Tibet

Seine Heiligkeit geht ins Internet

Von Florentine Fritzen, Aba

Manche Tibeterinnen wollen mit zwanzig noch keine Kinder

Manche Tibeterinnen wollen mit zwanzig noch keine Kinder

06. Januar 2006 Samstag abend ist Diskoabend. Das Gesetz gilt auch in Aba, wo die Luft dünn ist und die Hochebene weit, wo Yaks auf grasgrünen Wiesen grasen und 63.000 Menschen leben. Viele Einwohner von Aba sind jung. Anders als die han-chinesische Bevölkerungsmehrheit dürfen Tibeter auch ein zweites Kind bekommen; wenn sie ein paar hundert Yuan bezahlen, weniger als hundert Euro, sogar noch ein drittes.

Zu den wummernden Popklängen trinken die Jugendlichen von Aba chinesisches Bier aus Gefäßen in Schnapsglasgröße. Die Marke heißt „Blue Sword“. Eine Jungenclique hat sich die seidigen schwarzen Haare einheitlich zu wuscheligen Igelsträhnen aufgestellt. Aba liegt außerhalb der Autonomen Region, ganz im Osten des tibetischen Kulturraums. Die Disko hat eine Bühne, über der ein riesiges Wandgemälde des Potala-Palasts in der fernen Hauptstadt Lhasa prangt. Einst lebte dort der Dalai Lama. Eine andere Wandmalerei zeigt bunt verbleichende Gebetsfahnen, wie sie auf den nahen Bergen flattern.

Zwischen Glitter und Folklore

Junge buddhistische Mönche

Junge buddhistische Mönche

Der Jugendliche mit dem sperrigen Namen Kal Bzang Blo Gros Rgya Mtsho geht nie in die Disko, denn er ist eine Wiedergeburt. Nur das letzte Stündchen in seinem Tagesablauf ähnelt dem Alltag anderer Zweiundzwanzigjähriger: Gegen Mitternacht, wenn alle Sutren vorgelesen, alle Pilger empfangen, alle Einheimischen gesegnet sind, geht die Heiligkeit noch ein bißchen ins Internet. Dann klickt sich der Vorsteher des Bön-Klosters Nang Shig, Herr über 700 Mönche und Novizen, durch die chinesischen Nachrichten - dort draußen in seinem bunten Wohnhaus auf den Hügeln über Aba.

In der Disko wirft ein Halbstarker in Brokatjacke sein schulterlanges Haar vor und zurück. Lässig führt er mit dem Mikrofon durchs Programm, kündigt Schautanz- und Karaoke-Nummern an. Die Kostüme schillern zwischen Glitter und Folklore. Wem der Auftritt einer Tänzerin gefallen hat, der steht auf, geht vor zur Bühne und legt ihr einen glänzend weißen Glücksschal um den Hals. Genauso machen es die Mädchen, wenn sie die Karaokenummer eines Jungen besonders mochten. Begeistert begrüßen die Tibeter einige blonde Gäste aus dem fernen Westen: „I love you!“ Der englische Sprachschatz erstreckt sich meist auf diese drei Worte. Es gibt auch eine Tanzfläche in der Disko von Aba, aber die bleibt leer.

Mit sechs Jahren ins Kloster

Auch die Wiedergeburt überreicht Glücksschals. Das Empfangszimmer des Klosters ist mit dicken Teppichen ausgelegt. Die Besucher treten auf Strümpfen ein und verneigen sich vor dem in das starke rote Tuch der Mönche gewickelten Jungen. Er legt jedem einen Schal über den Nacken. Dann erzählt der Klostervorsteher, immer wieder verlegen lächelnd, seine Geschichte, einen narrativen Splitter aus der ewig kreisenden Geschichte von Werden und Vergehen. Seine Eltern erfuhren schon vor seiner Geburt, bei der nach dem Glauben der Bön viel mehr zur Welt kam als das Kind zweier Menschen, daß ihr Sohn die Wiedergeburt des 38. Rimpoche sein werde, der verstorbenen Heiligkeit von Nang Shig.

Mit zwei, drei Jahren schlich Kal Bzang Blo Gros Rgya Mtsho, dessen Berufung schon im Mutterleib begonnen hatte, ebendieser Berufung folgend, immer wieder in die Kapelle seines Elternhauses, um die Trommeln und Blasinstrumente auszuprobieren. Als er nach Nang Shig kam, war er sechs. Das Kloster hat nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Bön-Glauben zu tun, der frühen animistischen Religion Tibets: Im achten Jahrhundert verdrängte der Buddhismus die Schamanen und den Glauben an eine allbeseelte Natur, und der „geläuterte Bön“ ähnelt dem Buddhismus sehr.

Nicht alle Tibeter können Chinesisch

Die Altersgenossen der Wiedergeburt im nahen Aba leben in einer anderen Welt als der heilige Junge und doch in derselben, in einer Welt, in der das Sakrale bruchlos mit dem Profanen zu verschmelzen scheint. Die hungrige chinesische Moderne hat sich schon weit in die Berge hineingefressen. Ramschläden verkaufen Gebetsfahnen vom Meter und vergoldetes Teegeschirr und Anoraks mit Aufdrucken, die westlichen Markennamen zum Verwechseln ähneln. Junge Mönche steigen von ihren Mopeds ab und lächeln in ihre Mobiltelefone hinein. Die Neubauten von Aba verzieren goldene chinesische Schriftzeichen; manchmal ist darunter eine tibetische Übersetzung angeschlagen.

