahnhöfen ins Gespräch gebracht wurde, äußerten die übrigen spanischen Politiker keinen Zweifel daran, daß die Terrororganisation Eta Urheberin dieses Massakers sei.
Dafür sprach, daß deren Kommandos in den vergangenen Monaten mehrfach versuchten, noch vor den Wahlen am Sonntag ein Exempel zu statuieren. Mit Dynamit in den Rucksäcken wurden die zumeist jugendlichen "Nachwuchsterroristen" noch rechtzeitig gefaßt. Diesmal aber gehen auf das Schuldkonto eines verheerenden "Lebenszeichens" dieser geschwächten, jedoch von Fanatikern, Helfern und lokalen Sympathisanten unterstützten Organisation mehr als 180 Tote und mehr als siebenhundert Verletzte. Drei Tage Staatstrauer beginnen an diesem Freitag mit Kundgebungen gegen den Terrorismus in allen Städten Spaniens. Der Wahlkampf, in dem es unter anderem um die Einheit des Landes und um die separatistischen Anfechtungen an den Rändern ging, wurde abgebrochen. Aber der letzte Tag der Staatstrauer, so wollten es alle Parteien, soll Wahltag sein. Wie immer das Ergebnis auch aussehen mag: für jede denkbare Regierung bleibt die Auseinandersetzung mit jener mörderischen Kraft auf politisch verlorenem Posten die Hauptaufgabe.
Sie wird mit allen rechtsstaatlichen Mitteln geführt werden, so wie das in den vergangenen Jahren, auch dank der Kooperation des benachbarten Frankreich, mit immer stärkerem Druck und wachsendem Fahndungserfolg getan wurde. Das demokratische Spanien steht keineswegs am Rande des Abgrunds. Von dem versöhnlichen König Juan Carlos über den noch amtierenden Ministerpräsidenten Aznar bis zu den Spitzenkandidaten aller Parteien reicht der Bogen derer, die wehrhaftes Selbstbewußtsein signalisieren.
Spanien mag in der Europäischen Union das letzte und einzige Land sein, das aus weltfremden Quellen eines vorgestrig ethnischen Nationalismus noch einer solchen Bedrohung ausgesetzt ist. Alle Vergleiche mit Nordirland, Korsika oder auch dem Balkan hinken, wenn es um die Mentalität und Rationaliät in den Köpfen baskischer Extremisten geht. Das moderne Spanien mit seinem gemäßigten politischen Klima, seiner Prosperität und seiner gewollt europäischen Identität wird ihnen trotz aller Barbareien gewachsen sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2004, Nr. 61 / Seite 1
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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