Von Heinz-Joachim Fischer
20. April 2005 Von seinen Jahren, seiner Erfahrung und seiner theologischen Bildung bot Joseph Ratzinger den Kardinälen der römischen Kirche Sicherheit - zumindest einer Zwei-Drittel-Mehrheit plus einer Stimme im vierten Wahlgang.
Zweimal stieg schwarzer Rauch auf, nach dem erfolglosen ersten und dritten Wahlgang. Dann wählten die Kardinäle den Deutschen. Mit 78 Jahren einen Papst des Übergangs, auch wenn man sich darin täuschen kann. Auf jeden Fall einen Papst, der sich Zeit seines Lebens als unzweifelhaft gut-katholisch ausgewiesen hatte.
Ein deutscher Papst
Ein Deutscher kann nie Papst werden, hieß es lange Zeit, aus historischen und völkerpsychologischen Gründen. Joseph Kardinal Ratzinger, am 16. April 1927 im bayerischen Marktl am Inn geboren, also unzweifelhaft Deutscher, ist es geworden.
Die Londoner Wettbüros sahen andere vorn. Doch immerhin begann die angesehene Mailänder Zeitung Corriere della Sera die Vorstellung der Papabili, der Papst-fähigen Kardinals-Kandidaten für das Konklave, die Papstwahl in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans, vor einer Woche mit Joseph Ratzinger. Der bekannteste deutsche Kardinal wurde vorgestellt unter dem Titel: Wächter des Glaubens, von Wojtyla ausgewählt: Die Güte besteht darin, nein zu sagen.
Als Ratzinger bei der ersten Generalkongregation der Kardinäle nach dem Tod Johannes Pauls II. die Augen der Kollegen auf sich gerichtet fühlte, behielt er - bisher, seit 1981/82, Präfekt der Glaubenskongregation des vatikanischen Verfassungs-Ministeriums für die katholische Kirche - sein undurchdringliches Gesicht bei: nicht unfreundlich, aber auch nicht strahlend. Man weiß, daß er leichter ausforschen, auf den Grund der theologischen Argumente und kirchenpolitischen Analysen blicken kann, als daß ihm unbedachte Äußerungen zu entlocken sind.
Der Vater war Gendarm
Er stammt aus einer einfachen Familie, nicht reich, aber auch nicht arm. Der Vater war bayerischer Gendarm. Über seine Kindheit und den späteren Werdegang hat Joseph Ratzinger in einer kleinen Autobiographie selbst Auskunft gegeben. Man war damals, selbst im Dritten Reich, einfach katholisch und wollte nichts anderes sein. Nicht kritisch, nicht bigott, einfach katholisch, mit Anflügen von liberaler Lebensfreude. Das prägte ihn.
Als der Kölner Kardinal-Erzbischof Frings den jungen Theologieprofessor Ratzinger als seinen Berater zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) mitnahm, wollte der Teenager, wie er damals von den älteren Kollegen - ebenso wie sein Altersgenosse Hans Küng, der dann ganz andere Wege ging - bespöttelt wurde, manches in der Kirche verbessern. Etwa die Verfahrensordnung im damaligen Heiligen Offizium, jenem vatikanischen Glaubensministerium, das er von 1981 an als Präfekt selbst leiten sollte.
Im wesentlich freundlich
Die Welt, wie sie damals von den Konzilsvätern wohlwollend betrachtet wurde, erschien auch ihm noch im wesentlichen freundlich. Erst als er vom Konzil heimgekehrt war, als der Professor langsam eine neue Wirklichkeit der Gesellschaft wahrnahm, wurde es anders. Besonders als die Studenten der 68er-Generation immer respektloser mit Religion, Christentum und Kirche umgingen, er sich aber nicht wie andere darauf einlassen wollte, wandelte sich Joseph Ratzinger vom teilweisen Reformer zum vorsichtigen Konservativen.
Mit scharfem Intellekt hielt er am Bewährten des Katholischen fest und zerlegte die moderne Gesellschaft mit ihren wechselnden Geistesströmungen in einzelne Widrigkeiten für den christlichen Geist. Für die Kirche sah er konservative Reformen vor, Besinnung auf die Substanz, so der Tenor seines Buches von 1968 mit dem Titel Einführung in das Christentum. Mit diesem Bekenntnis wurde er über seine Universität hinaus berühmt.
Manches Mutige, manches Konservative
Auch bei dem damaligen Papst, Paul VI. (1963 bis 1978). Der las das ins Italienische übersetzte Buch, das mit dem Satz begann: Die Frage, was eigentlich Inhalt und Sinn christlichen Glaubens sei, ist heute von einem Nebel der Ungewißheit umgeben wie kaum irgendwann zuvor in der Geschichte. Dem wollte Joseph Ratzinger abhelfen. Das gefiel nicht nur Paul VI., sondern auch dem Kardinal-Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, dem späteren Johannes Paul II.
Denn da stand manches Mutige drin, nicht nur Konservatives, sondern auch Vorausschauendes, Sinnstiftendes. Als nach dem Tod von Kardinal Döpfner im Juli 1976 der Erzbischofsstuhl von München zu besetzen war, sollte sich nach päpstlichem Willen der Professor als erzbischöflicher Seelsorger, im unmittelbaren Kontakt mit den Gläubigen und den Pfarrern, bewähren. Das gelang in Oberbayern nicht immer.
