Anbau von Genmais

Schnipp und Schnapp mit der Natur

Von Florentine Fritzen

Genmais schmeckt nicht jedem

Genmais schmeckt nicht jedem

26. März 2008 Wenn Felix Prinz zu Löwenstein über Wolfgang Friedt spricht, dann nennt er ihn seinen „Lieblingsgegner“. Friedt ist Professor für Pflanzenzüchtung in Gießen und macht Versuche mit gentechnisch verändertem Mais. Löwenstein züchtet an der Bergstraße Kamille und Ringelblumen für Naturarzneien. Als Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), der die Öko-Branche politisch vertritt, kämpft er außerdem gegen Gentechnik auf den Feldern und in der Nahrung.

Der Bio-Landwirt mit der Nickelbrille und der Wissenschaftler mit der Lesebrille - beide grauhaarig, beide gern in Hemd und Jeans - begegnen sich nur selten. Wenn sie sich sehen, dann auf Podiumsdiskussionen über Gentechnik. Von denen gibt es in diesen Tagen allerdings wieder viele, denn im Mai steht die Aussaat von Mais an. Das gilt auch für die gentechnisch veränderte Sorte MON 810, die einzige transgene Pflanze, die in der EU zugelassen ist. Bis Ende Februar mussten Bauern und Forschungsinstitute beim Standortregister des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Braunschweig jene Flurstücke anmelden, auf denen sie die Samen gentechnisch veränderter Pflanzen aussäen wollen.

Proteste auf hessischen Äckern

Im Kampf gegen Gen-Technik blockieren Gegner einen Maisacker

Im Kampf gegen Gen-Technik blockieren Gegner einen Maisacker

Auch Wolfgang Friedt hat wieder drei Flurstücke angemeldet, die einzigen in Hessen. Deshalb protestieren derzeit fast jedes Wochenende Genmais-Gegner auf oberhessischen Äckern. „Feldbegehungen“ nennen sie diese Aktionen. Ein Öko-Bauer in der Gemarkung Rauischholzhausen in der Nähe von Marburg ist ihnen beigesprungen und hat verhindert, dass der Genmais an derselben Stelle angebaut werden kann wie in den vergangenen Jahren. Er beruft sich auf das neue Gentechnik-Gesetz, das einen Mindestabstand von 300 Metern zwischen Genmais- und Ökomaisfeldern vorschreibt.

Friedt sagt: „Wir sehen, dass wir es in Rauischholzhausen mit einer sehr fundamentalen Diskussion zu tun haben.“ Der Magistrat von Marburg hat die Universität Gießen vor wenigen Wochen aufgefordert, auf die Aussaat zu verzichten. Radikalere Gegner drohen Friedt mit Sätzen wie: „Wir wissen das zu verhindern.“ Voriges Jahr gab es auf den Äckern der Universität eine „Feldbefreiung“. So nennen die Aktivisten das Zerstören gentechnisch veränderter Pflanzen.

„Versuche, die kein Mensch braucht“

Felix Löwensteins BÖLW beschränkt sich auf Plakate und Pressemitteilungen. Der Landwirt hält es „für richtig, dass in unserer Demokratie das Gewaltmonopol beim Staat liegt“. Gegen Feldzerstörungen ist er auch aus praktischen Gründen: „Das bringt Konservative, die oft ebenfalls gegen Gentechnik sind, gegen uns auf.“ In seinem mit Büchern vollgestopften Büro kramt Professor Friedt eine Liste hervor. Sie verzeichnet sechzehn Standorte, die im Auftrag des Bundessortenamtes in Hannover prüfen, welche Eigenschaften gentechnisch veränderte Sorten im Vergleich zu herkömmlichen haben. Zwei davon sind in Hessen: Rauischholzhausen und Groß-Gerau, die Flurstücke der Universität Gießen. Friedts Mitarbeiter bauen jedes Jahr auf Parzellen in der Größe eines Tischs sechzig Maissorten an, davon sechs gentechnisch veränderte. Sie beobachten und beschreiben, wie sich die verschiedenen Maissorten verhalten.

Diesen Aufwand findet Felix Löwenstein unnötig: „Das sind Versuche mit Dingen, die kein Mensch braucht.“ Im Hof seines aus hessischem Sandstein gebauten Guts in Otzberg-Habitzheim tummeln sich rosa Schweine. Der Hausherr berät sich in der Scheune mit einem Arbeiter, führt dann aber ins Wohnzimmer und räumt eine Büchse „Red Bull“ vom Sofatisch weg. „Die brauchte meine Frau gestern Abend, um den Fernsehfilm zu überstehen.“ Der Öko-Landwirt ist kein Fanatiker. Ihm missfällt aber „aus grundsätzlichen Bedenken, wie weit wir uns von der Natur entfernen dürfen“, der Gedanke, dass Friedt mit Mais arbeitet, dem Gene eines Bakteriums eingepflanzt sind. Der Bazillus thuringensis (Bt) soll die Stauden resistent gegen den Maiszünsler machen, einen Schmetterling, dessen Raupen den Mais anfressen. Friedt sagt: „Das Bt-Konzept ist auf jeden Fall umweltverträglicher und beeinträchtigt Nützlinge weniger als der Einsatz von Insektiziden.“

