Holocaust

Ein Wort für das Namenlose

Von Volker Zastrow

27. Januar 2005 Der 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 offiziell der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, er wird an diesem Donnerstag zum zehnten Mal begangen. Da die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Streitkräfte am 27. Januar 1945 nun sechzig Jahre zurück liegt, gibt es in diesem Jahr zahlreiche offizielle Akte im Gedenken an die industriemäßige Vernichtung insbesondere der Juden, bis hin zur ersten Vollversammlung der Vereinten Nationen aus diesem historischen Anlaß.

Zu den Ereignissen dieser Woche gehört auch, daß es der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag gelang, einen Skandal anzuzetteln, indem sie sich einerseits dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus verweigerte und andererseits den Begriff eines „Bomben-Holocaust“ aufbrachte - was wegen der offenkundig damit verbundenen Absicht, deutsche Bombenkriegsopfer gegen jüdische Opfer des nationalsozialistischen Genozids in Stellung zu bringen, weithin Empörung hervorrief.

„Nuklearer oder atomarer Holocaust“

Der Begriff Holocaust ist indes schon früher auf den Bombenkrieg angewandt worden, erst seit dem Ende der siebziger Jahre wird er zunehmend ausschließlich auf den Judenmord der Nationalsozialisten bezogen. Verfestigt hat sich das erst in den neunziger Jahren, noch in den Achtzigern benutzte die Friedensbewegung das in eine befürchtete Zukunft weisende Wort vom nuklearen oder atomaren Holocaust.

So beschwor der heutige Bundesinnenminister Schily (heute SPD, damals Sprecher der Grünen) den „atomaren Holocaust“; Ludger Volmer, in der vergangenen Wahlperiode noch Staatsminister im Auswärtigen Amt, benutzte diesen Ausdruck noch 2002 in einem Aufsatz. Dahinter steckt natürlich nicht die jetzt der NPD zurecht unterstellte Absicht, den Opfern eines sowohl in seiner spezifischen Form als auch der schieren Zahl nach singulären Staatsverbrechens den geschuldeten Respekt zu verweigern.

In der deutschen Sprache gibt es für die Judenvernichtung keinen festen Begriff. Eingebürgert hat sich seit den Frankfurter Strafprozessen der sechziger Jahre „Auschwitz“ als konkretes Symbol des bürokratisch geregelten Massenmordes vor allem an Juden, aber auch anderen Minderheiten. Der Ausdruck Holocaust ist aus dem Amerikanischen nach Deutschland gekommen; mit der Ausstrahlung der Fernsehserie gleichen Namens im Januar 1979 begann er sich zügig durchzusetzen. Das auch im Deutschen zuvor existierende Fremdwort „Holokaust“ war ungebräuchlich, auch in wichtigen Wörterbüchern wird es nicht verzeichnet (wie bis in die achtziger Jahre hinein auch nicht die angelsächsische Schreibung mit „c“).

Der Ursprung

Die Schreibung mit „k“ entspricht der Herkunft aus dem Griechischen; „holo-“, und das Verbaladjektiv „kaustos“ bedeuten „ganz“ und „verbrannt“. Bei dem Geschichtsschreiber Xenophon ist das Wort zum ersten Mal nachweisbar für ein Ganzbrandopfer, also ein vollständig zu verbrennendes Opfertier (gewöhnlich wurden nur die ungenießbaren Teile geopfert). In der griechischen vorchristlichen Bibelübersetzung, der Septuaginta, kommt das Wort „holokaustos“ als Übersetzung des Hebräischen „ola“ mehr als hundertmal vor. In der lateinischen Vulgata wurde daraus „holocaustum“, das so, als „holocaust“, Eingang in die angelsächsischen Sprachen fand und zu einem vergleichsweise gängigen Begriff auch in der schönen Literatur wurde. In Deutschland kam es nicht zu dieser Entwicklung, weil in Luthers Bibelübersetzung grundsätzlich deutsch von „Brandopfer“ die Rede ist.

Tatsächlich ist das Wort wegen seiner sakralen Konnotationen in seiner Anwendung auf den Massenmord an den Juden immer wieder auch der Kritik begegnet. Dennoch wurde es schon im Dezember 1942 auf die Vernichtungsmaschine angewandt, die in Auschwitz bereits im Sommer in Gang gesetzt worden war. Der Begriff meinte schon damals nicht etwa ein gottwohlgefälliges Opfer, sondern die umfassende Vernichtung.

Die britische Tageszeitung „News Chronicle“ verknüpfte als erste mit dem Stichwort Holocaust die Einschätzung, daß Hitler die Auslöschung der Juden plane (“the Jewish peoples are to be exterminated“). Im März des darauffolgenden Jahres verlautete im Londoner Oberhaus die Einschätzung, womöglich würden nur einige hundert oder tausend Juden diesem „holocaust“ entfliehen können - so der Viscount Samuel.

