Von Lothar Rühl
26. Januar 2007 Der Abschuss eines ausrangierten chinesischen Wettersatelliten im Inneren Weltraum durch eine chinesische Mittelstreckenrakete ist ein Beweis technischer Leistungsfähigkeit, aber kein großes Ereignis. Größere Ereignisse wird es in Zukunft geben, denn China ist auf dem langen Weg zur globalen Macht.
Bisher sind da nur die ersten Schritte getan. Die Antwort auf die Frage, ob die technologische und militärische Rüstung Chinas zur strategischen Konkurrenz mit Amerika, mit Russland, mit Japan oder mit Indien wird, liegt noch weit in der Zukunft, vermutlich jenseits der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts.
Amerikanische Wachsamkeit
Dies ist zwar kein ganz ferner Zeithorizont. Doch es ist auch keine unmittelbare Perspektive militärischer Konfrontationen in Asien und im Pazifik, geschweige denn eine Bedrohung Amerikas oder Australiens durch eine auf Weltraumsatelliten gestützte Angriffsfähigkeit Chinas mit Raketen und Atomwaffen.
Die Reaktionen in Washington und Canberra auf den gelungenen Raketenversuch sind präventiver Natur, zudem ritueller Art: China soll gewarnt werden, die Satelliten- und Raketenentwicklungsprogramme in Amerika sollen mit einer chinesischen Gefahr begründet, die Klienten Amerikas im Westpazifik und in Asien der amerikanischen Wachsamkeit für die gemeinsame Sicherheit versichert werden. Und sie sollen sich daran erinnern, dass diese Sicherheit nur von Amerika gewährleistet werden kann.
Globale Handlungsfähigkeit
Dies ist besonders nützlich im Verhältnis zu Japan. Tokio wird ohnehin von Washington politisch gefordert, das bündnisartige Schutzverhältnis zu Amerika mit militärischen Anstrengungen und Aufwendungen zum Aufbau einer offensivfähigen, weiträumig beweglichen See- und Luftverteidigung mit Raketenabwehr aufzuwerten, um damit Amerika im Fernen Osten zu entlasten. Auf diese Weise soll auch die militärische und rüstungstechnische Kooperation zwischen Amerika, Japan und Australien gestärkt werden, in die Südkorea, Taiwan, die Philippinen und Singapur (mehr oder weniger) einbezogen sind.
China hat seit Deng Hsiao Ping, seit Ende der siebziger Jahre, im Rahmen der Modernisierung seine Streitkräfte stetig umgebaut und partiell auch aufgerüstet. Dieser Prozess wird fortgesetzt werden. Aber es ist unverkennbar, dass China als eine asiatische Macht auch global handlungsfähig werden will, was Nachteile gegenüber Russland, Japan und Amerika ausgleichen würde und Peking Vorteile gegenüber Indien verschaffte.
Kein Interesse an Provokationen
Technisch wie industriell liegt China weit hinter Japan und Amerika zurück. Es ist auf Technologie aus dem Ausland angewiesen, die es angesichts amerikanischer Export-Restriktionen vor allem in Europa zu gewinnen versucht. Es ist abhängig vom Außenhandel und von fremden Investitionen wie nie zuvor in seiner Geschichte.
In dieser Phase seiner Eingliederung in den Welthandel und in die internationale Politik wird Peking Amerika nicht provozieren wollen. Doch die eingeleiteten Programme werden, je nach den Möglichkeiten der chinesischen Wirtschaft und nach den politischen Prioritäten, fortgesetzt werden. Momentane negative Reaktionen im Ausland, auch in Amerika, können dafür in Kauf genommen werden, zumal sie bisher Peking offenkundig nicht erschreckt haben.
Gerade deshalb hat man in Washington ein Warnsignal gesetzt und offen darüber spekuliert, ob die chinesische Staatsführung über den Raketen/Satelliten-Test in etwa 800 Kilometern Höhe über der Erde vorher informiert war. China oder das chinesische Militär (wie immer man will) hat damit demonstriert, dass es fremde, also amerikanische oder russische Satelliten mit einer Rakete treffen und zerstören kann.
Streben nach Ebenbürtigkeit mit Großmächten
Das für das ungeduldige Amerika lange Schweigen in Peking über diesen gelungenen Versuch kann verschiedene Gründe haben. Washingtons Signal war mit einem Appell an Peking verbunden, im Sinne der internationalen Rüstungskontrolle und Kooperation für Sicherheit bessere Kommunikation zwischen den Regierungen zu etablieren. Das könnte sinnvoll sein, würde aber das eigentliche Problem nur an der Oberfläche berühren: China strebt nach internationaler Ebenbürtigkeit mit Amerika und mit Russland, einem seiner beiden größten Nachbarn auf dem asiatischen Kontinent, den es in absehbarer Zukunft zu überflügeln trachtet.
Die Großmächte-Verträge über strategische Kernwaffen wie die Verhandlungen über Waffensysteme im Inneren Weltraum und über dessen Nichtnutzung zu militärischen Zwecken wurden zwischen Washington und Moskau geführt, ebenso die über eine Begrenzung der Kernwaffenversuche. Peking verschließt sich solchen Verträgen nicht im Prinzip, verweigert aber einen Anschluss an amerikanische oder russische Initiativen, ähnlich wie in Europa Frankreich und wie in Südasien bisher Indien und Pakistan.
Globale Verhandlungsmacht im großen Spiel
Die internationale Rüstungskontrollkoalition zwischen den beiden älteren Großmächten, von denen nur Amerika als Weltmacht übrig geblieben ist, und der großen Zahl minder bedeutender Staaten, darunter allen europäischen außer Frankreich, ist jedenfalls nicht das globale Ordnungsmuster, das man in Peking für China gelten lassen will. Dies dürfte in Wahrheit auch auf Indien zutreffen.
Beide Länder sind die mit den größten Bevölkerungen der Welt und mit halbkontinentalen Wirtschaften oder Märkten. Beide haben Erfahrungen mit kolonialer Beherrschung durch fremde Mächte und mit Krieg gegen diese. Chinas Ziel dürfte es sein, künftig nicht ohne Abwehr gegenüber amerikanischen Aufklärungskapazitäten zu bleiben, sein Land nicht einfach für eine unbegrenzte Beobachtung aus dem Weltraum mit militärisch nutzbaren Satelliten offen bleiben zu lassen.
Früher oder später werden Verhandlungen darüber in Gang kommen, wie eine militärische Nutzung des Weltraums ausgeschlossen werden kann. Daran könnte sich China dann als formal (nicht materiell) gleichwertige Macht mit Satelliten- und Raketenpotentialen beteiligen und so als weltraumfähige wie als nukleare Großmacht auftreten. Solche Potentiale sind nicht nur internationale Statussymbole, sondern auch politische Trümpfe im großen Spiel globaler Verhandlungen. All dies wird zwar nicht laut gesagt, aber es ist erkennbar und nachvollziehbar.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: REUTERS