Dampfwalzenmentalität

Löwenstein hingegen argumentiert mit der Nichtrückholbarkeit von Gen-Experimenten. „Wenn ein Käser seiner Milch Enzyme zusetzt und sein Nachbar nicht, dann können sie trotzdem miteinander Kaffee trinken, und der Kontakt hat keine Folgen.“ Aber beim Mais sei eine Vermischung allein durch den Pollenflug unvermeidbar - auch mit den Mindestabständen, die das Gentechnikgesetz zwischen Genmais-Feldern und anderen Maisfeldern festlegt: „Da muss nur ein Gewittersturm kommen.“ Dass Lebensmittel nicht vollständig vor Gentechnik zu schützen seien, widerstrebe ihm als Landwirt und als Konsument: „Ich will Wahlfreiheit.“

Gentransfer, sagt hingegen Friedt, sei in der Pflanzenzüchtung inzwischen gang und gäbe, wenn auch nicht Routine. Außerdem dürfe sich Europa in der Wissenschaft nicht von den Amerikanern und ihrer „Dampfwalzenmentalität“ abhängen lassen: „Das Wissen über Ernährung hat eine strategische Bedeutung.“ Über die Genmais-Gegner sagt der Wissenschaftler mit stillem Lächeln, die seien „ja auch nicht mehr die Jüngsten“. Seine Forschung diene vor allem dazu, die Erträge der Landwirtschaft zu steigern - so wie es schon seit hundert Jahren Aufgabe der Züchtung gewesen sei. Zugleich ist Wolfgang Friedt anzumerken, dass es ihm eine rein theoretisch-intellektuelle Freude macht, daran mitzuarbeiten, das Erbgut von Pflanzen zu entschlüsseln, genetische und Umwelteffekte auseinanderzurechnen: „Diese Zusammenhänge aufzuklären ist eine phantastische Sache.“

„Die Natur ist nicht so starr“

Für Löwenstein ist solche Forschung ein „Griff in den Instrumentenkasten“ - und somit verwerflich: „Wenn Professor Friedt sich vorstellt, dass man in der Natur - schnipp - an der einen Stelle mit der Schere etwas herausschneiden und es - schnapp - an anderer Stelle einfach wieder einsetzen kann, dann irrt er sich.“ Solche Präzision sei wegen der Komplexität des Systems Natur utopisch. „Da wird in einer großen schwarzen Box herumgefuddelt. „Das Gleichgewicht der Natur dürfe nicht gestört werden, weil die Folgen nicht absehbar seien. „Es gibt keine neue Technologie ohne Risiko.“

Friedt gibt zu, dass er diesem Argument letztlich nichts entgegenzusetzen hat. Welche Folgen die Veränderung von Erbgut habe, „das weiß kein Mensch“. Er erinnert aber daran, dass stets nur sehr kleine Veränderungen in Organismen vorgenommen würden - und außerdem lasse die Natur es ja auch zu, dass der Mensch Arten kreuze. Argumenten, die auf die angebliche Empfindlichkeit des natürlichen Gleichgewichts zielen, begegnet er mit einem Verweis auf die Evolution: „Die Natur ist nicht so starr. Die Natur probiert ständig aus.“

Gentechnik überflüssig

Dem stimmt Löwenstein sogar zu. Mehr noch, er findet, dass sich die Natur mit ihren Mutationen oft sehr viel schlauere Dinge gegen Schädlinge ausdenke als der Wissenschaftler im Labor. „Aber die Natur macht nicht den Schritt vom Tier oder Bakterium zur Pflanze.“ Das belegen nach seinen Worten auch „einige der wenigen Studien, die sich mit den Gefahren der Gentechnik auseinandersetzen“. In Ungarn wüchsen Maissorten, die resistent gegen den Maiswurzelbohrer seien, einen noch gefährlicheren Schädling als den Maiszünsler, der sich seit kurzem auch in Süddeutschland ausbreitet. „Diese Sorten werden jetzt gezüchtet und kommen bald auch auf den Markt.“ Da seien die gentechnisch veränderten Maissorten, die den Käfer umbrächten und auf deren Zulassung die Saatgut-Industrie dringe, völlig überflüssig.

Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema stehen der Gentechnik nach den Worten Löwensteins aber freundlich gegenüber, weil die Institute oder Unternehmen Geld mit der Gentechnik verdienten. Friedt, dessen Vorgänger noch selbst neue Pflanzen gezüchtet hat, experimentiert nur mit Sorten, die andere entwickelt haben. Der Wettbewerb sei heute zu groß. „Wir würden gern Sorten entwickeln, zumal damit Geld zu verdienen wäre - aber das überfordert uns.“

Ein Zauberwort fasziniert Löwenstein und seinen Lieblingsgegner gleichermaßen: „Smart Breeding“ basiert auf der Molekulargenetik, gezüchtet wird also im Labor und nicht im Feldversuch. Auf Gentechnik aber verzichtet die „Clevere Züchtung“, wie sie im Deutschen heißt. Im Gespräch mit Gentechnik-Forschern aus der Industrie hat Löwenstein oft festgestellt: „Das gemeinsame Vokabular fehlte.“ Vielleicht sollte er sich mit Wolfgang Friedt nach der nächsten Podiumsdiskussion einmal unterhalten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa

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