Tibetische Prinzessin mit Pfeil und Bogen

Tibetische Prinzessin mit Pfeil und Bogen

Trotzdem können nicht alle Tibeter gut Chinesisch, auch die jungen nicht. „Die Kinder aus Minderheitenfamilien werden in der Schule gehänselt, weil sie unsere Sprache nicht richtig sprechen“, sagt ein staatlicher Touristenführer in Peking. Er verkündet es im selben Ton, in dem er kurz zuvor vom gehobenen Lebensstandard der Chinesen gesprochen hat und von den Quadratmeterpreisen für Immobilien in den Städten, die sich den westlichen immer mehr annäherten.

Viele Menschen in Osttibet sind trotz der modernistischen Erschließung, der die Chinesen ihr Land unterwerfen, noch nicht an kulturell interessierte Horden gewöhnt, die sich durch ihre Dörfer pflügen. Auf einem Trekking im Himalaja beobachten sich jugendliche Yaktreiber und westliche Wanderer gegenseitig. Den letzten Abend verbringen alle zusammen im Zelt und singen sich ihre Volksweisen vor: Ein dumpfes „In München steht ein Hofbräuhaus“ begegnet einem jaulenden „Ich ziehe in die Ferne, da ist es schön, aber am schönsten ist es in der Heimat bei meiner Mutter“.

Liebeskummer im Zelt

Erst 22 und schon Klostervorsteher

Erst 22 und schon Klostervorsteher

Auch die beiden 21 und 23 Jahre alten Frauen, die das Trekking als Köchinnen begleiten, sitzen mit im Zelt. Zum Abendessen haben sie Reis, Yakfleisch und Kohlgemüse für die Trekker zubereitet, für jene Menschen, die freiwillig Nacht für Nacht auf mehr als 4000 Meter Höhe im Zelt mehr frösteln und Kopfschmerzen erdulden als schlafen, in einer Kälte, die den tibetischen Kindern violette Flecken in die Wangen treibt.

Noch eine Stunde zuvor lag die jüngere Köchin von Weinkrämpfen geschüttelt im Zelt. Schon zückten deutsche Gäste ihre homöopathischen Globuli, doch es war ein augenblicklich unheilbarer Liebeskummer wegen jenes Yaktreibers, der immer etwas abseits der Gruppe steht und funkelnde Blicke in die Runde schießt. Er ist der einzige in der Gruppe, der nicht voll und ganz Tibeter ist, denn seine Mutter kommt aus China. Jetzt aber ist die konkrete Liebe kurzzeitig vergessen, und die Tibeterinnen erzählen heftig kichernd, daß sich Jugendliche in Tibet auf Festen kennenlernten und daß der Mann, wenn ihm ein Mädchen gefalle, nachts zu ihm aufs Zimmer gehe. Von einem vielleicht Fünfzehnjährigen, der offiziell achtzehn ist, weil er sonst nicht bei der Tour mitarbeiten dürfte, behaupten die anderen Yaktreiber, er habe schon „vier- bis fünfmal Erfahrungen gemacht“.

Die Welt der Nomaden

Auf Pilgerreise

Auf Pilgerreise

Der chinesische Staat unterstütze die Geburtenkontrolle, sagen die Tibeterinnen. Frauen erhielten die Pille, Männer bekommen angeblich zehn Kondome pro Jahr. Für eine Hochzeit brauchen Paare in China einen „Eheerlaubnisschein“, der sie zum Heiraten und Kinderkriegen berechtigt. Junge Paare lebten, berichten die Yaktreiber, nach der Hochzeit bei den Eltern des Mannes, bis sie sich ein eigenes Haus leisten könnten. Auch wenn die Frauen das Recht, mehr als nur ein Kind zu bekommen, als Privileg empfinden, denken sie über das Kinderkriegen allenfalls theoretisch nach. Wenn sie nicht gerade in ihren amerikanisch anmutenden Tarnhosen und mit ihren Sternenbanner-Kappen auf Pferden sitzen und sich gelassen über 5000 Meter hohe Pässe tragen lassen, die die Fremden allein zu bewältigen entschlossen sind, arbeiten die beiden als Sekretärin und Buchhalterin.

Einige Kilometer von Aba entfernt haben zwölf junge Nomaden, Männer, Frauen und Kinder, vor zwei Tagen ihr Lager aufgeschlagen. Wieder eine ganz andere Welt in dieser ganz anderen Welt. Über dem Feuer im nach oben hin offenen Zelt köchelt Yakmilch, auf daß sie Käse werde. Draußen funkeln silbern die Eisenpferde der Männer - von Honda. Eine der Frauen hat vor vier Monaten im Zelt ein Baby bekommen. Einen Namen hat das Mädchen noch nicht, erst muß ein Lama kommen und ihn bestimmen. Ob sie schon einen Eheerlaubnisschein haben, fragt ein chinesischer Übersetzer. Er lacht ein wenig hilflos angesichts der arglosen Antwort des jungen Vaters: „Er weiß gar nicht, was ein Eheerlaubnisschein ist!“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.01.2006, Nr. 52 / Seite 12
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Florentine Fritzen, F.A.Z.-Florentine Fritzen, langyihuofo.com, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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