Die vollkommene Einäscherung

Eine Ausschließlichkeit des Begriffs „Holocaust“ für die Judenvernichtung gab es nicht und konnte es damals auch nicht geben. Vielmehr wurde er auch auf die Bombenopfer angewandt. Das entsprach seiner Bedeutung im angelsächsischen Sprachraum. Amerikanische Offiziere benutzten ihn zu Beginn der Besatzungszeit in Japan zur Beschreibung dessen, was sie in Hiroshima und Nagasaki gesehen hatten - eben die vollkommene Einäscherung vormals dicht besiedelter Stadtzentren -, doch auch für die vorhergehenden Angriffe auf japanische Städte mit Brandbomben.

Das wurde schließlich von der Militärzensur unterbunden; hierdurch wurde die Ablösung des etymologisch keineswegs unpassenden Holocaust-Begriffs von Hiroshima eingeleitet. Doch schrieb beispielsweise der amerikanische Kommandeur des Angriffs auf Tokio am 9. März 1945, Brigadegeneral Powers, noch 1965 in seinen Erinnerungen: „Ich sah Häuserblock auf Häuserblock in Flammen aufgehen, bis der Holocaust sich zu einem kochenden, wirbelnden Feuerozean ausgebreitet hatte, der die Stadt unter mir auf Meilen in jeder Richtung umschloß.“

Seit 1972 im populären Sprachgebrauch

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich in einem Teil der englischsprachigen Geschichtsschreibung der Holocaust als Sammelbegriff für die Judenvernichtung bereits verbreitet, im populären Sprachgebrauch erscheint er zum ersten Mal 1972 in Frederik Forsyths Roman „Akte Odessa“. In Israel wurde der Holocaust zunächst nicht als zentraler Terminus verwandt; dort stand und steht bis heute der eher säkulare hebräische Ausdruck „Schoa“ im Vordergrund.

Er hat sich in den späten vierziger Jahren dort durchgesetzt und bereits Eingang in die Unabhängigkeitserklärung von 1948 gefunden. Der Tag des Gedenkens an die Schoa - Jom Haschoa we Hagwura, kurz: Jom Haschoa - wird in Israel seit 1951 mit zunehmender Verbindlichkeit begangen; zentraler Ort des Gedenkens ist Yad Vashem, das den Gedenktag in englischsprachigen Publikationen indes auch als „Holocaust Martyrs' and Heroes' Remembrance Day“ bezeichnet. Er fällt auf den 27. Nisan des jüdischen Kalenders, liegt also nach unserem im April oder Mai. Das Datum knüpft an den Aufstand im Warschauer Ghetto an (als Stichtag gilt der 19. April 1943).

Holocaust-Gedenktage auf der ganzen Welt

Der Jom Haschoa hat auch im Jahreskreis der jüdischen Gemeinden in der Diaspora seinen festen Platz. Seit den neunziger Jahren hat eine Vielzahl von Staaten offiziell einen Tag eingeführt, an welchem der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten gedacht wird, oft, aber nicht allenthalben, unter dem Oberbegriff Holocaust. Staaten mit solchen Gedenktagen in Europa sind Italien, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Schweden.

Nicht überall hat man, von Auschwitz ausgehend, den 27. Januar gewählt; in Frankreich etwa dekretierte Präsident Chirac 1995 dafür den 16. Juli; an diesem Tag im Jahr 1942 begann die Deportation der französischen Juden. In Holland wird, schon seit dem Weltkriegsende, am 4. Mai der Opfer insgesamt gedacht.

In den osteuropäischen Ländern gibt es ebenfalls unterschiedliche (Holocaust-)Gedenktage: den 29. September in der Ukraine, den 3. Mai in der Tschechischen Republik, den 16. April in Ungarn, den 10. September in der Slowakei. Die drei baltischen Staaten haben (auch so benannte) Holocaust-Gedenktage am 29. September (Litauen), 4. Juli (Lettland) und 27. Januar (Estland). In Polen konzentriert sich das Gedenken auf den 19. April. In den Vereinigten Staaten hat ein Bundesgesetz den 27. Nisan festgehalten, die Bundesstaaten sind aber frei, über Gedenktage, Inhalt und Gestaltung von Zeremonien zu entscheiden.

In Afrika, Lateinamerika und Asien gibt es keine solchen Gedenktage. In Deutschland wurde der Vorschlag für einen Gedenktag im Mai 1995 vom damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, gemacht. Er fand sofort bei allen Parteien Zustimmung unter der Voraussetzung, daß es kein arbeitsfreier Tag sein sollte. Unter den infrage kommenden Daten kristallisierte sich schnell der 27. Januar heraus; Bundespräsident Herzog erklärte ihn am 3. Januar 1996 durch Proklamation zum Tag des Gedenkens.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2005, Nr. 22 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

 
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