Massaker im Zweiten Weltkrieg

„Ich habe nur eine Brücke gebaut“

Von Karin Truscheit, München

Video in voller Größe

15. September 2008 Josef Sch. erscheint nicht als Greis vor Gericht. Eine Krücke hat er wohl dabei, doch die scheint ihm so lästig wie die Fotografen, Journalisten und „Antifaschisten“, die sich vor ihm aufgebaut haben. Letztere wundern sich, warum „so einer“ denn überhaupt einen Verteidiger hat. Und Josef Sch. wundert sich, was der ganze Zirkus um seine Person denn eigentlich soll.

Vor einer Woche hat Josef Sch. seinen 90. Geburtstag gefeiert, jetzt, an diesem Montag, sitzt er im grauen Janker zwischen seinen Anwälten, Haar und Manschetten in konkurrierendem Weiß. Den Blick hat er auf den Staatsanwalt geheftet, der die Greueltaten verliest, zu denen er vor 64 Jahren den Befehl gegeben haben soll.

Josef Sch. war in Abwesenheit bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden

Der Blick weicht auch nicht, als von der 74 Jahre alten Maria B. oder dem 16 Jahre alten Guido T. oder dem 20 Jahre alten Antonio G. die Rede ist, die in seinem Auftrag getötet worden seien. Da trommelt sein Verteidiger schon mit den Fingern auf dem Tisch.

Wegen Mordes an vierzehn italienischen Zivilisten muss sich Josef Sch. seit Montag vor dem Landgericht München verantworten. Vor zwei Jahren, im September 2006, hatte ihn deswegen ein Militärgericht in La Spezia in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Ausgeliefert werden konnte er aus rechtlichen Gründen nicht. Jetzt will ihn nun doch eine deutsche Staatsanwaltschaft zur Rechenschaft ziehen für Kriegsverbrechen, die er 1944 begangen haben soll.

Beschuss deutscher Soldaten aus dem Hinterhalt

Josef Sch. war im Juni 1944 Leutnant der 1. Kompanie des Gebirgs-Pionier-Bataillons 818. Zu den Aufgaben des Bataillons gehörte es, Brücken zu sprengen oder Sperren zu errichten, um ein Nachrücken der alliierten Truppen zu erschweren. Zudem unterstützen sie die deutschen Truppenbewegungen, zumal den Rückzug, indem sie beschädigte Brücken reparierten.

Auch am 26. Juni 1944 reparierten Angehörige des Bataillons 818 eine gesprengte Brücke in der Nähe von Falzano die Cortona, einem kleinen Ort in der Toskana. Drei Soldaten, die in der Nähe Gegenstände besorgen wollten, wurden dabei aus einem Hinterhalt von Partisanen beschossen. Zwei Deutsche wurden getötet, einem Soldaten gelang es, sich verwundet zur Einheit durchzuschlagen und von dem Überfall zu berichten.

Im Zuge eines Gegenschlags erschossen Soldaten Zivilisten

Nach dem Anklagevorwurf hätten danach sowohl der Major Herbert S., gegen den ebenfalls ermittelt wird, als auch Josef Sch. einen Gegenschlag zur Vergeltung geplant. Die Soldaten sollten, von Sch. dazu aufgefordert, die Gegend durchsuchen und mehrere Personen, überwiegend Männer, festnehmen. Über 30 Soldaten durchkämmten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft daraufhin das Gelände.

Im Verlauf der Aktion am 26. oder 27. Juni 1944 erschossen die Soldaten eine 74 Jahre alte Frau, einen 55 Jahre alten Landarbeiter und einen 39 Jahre alten Mann. Auch ein 21 Jahre alter Bauernsohn, der sich gerade verstecken wollte, wurde getötet. Außerdem nahmen die Soldaten der 1. Kompanie des Pionierbataillons 13 italienische Männer im Alter von 15 bis 74 Jahren fest. Einer konnte fliehen, ein anderer Mann wurde wieder freigelassen.