Gegen den Strom
Für das weitere Voranschreiten in der Kirche waren andere Qualitäten wichtiger. Paul VI. berief ihn nur wenige Wochen nach der Ernennung und Weihe zum Bischof (25. März und 28. Mai 1977) in den obersten Senat der Kirche (27. Juni 1977), in das Kardinalskollegium, gleichsam als ein letztes Vermächtnis, daß dieser Theologe der Kirche noch Wichtiges zu geben habe.
In der Deutschen Bischofskonferenz blieb Joseph Ratzinger jedoch einer, der sich auch gegen den Strom des engagierten und etablierten deutschen Katholizismus zu schwimmen getraute. Die deutsche Staatskirche blieb ihm wohl fremd; ihr Fundament erschien ihm nicht fest genug. Dem Münchner Ratzinger fiel das Werben für seine Ideen zudem schon immer nicht leicht. Er war zufrieden, wenn er sie mit zahlreichen Büchern und Artikeln, Predigten und Ansprachen in die Welt gesetzt hatte.
Kein schlechter Einfall
Da war es vielleicht kein schlechter Einfall, daß Johannes Paul II. ihn im November 1981 aus Deutschland abberief und ihm die Leitung der Glaubenskongregation anvertraute. Johannes Paul II. sah, daß die Weltkirche Ratzingers theologischen Kopf und die scharfen Analysen der gesellschaftlichen Entwicklungen nötiger brauchte als das Erzbistum den Seelenhirten. Seitdem prägte der mächtigste Deutsche im Vatikan die katholische Milliardengemeinschaft nach der Doppeldevise: Die Kirche soll lieber im wesentlichen bleiben, wie sie ist; die Menschen tun gut daran, nicht so zu werden wie die moderne Gesellschaft.
23 Jahre hat Ratzinger dieses Verfassungsministerium geführt, nicht nach rechts und nicht nach links schielend, wo der größere Beifall zu gewinnen oder das nicht ausbleibende Mißfallen - zuweilen auch Kritik bis zu eifernder Ablehnung selbst bei engagierten Katholiken - hervorzurufen sei.
Ein starker Theologe
Der starke Papst ertrug einen starken Theologen neben sich, dessen theologischen Ideen und gesellschaftlichen Analysen auch jene Beachtung schenkten, die sie nicht teilten. Kühl wirkte er dabei bisweilen wie jemand, der aus Verletzlichkeit Abstand zwischen sich und den anderen schaffen müsse und dies nur mit Hilfe seines scharfen Verstandes schaffen konnte.
Für Aufsehen sorgte in seinen ersten Dienstjahren die Auseinandersetzung mit der Befreiungstheologie. Hier unterschied er scharf zwischen Strömungen, die mit der Glaubenslehre der Kirche vereinbar seien und solchen, die es nicht seien. Aber auch zu vielen anderen Fragen und Bereichen der Glaubens- und Sittenlehre stellte Ratzingers Behörde dar, was Lehre der Kirche sei und wo die Grenzen lägen.
Scharfer Intellekt
Bewunderer wie Kritiker würdigen seinen scharfen Intellekt, seine klaren Analysen, seine geschliffene Sprache und seinen weiten theologischen Horizont. Für weltweite Debatten sorgte im September 2000 die von ihm verfaßte Erklärung Dominus Iesus, in der er die Einzigartigkeit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und die besondere Stellung der katholischen Kirche hervorhob.
Nicht nur als vatikanischer Amtsträger, sondern auch als Theologe von Weltruf hat Ratzinger in den vergangenen Jahren weiter gearbeitet und publiziert. In Büchern, Interviews und Studien legte er Analysen zum Zustand von Kirche und Gesellschaft vor, die in ihrer Offenheit nicht allen gefielen und wohl auch nicht nur gefallen wollten.
Im Umgang gewinnend
Wiederholt beklagte er den Verlust des Heiligen etwa in der Liturgie oder der Kirchenarchitektur. In einer vielbeachteten Zustandsbeschreibung verglich Ratzinger die nachkonziliare Kirche mit einer Baustelle, an der jeder nach eigenem Gusto herumwerkele, weil der Bauplan verlorengegangen sei. Immer wieder warnte er von einer undifferenzierten Konzils-Begeisterung, zeigte wenig Sympathie für den Ruf nach einem Dritten Vatikanischen Konzil: Das Zweite, so sagt er, sei längst noch nicht aufgearbeitet und umgesetzt.
Dabei war er im vertrauten, persönlichen Umgang gewinnend, von menschlicher Liebenswürdigkeit, die an seinen Mitmenschen herzlich interessiert sein konnte. Da war er nicht der gefürchtete Großinquisitor, sondern ein Priester, der sich um die Menschen sorgte. Oder wie es Joseph Ratzinger im Augenblick seines größten, nie angestrebten Triumphes auf der Mittelloggia von Sankt Peter bei seiner Vorstellung, vor dem ersten Segen, der Stadt Rom und dem Erdkreis sagte, ein demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn.
(Siehe auch: Ein deutscher Papst?)
Text: hjf., F.A.Z.
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