Das Haus mit den Gefangenen wurde gesprengt

Die übrigen elf Gefangenen sollten sich sodann vor der Mauer eines Bauernhauses in Falzano die Cortona aufstellen. Während eines zweistündigen Verhörs, in dem sie bestritten, zu den Partisanen zu gehören, mussten die Männer mit ansehen, wie in nächster Nähe Pfarrhaus, Teile der Kirche und andere Häuser in die Luft gesprengt wurden. Dann sperrte man sie in das Erdgeschoss eines anderen Bauernhauses, der „Casa Cannicci“. Kurz darauf wurde das Haus gesprengt.

Nur der 15 Jahre alte Gino M. überlebte schwerverletzt, da ihn Balken und der Körper eines Opfers vor den Trümmern schützten. Auch die Maschinengewehrsalven, die die Soldaten nach der Explosion in die Trümmer feuerten, als noch Schreie zu hören waren, verfehlten ihn. Stunden später fand ihn eine Frau, als die Soldaten längst weitergezogen waren. Alle anderen waren tot.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

So sehen es Staatsanwaltschaft und die Vertreterin der Nebenklage, die die Angehörigen der Opfer – zumeist deren Kinder – vertritt. Josef Sch. bestreitet alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe in einer Erklärung, die sein Verteidiger verliest. Weder habe er den Befehl dazu gegeben, noch habe er sich überhaupt am Tatort aufgehalten. „Ich hatte die Aufgabe, eine Brücke innerhalb von 24 Stunden zu reparieren. Sonst wäre der deutsche Rückzug behindert worden.“

Die Masse der Kompanie sei durch den Brückenbau gebunden gewesen – unter seiner Führung. So argumentieren seine Verteidiger, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Pioniere sollten Brücken reparieren und Stellungen bauen – mehr lag nicht in ihren Befugnissen. Keine Augenzeugen, keine Ohrenzeugen, keine Briefe oder Tagebücher würden dokumentieren, was die Anklage Josef Sch. vorwerfe.

„Es gibt Fälle, in denen Soldaten sich geweigert haben, Zivilisten zu töten“

„Einen solchen Befehl hat er nicht gegeben.“ Wenn nicht er, wer dann? „Ein Sachverständiger wird klären, dass diese Aktion nur von einer übergeordneten Kommandobehörde befohlen worden sein kann.“ Auch eine neue Tätergruppe liefert die Verteidigung: Italienische Soldaten in schwarzen Uniformen, Getreue des gestürzten Mussolini, hätten sich am Tatort aufgehalten. Aufklären kann dies nach Ansicht der Verteidiger nur ein sachverständiger Oberst a. D. LKA-Beamten, Polizisten und Historikern, die jahrelang an diesem Fall ermittelt haben, sprechen sie jede Kompetenz ab.

Erforderlich sei militärische Sachkunde, sagen sie – und meinen damit den Stallgeruch der Gebirgstruppe. An deren Treffen des „Kameradenkreises“ nimmt nach Zeitungsberichten auch Josef Sch. noch teil, wie zum Beispiel an der jährlich zu Pfingsten in Mittenwald stattfindenden Veteranenfeier, die oft von Protestaktionen begleitet wird. Kritisiert werden die Gebirgsjäger, weil sich viele nach Ansicht von Historikern einer offenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verschließen.

Die Kriegsverbrechen, die zum Beispiel Mitglieder der 1. Gebirgsdivision begangen haben, hat Hermann Frank Meyer in seinem Buch „Blutiges Edelweiß“ untersucht. Meyer widerlegt darin das oft vorgebrachte Argument, die Soldaten hätten nur Befehle ausgeführt und sonst drastische Konsequenzen zu fürchten gehabt. Es gebe durchaus Fälle, in denen sich Soldaten geweigert hätten, Zivilisten zu töten.

Vor dem Landgericht München hat ein Prozess gegen den 90 Jahre alten Josef Sch. begonnen. Der ehemalige Gebirgsjäger soll 1944 italienische Zivilisten ermordet haben. Seine Verteidiger bestreiten das – Sch. habe nur die Aufgaben von Pionieren versehen.
Von Karin Truscheit

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZfinance.NET: Zinsentwicklung

Optimieren Sie Ihre Anlagestrategie

Profitieren Sie von der F.A.Z.-Zinsentwicklungsübersicht und vergleichen Sie beispielsweise verschiedene Refferenzzinssätze bei Tagesgeldkonditionen oder bei Krediten.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche